Heiko Mell 04.04.2026, 09:00 Uhr

Karriereberatung ist gar nicht so einfach

Heiko Mell zeigt mit jahrzehntelanger Erfahrung in der Karriereberatung, wie Fach- und Führungskräfte berufliche Herausforderungen erfolgreich meistern.

Zwei Menschen unterhalten sich.

Karriereberatung, die Orientierung gibt und Entscheidungen im Berufsleben erleichtert.

Foto: PantherMedia / lacheev

Frage 1

Als langjähriger, begeisterter Leser Ihrer Karriereberatung habe ich ein Thema, das meines Wissens noch nicht behandelt wurde.

Wiederholungen sind sinnvoll

Antwort 1

Bitte zerbrechen Sie sich nicht den Kopf darüber, ob eine ähnliche Frage schon einmal gestellt wurde – schreiben Sie einfach. Bei der langen Laufzeit der Serie (s.a. die hohen Nummern der aktuellen Beiträge) sind Wiederholungen sowohl unvermeidbar als auch durchaus gewollt.

Schließlich kommen immer wieder neue Leser hinzu. Dann ändern sich die Begleitumstände – in einer umfassenden Wirtschaftskrise gelten andere Maßstäbe als in einer Wachstumsphase. Und dann kann bei manchen Themen eine gelegentliche Wiederholung gar nicht schaden. Es ist mir beispielsweise gelungen, durch intensive, fast schon penetrante Mehrfachbehandlung der Begriffe „mittelständig/mittelständisch“ den aus der Botanik kommenden, hier absolut falschen Terminus „mittelständig“ praktisch völlig auszumerzen.

Also. Wenn Sie eine Frage haben, wenn ein Problem Sie berührt, melden Sie sich. Ich lasse mir dann ggf. die passende Erklärung einfallen, wenn ein Leser sich an einer Wiederholung reiben sollte.

Profi-Strategie im Berufsleben

Frage 2

Ich habe relativ viel von Ihnen gelernt, was ich daran festmache, dass ich beim Lesen vieler Zuschriften bereits erahne, in welche Richtung Ihre Antwort gehen wird. Dieses über den eigenen Erfahrungsbereich hinausgehende Wissen über das berufliche Leben kann ich bisweilen einsetzen. Dabei überlege ich, was am besten zu tun sei und gebe Gedanken darüber, was der „böse“ Chef oder die „bösen“ Kollegen doch hätten tun oder lassen sollen, keinen Raum. Das führt dazu, dass meine Frau mir des Öfteren vorwirft, ich stünde anscheinend auf der Seite des Chefs bzw. der Kollegen.

Analyse statt Kritik

Antwort 2

Sie nähern sich der Betrachtungsweise des Profis. Der analysiert die Situation, stuft Gegebenheiten, die er hier und jetzt nicht ändern kann, als Fakten ein, die hinzunehmen sind und versucht, Ratschläge zu erarbeiten, wie man „unter den nun einmal gegebenen Umständen“ größeres Unheil vom betroffenen Fragesteller abwenden kann.

Amateure, insbesondere solche an Stammtischen, pflegen hingegen erst einmal Zeit und Energie aufzuwenden, um jenen Chef und jene Kollegen zu kritisieren, mit vernichtenden Urteilen zu belegen oder ihr Verhalten als Basis einer längeren „Urteilsbegründung“ zu nehmen. Dabei sind diese Verursacher, ob schuldig oder nicht, jetzt nicht anwesend, sie lesen vermutlich auch meine in der Zeitung veröffentlichen Analysen und Hinweise gar nicht – ich erreiche sie in keiner Weise. Also nehme ich sie mit all ihren Verhaltensmerkmalen als Fakten und versuche, auf dieser Basis zu hilfreichen Empfehlungen für den Fragesteller zu kommen.

Vielleicht hilft ein Beispiel: Wenn Sie zur Grillparty geladen haben und es eine Stunde vor Termin „wie aus Eimern“ zu regnen beginnt, dann hilft es auch niemandem, wenn Sie Zeit und Energie damit vergeuden, auf den Wettergott, die unzuverlässige Vorhersage oder die Ungerechtigkeit der Welt überhaupt zu schimpfen. Sie haben eine Situation mit unabänderlichen Fakten vor sich, Sie müssen ein Problem lösen und alles andere ist vertane Energie.

Im Gegenteil, als Berater müssen Sie auch noch aufpassen, dass Sie den betroffenen Fragesteller nicht aufhetzen und ihn in einen Konflikt lenken, den er nicht gewinnen kann („Das darf der Chef doch nicht, lass dir das nicht gefallen, du musst dich höheren Orts beschweren“).

Was Sie also generell tun können: Lassen Sie sich ein dickes Fell wachsen und atmen Sie bei Bedarf tief durch. Und erkennen Sie: Eine wirklich qualifizierte und hilfreiche Beratung ist gar nicht so leicht, wie sie vielleicht bei oberflächlicher Betrachtung aussieht.

Persönliche Unterstützung versus fachlicher Rat

Frage 3

Meine Frau war einmal selbst in einer sehr kritischen beruflichen Situation, in der klar war, dass sie wechseln musste. Natürlich habe ich ihr geraten, schnellstmöglich Bewerbungen loszuschicken, um dann bei Vorliegen eines akzeptablen Angebots die aktuelle Stelle zu kündigen. Unter dem Stress der damaligen Situation hat meine Frau es emotional jedoch nicht geschafft, sich um andere Stellen zu bemühen. Sie hat erst gekündigt und danach Bewerbungen geschrieben. Immerhin, sie hat zeitnah eine gute Position gefunden. Ich aber habe erfahren, dass das es zwei ganz verschiedene Dinge sind, jemandem emotional beizustehen oder jemandem einen sinnvollen Rat zu geben.

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Denkanstöße statt Handlungsanweisungen

Antwort 3

Nicht ohne Grund dürfen Chirurgen keine nahen Angehörigen operieren – sie gelten dafür dann als zu emotional belastet. Und sie könnten aus persönlicher Anteilnahme heraus die falschen fachlichen Entscheidungen treffen.

Ich entschärfe gelegentlich aufkommende Probleme in der Diskussion mit dem ja stets persönlich betroffenen Beratungskunden z. B. in meiner telefonischen Karriereberatung durch zwei Hinweise:

  1. Ich gebe Denkanstöße, keine verbindlichen Handlungsanweisungen. Und diese Anstöße verarbeiten Sie, dabei überlegen Sie, womit ich Sie überzeugt habe und womit nicht. Dann wägen Sie ab, wo Ihre Prioritäten liegen – und treffen Ihre höchstpersönliche Entscheidung. Dabei sind Sie dann völlig frei – ich erfahre in der Regel ja nicht einmal, wofür Sie sich entschieden haben.
  2. Ganz simpel gesagt: Sie müssen ja nicht tun, was ich sage. Aber ich schlafe besser, wenn ich Ihnen geraten habe, was mein fachliches Gewissen mir gebietet.

Beides nimmt in manchen hitzigen Diskussionen „Druck aus dem Kessel“.

Zu dem Vorgehen Ihrer Frau, die mit falschem Vorgehen dennoch Erfolg hatte:

Ich nehme als Beispiel eine Fahrt auf der Autobahn im dichten Nebel und unter hohem Termindruck in einer sehr wichtigen Angelegenheit. Jeder Fachmann wird raten: fahre langsam, am besten Schritttempo – dort könnte ein schlecht beleuchteter Lkw auf deiner Spur stehen etc. Wer den Rat missachtet, kann aber tatsächlich mit hoher Geschwindigkeit gut und unfallfrei durchkommen und seinen wichtigen Termin erfolgreich wahrnehmen.

Wer hatte nun recht? Darf der Berater späteren Nebel-Fahrern wegen des gut ausgegangenen Beispiels zu „immer voll drauf“ raten? Oder bleibt nicht sein früheres „äußerste Vorsicht“ trotz dieses geglückten Experiments unverändert richtig? Aber die Gefahr besteht, dass unser Nebel-Raser später ganze Stammtische aufhetzt: „Alles Blödsinn, man muss nur wagen, dann gewinnt man auch.“

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Ein Beitrag von:

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist Karriereberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI nachrichten.  Hier auf ingenieur.de haben wir ihm eine eigene Kategorie gewidmet.

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