Heiko Mell 21.03.2026, 09:30 Uhr

Mit fast 40 zu den Konzern-Wurzeln zurück?

Karriereberater Heiko Mell diskutiert über entscheidende Karrierewege, Loyalität zum Arbeitgeber und die Frage, ob ein Wechsel in ein Konzernumfeld sinnvoll ist – praxisnah, ehrlich und strategisch fundiert.

Manager diskutieren

Karrierewege, Strategien und kluge Entscheidungen im Mittelstand und Konzern – Ein Blick von Heiko Mell.

Foto: Smarterpix/depositedhar

Frage: Meine Laufbahn ist von ambitionierten, teils auch mutigen Entscheidungen geprägt. Rückblickend vielleicht nicht immer geradlinig, aber stets mit dem Ziel, Verantwortung zu übernehmen und unternehmerisch zu wirken.

Erste Berufserfahrungen im Konzern

Gestartet bin ich im Konzern A mit einer praktischen Ausbildung und einigen Jahren Praxis, in denen ich zum Teamleiter bei Umweltprojekten aufstieg. Ich wechselte dann zu einem anderen Großunternehmen, wiederum als Projektleiter, absolvierte dort ein berufsbegleitendes Studium der Energietechnik und war Teil des Nachwuchsführungsprogramms. Kurz vor Studienabschluss wurde jedoch die Standortschließung meiner Einheit beschlossen. Aufgrund meiner damaligen familiären Situation entschied ich mich bewusst gegen einen Umzug und gegen die damals offenstehende Konzernkarriere.

Wechsel in den Mittelstand und erste Führungsverantwortung

Ich war Ende zwanzig, wechselte zu einem spezialisierten Ingenieurbüro in einem völlig anderen Metier und wurde dort Prüfingenieur mit erster Mitarbeiterverantwortung, wechselte dann als technischer Laborleiter in eine Position mit interessantem Status – durfte aber nach wenigen Monaten maßgeblich an der Schließung des Standortes mitwirken. Mit Anfang 30 ergab sich eine Rückkehr zu einem meiner früheren (kleineren) Arbeitgeber – mit der Perspektive auf strategische Verantwortung und eine mögliche gesellschaftsrechtliche Beteiligung. Das erwies sich als Fehleinschätzung: Die zugesagte Gestaltungsmacht blieb aus, das operative Tagesgeschäft dominierte, die erwartete strategische Aufgabe entfiel weitgehend.

Aktuelle Position im Mittelstand

Seit einigen Jahren bin ich nun bei einem mittelständischen Fachhändler und Produzenten von Basisprodukten tätig. Einstieg im Qualitätsbereich, dann Übernahme der Gesamtverantwortung als zentrale Instanz für Prozesse und Regulatoren, enge Einbindung in strategische Entscheidungen, ich genieße das volle Vertrauen der Unternehmensleitung. Perspektivisch besteht die Möglichkeit einer erweiterten Leitungsfunktion, wenngleich ohne verbindliche Zusage. Parallel bilde ich mich mit entsprechender Zielrichtung weiter.

Rückkehrchance in den A-Konzern

Nun hat sich für mich die Möglichkeit ergeben, in den A-Konzern, meinen allerersten Arbeitgeber, zurückzukehren und zwar als Senior Referent für ein mir vertrautes Fach¬thema auf Konzernebene. Die Position ist auch im strategischen Bereich angesiedelt und in direkter Nähe zur Vorstandsebene eingeordnet. Die Stelle ist derzeit noch offen ausgeschrieben. Der Senior-Status wurde mir im Gespräch explizit aufgrund meiner Erfahrung angeboten.

Damit stehe ich vor einer grundsätzlichen Entscheidung: Bleibe ich in meinem aktuellen Umfeld, das mir Vertrauen, Einfluss und Gestaltungsspielraum bietet – jedoch mit begrenzter struktureller Skalierung (der Begriff sagt mir so nichts, aber ich interpretiere ihn einmal als Einschränkung; H. Mell)? Oder wechsele ich in ein Konzernumfeld mit erheblicher strategischer Reichweite, klarer thematischer Zukunftsorientierung und deutlich höherer Vergütung – jedoch mit weniger unternehmerischer Autonomie? Kurz: Sollte Loyalität gegenüber dem aktuellen Arbeitgeber Vorrang haben – oder ist dies der Moment, Perspektive und Wirkungsebene höher zu gewichten als Stabilität?

Über Ihre Einschätzung würde ich mich sehr freuen.

Einschätzung zur Loyalität

Antwort: Die Frage ist interessant, ihre Bedeutung für Sie ist enorm und Sie bekommen von mir natürlich eine Antwort in Form einer konkreten Empfehlung.

Aber lassen Sie mich zunächst einen von Ihnen ins Spiel gebrachten Aspekt abhandeln, der hier eine Art Sonderstatus hat und den ich gern aus dem Entscheidungsprozess herausnehmen möchte: Es geht um die Loyalität gegenüber Ihrem heutigen Arbeitgeber. Die ist wichtig, darf aber im Arbeitnehmerinteresse auch nicht falsch, sprich überzogen interpretiert werden!

Der Fremdwörter-Duden sagt zur Loyalität: „a) Treue gegenüber der herrschenden Gewalt, der Regierung, dem Vorgesetzten, … b) Vertragstreue, Achtung vor den Interessen anderer; Anständigkeit, Redlichkeit.“ Danach spielt die Loyalität tatsächlich im Verhältnis zum Arbeitgeber, insbesondere zur Person des Vorgesetzten, eine große Rolle. Aber unter b) heißt es sofort an erster Stelle „Vertragstreue“.

In der Praxis werden z. T. hohe Anforderungen an die Loyalität von Mitarbeitern gestellt – wobei sehr oft einzelne Chefs als Person mehr direkte Loyalität von Mitarbeitern („mir gegenüber“) einfordern als sie das im Namen des Unternehmens tun.

Konzentrieren wir uns auf die hier angesprochene Frage nach der allgemein vom Angestellten erwarteten Loyalität. Die in obiger Definition an Anfang stehende „Treue“ heißt in der Praxis: „keine offensichtliche Untreue, kein Verrat, kein Hintergehen“. Und die „Vertragstreue“ bedeutet: „im Rahmen bestehender (Arbeits-) Verträge“. Und diese sind nahezu ausnahmslos und per Definition kündbar! Wer sich also korrekt im Rahmen seiner vertraglichen Gegebenheiten bewegt, ist vor einem begründeten massiven Vorwurf der Illoyalität schon einmal sicher. Der sozial stärkere Arbeitgeber hätte ja alle Möglichkeiten gehabt, seine besonderen Interessen vertraglich durchzusetzen. Wenn er die „systemimmanente“ Gefahr, dass der Angestellte ihn per Kündigung verlässt, ausschließen will, könnte er ihm ja einen lebenslangen, unkündbaren Vertrag anbieten oder ihn zum Mit-Gesellschafter erheben etc. (lassen wir hier einmal außen vor, was das deutsche Arbeitsrecht zum lebenslangen Vertrag sagen würde).

Also nein, eine vertragsgemäße Kündigung des Angestellten rechtfertigt nicht den Vorwurf der Illoyalität. Wobei der Mitarbeiter nicht dagegen geschützt ist, dass dem Vorgesetzten der Zeitpunkt der Kündigung im Rahmen seiner Pläne äußerst ungelegen kommt – und er sich ärgert. Aber dann muss er sich über sein eigenes Versäumnis ärgern, er hätte ja eine hohe Prämie ansetzen können, wenn der Mitarbeiter am Tag X noch beschäftigt sein soll etc.

Also gilt für den Angestellten: Denken Sie unbedingt bei solchen Überlegungen an sich, an Ihre Ziele und Zukunftspläne – das Unternehmen tut es umgekehrt ganz sicher auch. Oder glauben Sie, es gäbe dort etwa Überlegungen wie: „Wir wollen eigentlich diesen Geschäftsbereich an die Chinesen verkaufen, die damit sicher ganz eigene Pläne haben. Aber das würde unserem Herrn X die berufliche Zukunft verhageln, er hatte sich fest auf eine weitere Karriere in diesem Bereich verlassen. Nein, dann wollen wir lieber so anständig sein, wegen des Herrn X auf die Verkaufspläne zu verzichten.“ Seien Sie versichert: Nicht eine Minute lang würde das auch nur angedacht!

Dennoch gilt die Empfehlung für den sozial schwächeren, stets irgendwie abhängig bleibenden Angestellten: Treffen Sie die strategische Entscheidung über Ihr konkretes Vorgehen auf vertraglich einwandfreier Basis – aber vorrangig in Verfolgung eigener Interessen, die andere Seite macht das absolut auch. Aber verpacken Sie Ihr Handeln, Ihre Maßnahmen, die gewählten Zeitpunkte und vor allem Ihre verbalen Begründungen und Ankündigungen in ein sorgsam errichtetes Gerüst aus taktisch durchdachten Maßnahmen, seien Sie gerade in einer solchen Frage „knallhart in eigener Sache – aber äußerst verbindlich, verständnisvoll und einfühlsam im Ton“.

Analyse der bisherigen Laufbahn

Nun zum Kernthema: Eine sorgfältige Analyse Ihrer Situation muss vor etwa elf Jahren einsetzen und sich dann bis heute durcharbeiten:

  1. Sie waren im Konzern tätig, Angehöriger des Führungsnachwuchses und hätten dort bleiben und aufsteigen können. Aber Sie haben aus privaten Gründen den erforderlichen Ortswechsel verweigert und sind ausgeschieden. Diese Entscheidung habe ich nicht zu kritisieren, sie ist aber Fakt und prägt heute noch Ihren beruflichen Werdegang.
  2. In den vielen seitdem verstrichenen Jahren haben Sie keine erkennbaren Versuche unternommen, wieder in einem Konzern Fuß zu fassen, sondern Sie haben sich in (eher kleinen) Mittelstandsunternehmen bewegt. Damit sind Ihre heute dominierenden beruflichen Erfahrungen praktisch ausschließlich von diesen Nicht-Konzernen geprägt, die sich in anderen Dimensionen bewegen!
  3. Sie haben sogar in einem Falle versucht, in einem dieser kleinen Unternehmen auf die Gesellschafterseite zu wechseln.
  4. Insgesamt waren Sie mit Ihrer Strategie und/oder Taktik bei der Planung und Realisierung Ihrer Laufbahn (Ausnahme: heutiger Arbeitgeber) nur begrenzt erfolgreich. Ein vorstandsnah arbeitender Konzern-Referent aber sollte sich besser durch taktisch geschicktes Vorgehen und eine deutlich erkennbare Erfolgskomponente auszeichnen. Konzernspitzen ähneln oft einem Dschungel und fordern ein Höchstmaß an Glück und Überlebenskunst.
  5. Sie schreiben begeistert über Ihre heutige Position im Mittelstand: „… zentrale Instanz, in strategische Entscheidungen eingebunden, genieße das volle Vertrauen der Geschäftsführung, es besteht die Möglichkeit einer erweiterten Leitungsfunktion“. Demgegenüber ist der „Referent auf Konzernebene“ ein Ein-Mann-Spezialist ohne erkennbare Führungsfunktion und ohne besondere Aufstiegsperspektive. Und: Ein solcher Referent erarbeitet entweder Konzepte im Rahmen der Leitlinien und Zielsetzungen seiner Vorgesetzten oder er darf eigene Ideen beisteuern – die „oben“ überzeugen oder eben nicht. Ein „Referent“ ist in einer solchen Funktion ein „Mitdenker“, aber kein „Macher“. Und: „Nähe zur Vorstandsebene“ heißt, zwischen dem Vorstand und Ihnen steht noch ein Fach-Chef. Der will selbst den Vorstand begeistern …
  6. Die zur Debatte stehende Konzernposition ist die eines einfachen Referenten, für den Sie nach allgemeiner Auffassung überqualifiziert waren. Um das zu mildern, hat man den reinen Nenn-Titel „Senior“ davorgesetzt. Mehr ist das nicht.
  7. Im Konzern treffen Sie auf Kollegen und Mitbewerber um künftige berufliche Fortschritte, die haben elf Jahre Vorsprung in diesem Dschungel vor Ihnen, die sind dort bestens vernetzt und kennen nicht nur die Spielregeln, sondern auch alle wichtigen Personen ganz genau, die gehören Seilschaften an etc. Die sind Ihnen wirklich ziemlich weit voraus.

Empfehlung von Heiko Mell

Fazit: Wenn ich diese einzelnen Bausteine meiner Analyse zusammensetze, komme ich zu dem Ergebnis: Begraben Sie den Traum von der Konzernkarriere, sehen Sie Ihre inzwischen erarbeiteten Chancen im Mittelstand und widerstehen Sie der Versuchung.

„Ein jegliches hat seine Zeit“ sagt die Bibel im Prediger 3.1. Ihre Zeit zum Aufbau einer möglichen Konzernkarriere ist abgelaufen. Vor allem wenn man sieht, was Sie sich inzwischen anderswo erarbeitet haben und was Sie aufgeben müssten, um in einem Ihnen nicht mehr vertrauten Umfeld voll ins Risiko gehen zu müssen.

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Ein Beitrag von:

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist Karriereberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI nachrichten.  Hier auf ingenieur.de haben wir ihm eine eigene Kategorie gewidmet.

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