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Warum junge Ingenieure an Europas Chemie glauben

27. März 2026

Mitarbeitende arbeiten im Labor
Mit Mut, Innovation und jungen Talenten Europas Chemieindustrie zukunftsfest gestalten. Foto: picture alliance/dpa/Jan Woitas
Zwei junge Ingenieur:innen erklären, wie Europa in der Chemieindustrie wettbewerbsfähig bleiben kann. Sie zeigen, warum Mut, Innovation und ein neues Mindset entscheidend sind.
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Torben und Lisa Egger sind promovierte Chemieingenieur*innen, die sich für Wissenschaft, Innovation und die Zukunft Europas engagieren. Torben arbeitet bei Evonik im Bereich Production and Technology Governance, Lisa bei Bayer im Bereich Prozessoptimierung für Pharma und Crop Science.

Seit neun Monaten betreiben sie gemeinsam den Podcast „Neue alte Welt – der Podcast für Europas Zukunft“, in dem technologische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen in Europa diskutiert werden. Ihr Anliegen ist es, die Lage in Europa faktenbasiert zu analysieren und gleichzeitig Zukunftsoptimismus zu vermitteln.

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Im Rahmen ihres Podcasts haben sie kürzlich bei der VDI Young Professionals Jahrestagung einen Vortrag gehalten, in dem sie die Zukunft der Chemie-Industrie in Zeiten geopolitischer Unsicherheiten analysierten. Die Resonanz war beeindruckend: Junge Ingenieur*innen zeigten große Zuversicht und die Bereitschaft, aktiv die Zukunft Europas mitzugestalten.

Wie stark beeinflussen geopolitische Spannungen die strategische Planung?

Torben Egger: Früher konnten Unternehmen fünf bis zehn Jahre im Voraus planen, weil die Rahmenbedingungen extrem stabil waren. Heute ist das Umfeld unvorhersehbar. US-Zölle, der Krieg im Nahen Osten oder plötzlich steigende Rohstoffpreise – all das führt zu hoher kurzfristiger Volatilität.

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Gleichzeitig wirken strukturelle Trends: China hat seinen Anteil an der globalen Chemieproduktion von 10% (2004) auf 46% (2024) gesteigert und damit starke Skalenvorteile. Darüber hinaus sorgen der schwache Immobilienmarkt in China und die US-Zölle dafür, dass diese Kapazitäten nicht ausgelastet sind. Das Ergebnis: massiver Druck chinesischer Produkte auf den Weltmarkt und sinkende Auslastung der europäischen Anlagen. Diese Kombination setzt die europäische Chemie massiv unter Wettbewerbsdruck. Unternehmen müssen nicht nur kurzfristig reagieren, sondern gleichzeitig ihre langfristige Strategie anpassen und genau das macht strategische Planung aktuell sehr komplex.

Versorgungssicherheit und Resilienz in der Industrie

Welche Rolle spielen Versorgungssicherheit und Resilienz?

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Torben Egger: Versorgungssicherheit ist absolut zentral. Ohne Rohstoffe kann keine Produktion stattfinden. Langfristige Resilienzmaßnahmen werden jedoch oft verschoben, weil der aktuelle Kostendruck extrem hoch ist.

Investitionen in Lagerkapazitäten, alternative Lieferketten oder redundante Produktionsanlagen verursachen Zusatzkosten. Firmen reagieren daher häufig nur kurzfristig und vernachlässigen langfristige Strategien. Dieses Spannungsfeld führt zu einem ständigen Abwägen zwischen kurzfristiger Profitabilität und langfristiger Sicherheit.

Lisa Egger: Gleichzeitig ist es notwendig, Mut zu haben und Risiken einzugehen: Unternehmen sollten bereit sein, schnell zu testen, Erfahrungen zu sammeln, nachzujustieren und sich nicht darauf zu verlassen, dass alles perfekt planbar ist. Resilienz ist nicht nur ein technisches oder logistisches Problem, sondern eng verbunden mit der Kultur in den Unternehmen, der Risikobereitschaft der Mitarbeitenden und der Fähigkeit, langfristige Perspektiven trotz kurzfristiger Unsicherheiten zu entwickeln.

Welche Konsequenzen ergeben sich für die Mitarbeitenden?

Lisa Egger: Wir spüren eine hohe Veränderungsgeschwindigkeit, die natürlich auch zu Verunsicherung führen kann. Europa war über Jahrzehnte ein Kontinent der Stabilität. Jetzt müssen Unternehmen radikale Transformationen in kurzer Zeit umsetzen. Das erfordert von den Mitarbeitenden Flexibilität und die Bereitschaft, kontinuierlich neue Kompetenzen aufzubauen.

Torben Egger: Wir beobachten dabei auch einen spannenden Generationeneffekt. Viele junge Mitarbeitende sehen die aktuelle Situation primär als Chance. Sie bringen eine hohe digitale Affinität und eine starke Eigenmotivation mit. Sie wollen nicht nur bestehende Prozesse verwalten, sondern die Zukunft der Industrie aktiv gestalten. Diese Energie ist für die Unternehmen gerade jetzt enorm wertvoll.

(Warum Karriere im Verhalten entsteht und nicht nur im Lebenslauf – lesen Sie hier – Anm. der Red.)

Führung und Mitarbeitereinbindung

Welche Schritte sollten Führungskräfte unternehmen, um Mitarbeitende mitzunehmen?

Lisa Egger: Führungskräfte müssen ein klares Zukunftsbild vermitteln: Warum sind Veränderungen notwendig? Welche konkreten Schritte gibt es? Dabei sind Hoffnung und Perspektive wichtig: Veränderungen dürfen nicht nur als Pflicht oder Bedrohung vermittelt werden.

Dazu gehören konkrete Maßnahmen wie gezielte Investitionen, Re-skilling und Weiterbildung. Besonders beim Einsatz von künstlicher Intelligenz müssen Mitarbeitende die Chancen erkennen, ohne Angst vor Jobverlust zu haben.

Führungskräfte sollten vom klassischen Modell zu Coaching, Empowerment und Enabling wechseln. Mitarbeitende brauchen Vertrauen und Freiraum, um eigenständig Lösungen zu entwickeln und kreativ zu sein. Nur so entsteht intrinsische Motivation, die für erfolgreiche Transformationsprozesse unverzichtbar ist.

Lesen Sie auch:Re-skilling als Firewall gegen Jobverlust

Wie sehen junge Ingenieur:innen die aktuellen Herausforderungen?

Torben Egger: Die jüngere Generation bringt Motivation, Neugier und Kreativität mit. Um die aktuellen Herausforderungen zu meistern, müssen Unternehmen dieses Potential für disruptive Veränderungen nutzen. Die Unternehmen, die jungen Ingenieuren Vertrauen und Verantwortung geben, statt sie mit Bürokratie zu entmutigen, können diese Energie in Innovation und Wettbewerbsfähigkeit umwandeln.

Wie haben die Young Professionals auf Ihren Vortrag reagiert?

Torben Egger: Sehr inspirierend. Zu Beginn baten wir die jungen Ingenieur:innen aufzustehen, wenn sie die folgende Frage mit „Ja“ beantworten würden: ‚Ist die Chemieindustrie heute wettbewerbsfähig?‘ Die Antwort war zurückhaltend: die meisten blieben sitzen. Danach fragten wir, wie sie die Lage in 25 Jahren sehen. Da standen plötzlich alle auf. Sie glaubten daran, dass die Chemieindustrie Europa wieder besser dastehen wird. Dieser kollektive Optimismus war beeindruckend, ein echter Gänsehautmoment.

Lisa Egger: Dieses Stimmungsbild passt perfekt zur Mission unseres Podcasts. Herausforderungen sind da, aber sie sind lösbar. Dass die jungen Fachkräfte so fest an eine positive Veränderung glauben, bestätigt unseren Ansatz. Mit dem richtigen Mindset, klaren Strategien und mutigen Entscheidungen können wir Europas Wettbewerbsfähigkeit wiederherstellen.

Lehren für Unternehmen

Welche Lehren sollten Unternehmen aus der aktuellen Transformationsphase ziehen?

Torben Egger: Radikale Veränderung ist notwendig, inkrementelle Verbesserungen reichen nicht. Unternehmen müssen Risiken eingehen, Innovation fördern und ausreichendes Kapital bereitstellen. Mindset, regulatorische Rahmenbedingungen und Investitionskultur müssen angepasst werden.

Lisa Egger: Gleichzeitig dürfen wir nicht vergessen, dass Europa enorme Stärken hat, die wir nutzen können: Hohe Lebensqualität, exzellente Ausbildung, technologische Innovationskraft und ein hohes Netto-Auslandsvermögen. Diese Ressourcen können gezielt genutzt werden, um Europa zukunftsfest zu machen.

Rolle des Podcasts

Wie unterstützt Ihr Podcast „Neue alte Welt“ diese Perspektiven für Unternehmen und junge Ingenieur:innen?

Lisa Egger: Mit unserem Podcast wollen wir ganz bewusst hinter die aufgeregten Schlagzeilen schauen. Oft dominieren Krisenszenarien den Diskurs. Wir analysieren die Lage faktenbasiert und zeigen dabei Europas Potential auf. Unser Ziel ist es, wirtschaftliche, technologische und gesellschaftliche Entwicklungen zusammenzuführen und mit Optimismus Ideen zu entwickeln, wie wir alle Europas Zukunft gemeinsam gestalten können.  

Torben Egger: Wir möchten Denkprozesse anstoßen und zeigen: die Lage ist besser, als wir denken. Diese Erkenntnis setzt Energie frei. Die Resonanz bei den Young Professionals zeigt, dass unsere Botschaft ankommt. Viele waren motiviert, in ihren Firmen Ideen umzusetzen und Veränderungen voranzubringen.

Der Podcast ist ein Werkzeug, um Diskussionen zu fördern, Menschen zu inspirieren und zu zeigen, dass jeder, ob jung oder erfahren, etwas beitragen kann, um Europas industrielle, technologische und gesellschaftliche Zukunft aktiv zu gestalten.

Lesen Sie auch:Die neue Weltordnung kennt keine neutralen Märkte mehr



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