Unternehmen verzichten auf Milliarden, aus Angst vor Schwerbehinderten?
Schwerbehinderte am Arbeitsmarkt: Unternehmen verschenken Milliarden, obwohl qualifizierte Fachkräfte bereitstehen und Inklusion wirtschaftliche Vorteile bringt.
Hochqualifiziert und oft übersehen: Schwerbehinderte sind eine unterschätzte Ressource im Arbeitsmarkt.
Foto: Smarterpix/AndreyPopov
Rainer Durth, Ingenieur und Rollstuhlfahrer, macht im Gespräch mit ingenieur.de eine klare Ansage: Die deutsche Wirtschaft lässt Milliarden liegen – aus Vorurteilen gegenüber Menschen mit Behinderung. Seine Forderung: Schluss mit Mitleid, her mit ökonomischer Vernunft.
„Wir könnten den Fachkräftemangel beheben – wenn wir wollen“
Herr Durth, warum ist das Thema Inklusion von Schwerbehinderten gerade jetzt so wichtig, besonders im Kontext des Fachkräftemangels?
Rainer Durth: Na ja, es ist so, dass wir schon viele Schwerbehinderte haben, die am Arbeitsmarkt tätig sind und noch Millionen weitere, die das ebenfalls könnten. Die Zahlen der Agentur für Arbeit zeigen außerdem sehr klar, dass schwerbehinderte Arbeitslose 40 bis 50 % häufiger als Fachkraft ausgebildet sind als nichtbehinderte Arbeitslose. Das heißt, wir haben da ein riesiges Potenzial für den Fachkräftemangel, das wir erschließen können. Zum anderen ist es ökonomisch wichtig, weil wir dadurch unheimlich viele neue Ressourcen mobilisieren können. Ich rechne es in meinem Buch vor: Wir könnten das Bruttoinlandsprodukt enorm steigern und würden über zehn Jahre einen Gegenwert an Steuereinnahmen schaffen, der ungefähr dem Sondervermögen für Infrastruktur entspricht, also 500 Mrd. Euro. Darauf verzichten wir momentan gezielt. Warum?
Ihr Buchtitel enthält den Zusatz: „…wenn wir wollen“. Warum diese Einschränkung?
Ich denke, wir haben alle Begrenzungen im Kopf, weil wir Vorurteile haben. Entwicklungsgeschichtlich sind Vorurteile hilfreich, weil sie uns schnelles Handeln ermöglichen, aber sie sind ein Problem, wenn sie nicht an die Wirklichkeit angepasst werden. Bei Schwerbehinderten ist das regelmäßig der Fall. Die Vorurteile stammen noch aus einer Zeit, in der wesentlich mehr körperliche Arbeit verrichtet werden musste. Bei sehr vielem, was heute auf dem Arbeitsmarkt gemacht werden muss, können wir Schwerbehinderte genauso gut einsetzen wie irgendjemanden anders, aber unsere Vorurteile hindern uns daran. Deswegen „wenn wir wollen“. Zusätzlich fahren wir eine vollkommen unzweckmäßige Politik, die die Teilnahme am Arbeitsmarkt für Schwerbehinderte eher schwieriger macht.
Ausgleichsabgabe statt Einstellung: Ein teurer Irrweg
Arbeitgeber müssen ja eigentlich 5 % ihrer Stellen mit Menschen mit Behinderung besetzen. Viele zahlen aber lieber die Ausgleichsabgabe. Was sagt das über die Umsetzung aus?
Wir haben diese 5-Prozent-Anforderung für gerade einmal 5 % der Unternehmen in Deutschland – 95 % unterliegen ihr sowieso nicht. Und selbst von diesen 180.000 Unternehmen, die die Vorgabe erfüllen sollen, erfüllen sie über 60 % nicht. Das heißt, nicht einmal 2 % der deutschen Unternehmen erfüllen nachweislich unsere Vorstellung von einer Schwerbehindertenquote i.H.v. 5 %. Ich glaube, da lügen wir uns was in die Tasche. Es ist offensichtlich auch viel zu leicht, das Gesetz nicht zu erfüllen.
Wir gehen außerdem davon aus, dass der Staat Schwerbehinderten einen Nachteilsausgleich zukommen lässt. Aber die Mehrzahl der vielen Schwerbehinderten (80%), bei denen man die Behinderung nicht sieht – zum Beispiel nach einer Krebserkrankung oder bei chronischen Krankheiten der inneren Organe –, verweigern es, sich auf diese staatliche Politik einzulassen. Sie sehen für sich dort mehr Nachteile als Vorteile. Ist das nicht eine Ohrfeige für unsere derzeitige Politik? Welche Schlüsse ziehen wir daraus?
Sie sagten, dass arbeitslose Schwerbehinderte oft besser ausgebildet sind als Nichtbehinderte. Wie sieht dieses Potenzial genau aus?
Die Agentur für Arbeit veröffentlicht jedes Jahr Daten dazu. Wenn man schwerbehinderte Arbeitslose mit nicht schwerbehinderten Arbeitslosen vergleicht, haben von den Nicht-Schwerbehinderten 33 % eine berufliche Ausbildung, aber bei den Schwerbehinderten sind es 47 %, also fast anderthalb mal so viel. Sie sind also deutlich besser ausgebildet. Wenn man zusätzlich berücksichtigt, dass der typische Schwerbehinderte seine Behinderung erst in fortgeschrittenem Alter bekommt, vielleicht wenn er über 50 ist, dann hat er nicht nur die Ausbildung, sondern auch sehr viele Jahre Berufserfahrung gesammelt. Das ist ein Potenzial, auf das wir verzichten. Wir lassen uns unsere Vorurteile sehr viel kosten. Sind sie so viel wert?
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Inklusion rechnet sich: Warum Unternehmen konkret profitieren
Welche Chancen ergeben sich denn konkret für Unternehmen? Wenn wir mal nicht nur vom Fachkräftemangel sprechen – gibt es andere Vorteile, womit man Arbeitgeber überzeugen kann? Dass es wirklich eine große Chance ist, die sie einfach verspielen?
Ja, ich habe das mal ausgerechnet. Es gibt im Grunde sechs große Vorteile, die ich in meiner Berechnung sehr konservativ abgeschätzt habe. Wenn man einen Pflichtarbeitsplatz mit einem Schwerbehinderten besetzt, spart oder reduziert man erst mal die Ausgleichsabgabe. Man kann zweitens möglicherweise eine Fachkraft einstellen, die sonst gar nicht kommen würde würde. Man bekommt drittens neue Ideen, weil die Belegschaft diverser zusammengesetzt ist – da gibt es genug empirisches Material dazu.
Ein wesentlicher Punkt ist viertens die Produktivitätssteigerung. In der Literatur wird ein Wert zwischen 12 % und 18 % angenommen. Ich habe für meine Rechnung erst mal nur 3 % unterstellt, und trotzdem komme ich darauf, dass ein (!) besetzter Pflichtarbeitsplatz zu einem Nutzen von durchschnittlich 76.000 Euro pro Jahr führt. Das ist natürlich riesig.
Ich habe fünftens zusätzlich so eine Art Versicherungskomponente: Die Mitarbeiter wissen, selbst wenn ich irgendwann mal schwerbehindert werde – und viele von uns werden schwerbehindert, da können wir gar nichts machen, das ist ein Risiko, das jeder von uns mit sich trägt –, mein Arbeitgeber wird mich da irgendwie auffangen. Das schafft unheimlich viel Vertrauen zum Arbeitgeber. Und sechstens kann ich bei der Öffentlichkeitsarbeit als inklusives Unternehmen ganz anders auftreten, schließlich bekomme ich eine andere Berichterstattung, z.B. in der Zeitung. Auch hier spare ich Geld. Inklusion lohnt sich aus wirtschaftlicher Sicht!
Wie sieht es mit der Motivation aus? Sind Menschen mit Schwerbehinderung tatsächlich motiviert?
Ja, natürlich. Hundertprozentig. Das Vorurteil würde lauten: Die wollen nicht arbeiten. Aber wenn Sie Schwerbehinderte einstellen, dann arbeiten die auch. Ein wichtiges Argument dafür ist: Die haben durch Arbeitslosigkeit viel mehr zu verlieren als Nichtbehinderte. Sie wissen, dass es schwer wird, eine andere Arbeit zu finden, und deswegen werden sie in diesem Job wahrscheinlich alles geben.
Ihre Motivation ist jedoch manchmal schwer zu verstehen, weil viel Unverständnis herrscht. Wenn jemand mehr Arzttermine hat oder nach vier Stunden Arbeit eine Pause braucht, wird das schnell als unmotiviert gedeutet. Aber dieses Verhalten ist angesichts ihrer Restriktionen oft fast zwingend und wird dann einfach fehlinterpretiert. Es ist schon erstaunlich: Generell unterstellen wir Menschen, dass sie arbeiten wollen und motiviert sind – aber bei Schwerbehinderten haben wir plötzlich eine ganz andere Erwartungshaltung. Warum ist das eigentlich so? Wir wenden – m.E. ohne ersichtlichen Grund – gleichzeitig vollkommen unterschiedliche und gegensätzliche Menschenbilder an. Diskriminieren wir da nicht?
Von Nachteilsausgleich zu Chancengleichheit
Sie sind selbst Ingenieur. Wie schätzen Sie die Chancen speziell in dieser Berufsgruppe ein, wenn man eine Schwerbehinderung hat.
Fachlich schätze ich die Chancen relativ gut ein. Als Ingenieur ist man typischerweise Akademiker und hat die Möglichkeit, nicht in der Produktion, sondern am Schreibtisch oder am Rechner zu arbeiten. Man hat viele Freiheiten, seine Beeinträchtigung zu kompensieren. Wenn jemand ein Rückenleiden hat, kann das Unternehmen durch eine Anpassung des Arbeitsplatzes die Produktivität leicht auf das Maß eines Nichtbehinderten steigern. Die Sicht, die bei uns vermittelt wird, ist aber: Die Einstellung eines Schwerbehinderten ist kompliziert, sehr verrechtlicht und lohnt sich nicht. Wir müssten eigentlich sagen: Das ist eine zusätzliche Chance für das Unternehmen.
Welche Schritte wünschen Sie sich, um die Situation nachhaltig zu ändern?
Wir müssen viel mehr hinterfragen, welche Bilder von Schwerbehinderten durch die Medien in uns erzeugt werden. Momentan wird ihr Bild stark durch Sozialverbände geprägt, die ein starkes Eigeninteresse haben, Betroffene als bemitleidenswert darzustellen, oder durch Aktivisten, die oft nicht repräsentativ für die Masse der Schwerbehinderten auf dem Arbeitsmarkt sind. Aber – im Gegensatz zu den Aktivisten – sind 97 % der Schwerbehinderten nicht von Geburt an behindert, und mit 19% sitzt auch nur ein kleiner Teil von ihnen im Rollstuhl. Die Aktivisten sind weder vom Alter noch von der Lebenssituation repräsentativ für Schwerbehinderte, eher sind sie „selbsternannte Befreier“.
Die meisten unserer Bilder stimmen einfach nicht. Auch müssen wir weg vom Paradigma des Nachteilsausgleichs hin zur Chancengleichheit. Es ist nicht in erster Linie die Aufgabe des Staates, Schwerbehinderten zu „helfen“, sondern es ist vor allem eine gesellschaftliche Aufgabe, Auch Schwerbehinderte verfügen über ein natürliches Recht, an unserer Gesellschaft teilzuhaben.
Unser Verhältnis zu den Schwerbehinderten ist schon erstaunlich: Ihre Inklusion würde sich für die Unternehmen lohnen, sie lohnt sich volkswirtschaftlich – und wir machen beharrlich genau das Gegenteil. Warum?
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