Wenn Leistung sichtbar sein muss
Krank zur Arbeit, ständig online, spätabends noch E-Mails: Warum Beschäftigte ihre Leistung sichtbar machen und welche Folgen Präsentismus für die Gesundheit hat.
Präsentismus: Pflichtbewusstsein auf Kosten der Gesundheit.
Foto: Smarterpix/ iakovenko123
Der Kopf dröhnt, die Nase läuft, der Kalender ist voll. Trotzdem wird gearbeitet. Viele Beschäftigte gehen auch dann zur Arbeit oder arbeiten im Homeoffice, wenn sie krank sind. In der Arbeitsforschung wird dieses Verhalten als Präsentismus bezeichnet. Eine neue Studie zeigt nun, dass die Folgen über den eigentlichen Krankheitstag hinausreichen können: Wer trotz Krankheit arbeitet, kann sich auch in den darauffolgenden Wochen erschöpfter fühlen.
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Warum bleiben Beschäftigte nicht einfach zu Hause? Dahinter können Termindruck, Personalmangel oder die Sorge stehen, Kolleginnen und Kollegen im Stich zu lassen. Auch die Erwartung, Einsatzbereitschaft zeigen zu müssen, kann eine Rolle spielen.
Der Druck, Leistung und Engagement sichtbar zu machen, beschränkt sich allerdings nicht auf Krankheit. Eine aktuelle Umfrage unter 1000 hybrid arbeitenden Beschäftigten zeigt, dass manche ihre Produktivität bewusst inszenieren: Sie halten ihren Online-Status aktiv, bleiben länger im Büro oder verschicken spätabends E-Mails.
Das sind zwei unterschiedliche Phänomene. Präsentismus bezeichnet das Arbeiten trotz Krankheit. Die bewusste Inszenierung von Produktivität beschreibt dagegen den Versuch, auch ohne gesundheitlichen Grund besonders beschäftigt oder engagiert zu wirken. Gemeinsam ist beiden Verhaltensweisen jedoch eine Frage: Wie stark fühlen sich Beschäftigte unter Druck, ihre Arbeitsbereitschaft sichtbar zu machen?
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Krank arbeiten kann über Wochen nachwirken
Präsentismus bezeichnet in der Arbeitsforschung das Arbeiten trotz gesundheitlicher Beschwerden. Gerade wenn Deadlines anstehen, Personal fehlt oder Beschäftigte ihre Kolleginnen und Kollegen nicht im Stich lassen wollen, erscheint es vielen zunächst als pragmatische Lösung, trotzdem weiterzuarbeiten.
Das erhöhte Erschöpfungsniveau kann noch Wochen nachwirken. Das zeigt eine Studie von Forschenden der Technischen Universität Chemnitz, der Universität Groningen und der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg. Für die Untersuchung wurden 123 Berufstätige über einen Zeitraum von bis zu 16 Wochen begleitet. Die Teilnehmenden berichteten wöchentlich, ob sie trotz Krankheit gearbeitet hatten und wie erschöpft sie sich fühlten.
Etwa zwei Drittel der Teilnehmenden gaben während des Untersuchungszeitraums mindestens eine Episode von Präsentismus an. In den Wochen, in denen sie krank gearbeitet hatten, stieg das Erschöpfungsniveau deutlich an. In den darauffolgenden Wochen erholten sich die Betroffenen zudem nur langsam. Häufiger Präsentismus ging mit einer zunehmenden Erschöpfung über den Untersuchungszeitraum einher.
„Wer krank arbeitet, braucht also wesentlich länger, um sich zu regenerieren. Viele unterschätzen, wie lange der Körper braucht, um sich vom Arbeiten trotz Krankheit zu erholen“, erklärte Dr. Carolin Dietz von der Professur für Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie der TU Chemnitz, Erstautorin der Studie.
Die Forschenden berücksichtigten in ihren Analysen unter anderem Krankheitssymptome, Arbeitsbelastung und Zeitdruck. Damit wollten sie ausschließen, dass die beobachteten Veränderungen allein durch diese Faktoren erklärt werden können. Christine Syrek von der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg sagt dazu: „Die Erschöpfung ist also nicht einfach eine Folge der Krankheit selbst, sondern vor allem eine Folge des Verhaltens, trotzdem weiterzuarbeiten“.
Die Studie zeigt damit einen Zusammenhang zwischen Präsentismus und länger anhaltender Erschöpfung. Sie beweist allerdings nicht, dass jede einzelne Erkrankung durch das Arbeiten verschleppt wird oder dass Präsentismus zwangsläufig zu chronischer Erschöpfung führt.
Warum Beschäftigte trotz Krankheit weiterarbeiten
Für Unternehmen ist das relevant, weil Präsentismus kurzfristig zwar wie Engagement aussehen kann, langfristig aber die Leistungsfähigkeit beeinträchtigen kann. Prof. Dr. Bertolt Meyer von der TU Chemnitz fasst es so zusammen: „Präsentismus kann aus Sicht der Beschäftigten kurzfristig pragmatisch erscheinen, führt aber mittelfristig zu Leistungsabfall und höheren Belastungskosten“.
Die Empfehlung der Forschenden fällt entsprechend eindeutig aus: Unternehmen sollten Beschäftigte dazu ermutigen, sich bei Krankheit auszukurieren. Das reduziert nicht nur das Risiko, Kolleginnen und Kollegen anzustecken. Es kann auch dazu beitragen, dass Beschäftigte ihre Leistungsfähigkeit schneller wiedererlangen.
Die Studie „It’s getting kind of heavy – Linking episodes of sickness presence to changes in fatigue over time“ ist 2025 im Journal of Occupational Health Psychology erschienen. Die Untersuchung gehört zu den ersten Studien, die Präsentismus als wiederkehrendes Verhalten über mehrere Wochen hinweg betrachten.
Wenn auch gesunde Beschäftigte Präsenz inszenieren
Das Problem endet allerdings nicht bei der Frage, ob jemand krank zur Arbeit geht. Denn auch gesunde Beschäftigte können unter einem Arbeitsumfeld leiden, in dem sichtbarer Einsatz wichtiger erscheint als das tatsächliche Ergebnis.
Eine Umfrage von Indeed und dem Marktforschungsinstitut Appinio zeigt, wie weit dieses Verhalten reichen kann. Befragt wurden im März 2026 insgesamt 1000 hybrid arbeitende Beschäftigte in Deutschland im Alter von 16 bis 66 Jahren. Die Stichprobe war nach Geschlecht und Altersgruppen gleichmäßig verteilt. Es handelt sich um eine Unternehmensumfrage und nicht um eine repräsentative Bevölkerungsbefragung.
Nur 33,3 % der Befragten gaben an, allein ihre Arbeitsergebnisse für sich sprechen zu lassen. Zwei Drittel sagten dagegen, in den vergangenen zwölf Monaten bewusst etwas getan zu haben, um produktiver oder engagierter zu wirken, als sie tatsächlich waren.
Die Methoden sind teilweise erstaunlich banal:
- 27,7 % hielten ihren Online-Status im Homeoffice künstlich auf „anwesend“.
- 25,4 % blieben länger im Büro, weil ihre Führungskraft noch dort war.
- 23,2 % verschickten bewusst E-Mails zu ungewöhnlichen Uhrzeiten, um Einsatzbereitschaft zu signalisieren.
- 22,3 % beteiligten sich in Meetings mit Wortmeldungen ohne inhaltlichen Mehrwert, um Präsenz zu zeigen.
- 17,3 % ließen Jacke oder Tasche im Büro zurück, um ihre Anwesenheit zu suggerieren.
Das Verhalten hat laut Umfrage vor allem mit der wahrgenommenen Unternehmenskultur zu tun. 32,5 % nannten eine von Präsenzkontrolle geprägte Unternehmenskultur als Grund. 31,6 % verwiesen auf Sorgen um den eigenen Arbeitsplatz angesichts der wirtschaftlichen Lage. 24,4 % nannten Druck oder Mikromanagement durch Vorgesetzte.
Wenn Anwesenheit wichtiger wird als Arbeitsergebnisse
Besonders aufschlussreich ist eine andere Zahl: 55,9 % der Befragten sind der Meinung, dass ihr Arbeitgeber Anwesenheit höher bewertet als messbare Arbeitsergebnisse. Gleichzeitig würden viele Beschäftigte offenbar lieber nach ihren tatsächlichen Ergebnissen beurteilt.
66,2 % erklärten, sie würden auf mindestens 5 % ihres Gehalts verzichten, wenn ihre Leistung ausschließlich anhand der Ergebnisse bewertet würde. 70 % wären bereit, für dauerhaftes Homeoffice eine Gehaltseinbuße von mindestens 5 % hinzunehmen.
Damit entsteht eine bemerkenswerte Verbindung zur Präsentismus-Studie: Beschäftigte reagieren auf Erwartungen am Arbeitsplatz nicht nur mit mehr Arbeit, sondern teilweise auch mit sichtbarer Arbeit.
Bei Krankheit kann das bedeuten, trotz Beschwerden weiterzuarbeiten. Im Homeoffice kann es heißen, den grünen Online-Status künstlich aufrechtzuerhalten. Beide Verhaltensweisen können damit auf Erwartungen am Arbeitsplatz reagieren – auch wenn die Untersuchungen keinen gemeinsamen psychologischen Mechanismus nachweisen.
Die beiden Phänomene sind wissenschaftlich nicht dasselbe. Die Studie der TU Chemnitz untersucht die gesundheitlichen Folgen von Arbeiten trotz Krankheit. Die Indeed-Umfrage erfasst dagegen, wie Beschäftigte ihre Produktivität und Anwesenheit wahrnehmbar machen. Gemeinsam weisen die Ergebnisse aber auf ein Führungsproblem hin: Wenn Beschäftigte glauben, dass ihre Leistung vor allem sichtbar sein muss, kann die tatsächliche Arbeit in den Hintergrund geraten.
Führungskräfte setzen die Maßstäbe
Wie stark solche Erwartungen wirken, hängt auch von der Unternehmenskultur und vom Verhalten der Führungskräfte ab. Wer selbst krank arbeitet, ständig erreichbar ist oder lange Arbeitszeiten sichtbar vorlebt, kann damit ungewollt eine Erwartung an das eigene Team erzeugen.
Auch Misstrauen könnte dabei eine Rolle spielen. Wenn Beschäftigte befürchten, dass Fehlzeiten negativ bewertet werden oder ihre Leistung im Homeoffice weniger sichtbar ist, steigt der Anreiz, Präsenz und Einsatzbereitschaft demonstrativ zu zeigen.
Prof. Dr. Martin Lange von der IST-Hochschule für Management warnt deshalb vor den langfristigen Folgen einer Arbeitskultur, in der Beschäftigte ihre Belastungsgrenzen überschreiten. Wenn Mitarbeitende krank zur Arbeit kommen, können sich Krankheiten verlängern, Ansteckungen zunehmen und langfristig auch Ausfallzeiten und Kosten steigen.
Entscheidend sei deshalb eine Arbeitskultur, in der Beschäftigte offen kommunizieren können, wenn sie gesundheitlich angeschlagen sind oder Unterstützung benötigen. Gesundheitsförderung sollte zudem stärker auf unterschiedliche Beschäftigtengruppen zugeschnitten werden, statt ausschließlich allgemeine Angebote bereitzustellen.
Was Unternehmen ändern können
Für Unternehmen liegt die Lösung nicht darin, Anwesenheit stärker zu kontrollieren. Sinnvoller ist es, Leistung anhand klarer Ziele und Ergebnisse zu bewerten. Allerdings muss man auch beachten – Qualität, Sicherheit, Zusammenarbeit und langfristige Projektziele spielen ebenfalls eine Rolle.
Das gilt im Büro ebenso wie im Homeoffice. Führungskräfte müssen dafür festlegen, was tatsächlich erreicht werden soll, und nicht ständig beobachten, ob Beschäftigte online sind, wie lange sie im Büro bleiben oder wann sie ihre E-Mails verschicken.
Auch beim Thema Krankheit braucht es klare Signale. Wer krank ist, sollte sich auskurieren können, ohne daraus einen Nachteil für die eigene Karriere befürchten zu müssen.
Frank Hensgens, Geschäftsführer von Indeed Deutschland, bringt das Problem auf den Punkt: „Die Debatte um Büropräsenz hat in vielen Unternehmen ein problematisches Signal hinterlassen: Nicht die Qualität der Arbeit entscheidet, sondern ihre Sichtbarkeit. Doch wenn Beschäftigte anfangen, ihre Anwesenheit zu inszenieren, statt sich auf Ergebnisse zu konzentrieren, ist das weder effizient für Unternehmen noch nachhaltig für die Beschäftigten“.
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