Ein verlorenes Schuljahr: Wenn Bildung vom Wohnort abhängt
Marode Schulen, Lehrermangel und Unterrichtsausfall: Warum das Recht auf Bildung nicht vom Wohnort und dem Einsatz der Eltern abhängen darf. Ein Kommentar zu den Schülerprotesten in Frankreich.
Brennende Barrikaden bei einem Schülerprotest in Frankreich. Hinter der Wut stehen Forderungen nach besseren Schulen, weniger Unterrichtsausfall und mehr Chancengleichheit.
Foto: picture alliance / Hans Lucas | Quentin Top
Die einzigen Unterrichtsstunden, die ich als Schülerin in Paris je geschwänzt habe, waren die, in denen ich demonstrieren ging. In Frankreich gehört das fast zum Erwachsenwerden: auf die Straße gehen, widersprechen, sich einmischen. Lernen, dass man eine Stimme hat.
Heute demonstrieren Jugendliche in meiner Heimat für etwas, das eigentlich selbstverständlich sein sollte: das Recht zu lernen. Sie beklagen fehlende Lehrkräfte, überfüllte Klassen und marode Schulgebäude.
Über die Art ihres Protests lässt sich streiten. Brennende Reifen und fliegende Steine sind keine Argumente. Aber wer über die Wut dieser Jugendlichen urteilt, sollte auch fragen, woher sie kommt. Was macht es mit jungen Menschen, wenn sie täglich erleben, dass ihre Bildung offenbar weniger zählt als die anderer?
Fast ein Schuljahr Unterricht verloren
Lehrerinnen und Lehrer warnen seit Langem vor Zuständen, die kaum noch hinnehmbar sind. Berichte aus einzelnen Schulen lesen sich wie eine Aufzählung dessen, was man Kindern nicht zumuten sollte: Wasser in Klassenräumen, Ratten in den Fluren, herabfallende Deckenteile.
In Seine-Saint-Denis schätzte der Elternverband FCPE bereits 2019, dass sich Unterrichtsausfälle durch fehlende Vertretungen über die gesamte Schulzeit auf fast ein Schuljahr summieren können.
Ein Jahr verlorene Lernzeit.
Wie sollen Jugendliche unter solchen Bedingungen an das Versprechen gleicher Chancen glauben?
Die Bilder der Proteste sind schwer auszuhalten: gewaltsame Auseinandersetzungen mit der Polizei, verletzte Schülerinnen und Schüler, brennende Barrikaden. Sie lösen Entsetzen aus – und die Frage, warum Jugendliche überhaupt so laut werden müssen, um gehört zu werden.
Aus der Ferne könnte man denken: Frankreich eben. Ein Land mit ausgeprägter Demonstrationskultur und einer langen Geschichte politischer Proteste.
Doch so weit weg ist das alles nicht.
Ein Provisorium seit dreißig Jahren
Vor drei Wochen saß ich beim Elternabend in einem Klassenraum in einem Fertigbau. Genau dort hat mein Mann schon vor 30 Jahren die Schulbank gedrückt.
Ein Provisorium, das offenbar zur Dauereinrichtung geworden ist.
Beim Elternabend erfahren wir: Für eine Renovierung sei kein Geld da. Die Stadt würde lediglich die günstigste Farbe bezahlen. Streichen müssten wir Eltern selbst.
Natürlich können Eltern einen Klassenraum streichen. Natürlich helfen viele gern. Darum geht es nicht.
Die Frage ist, warum wir es inzwischen so selbstverständlich hinnehmen, dass grundlegende Aufgaben einer öffentlichen Schule vom Einsatz der Familien abhängen. Heute ist es die Wandfarbe. Anderswo fehlen Lehrkräfte, funktionierende Toiletten oder Gebäude, in denen Kinder sicher lernen können.
Und verlorene Unterrichtsstunden lassen sich leider nicht einfach überstreichen.
Das Recht zu lernen darf nicht davon abhängen, in welchem Viertel ein Kind aufwächst. Und auch nicht davon, ob seine Eltern Zeit haben, am Wochenende die Schule zu renovieren.
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