Heiko Mell 07.03.2026, 10:00 Uhr

So schreibt man eine Bewerbung – Nicht!

Heiko Mell analysiert Bewerbungen aus der Sicht eines Top-Entscheiders. Er zeigt, warum viele Unterlagen trotz Qualifikation sofort durchfallen.

Bewerbungsunterlagen zerreißen

Wenn Bewerbungen scheitern, bevor das Gespräch beginnt.

Foto: Smarterpix/terovesalainen

So nicht – und mit mir schon gar nicht!

Frage/1: Ich bin angestellter Geschäftsführer einer Firma mit mehreren hundert Mio. € Umsatz, die Teil eines größeren Konzerns ist. Mich erreichte eine Initiativ-Bewerbung, die bei mir eine Menge Überlegungen ausgelöst hat. Ich könnte mir vorstellen, dass Ihre Leser aus der Angelegenheit etwas darüber lernen könnten, wie sie ihre Bewerbungen (nicht) schreiben sollten.

Einblick in die Sicht des Entscheidungsträgers

Antwort/1: Das Thema greife ich sehr gern auf. Zwar sind auch die Gedanken und Hintergrundüberlegungen von professionellen Bewerbungs-Analytikern (HR-Manager, Berater etc.) immer interessant. Aber von nahezu unschätzbarem Wert ist für uns der Einblick in die Betrachtungsweise des „letzten Entscheidungsträgers“ in der Hierarchie-Kette: Er kann die vorgelegten Unterlagen nach bestem Wissen und Gewissen frei beurteilen – und muss sich dabei weder an meine Regeln noch an die Vorgaben anderer Fachleute halten. Im Gegenteil: Er kann in seinem Zuständigkeitsbereich sogar eigene Regeln gestalten und vorgeben. Und: Ich bin sicher, viele seiner Kollegen aus vergleichbaren Top-Positionen denken und handeln ähnlich.

So, nun aber mit der gebotenen Diskretion zu den Eckpunkten der fraglichen Bewerbung:

Der Kandidat ist Ingenieur mit betriebswirtschaftlicher Zusatzausbildung, im besten Alter. Er gibt seine Dienstzeiten nur in ganzen Jahren an (was den Fachmann schon wegen der darin deutlich werdenden Naivität ärgert), die letzte Anstellung endet danach irgendwann im vorigen Jahr. Derzeit ist also „nichts“.

Die letzte Position war die eines BU-Leiters mit Berichtsweg an die Unternehmensspitze und einer Umsatzverantwortung im unteren 9-stelligen Euro-Bereich.

Kritik am letzten Arbeitgeber

In einer eigenen stichwortartigen Situations-Analyse im Lebenslauf geht der Bewerber seinen früheren Arbeitgeber hart an und kommt in mehreren Punkten zu sehr kritischen Urteilen. Demgegenüber stehen – natürlich – seine zahlrechen durchgeführten „Aktionen“ und diverse erzielte „Erfolge“.

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Diese sehr kritische Würdigung des aktuellen oder letzten Arbeitgebers hat zwei Auswirkungen, die der Autor der Bewerbung besser beachten sollte:

  • Der ranghohe Leser dieser Unterlagen solidarisiert sich nahezu automatisch mit der Leitungsebene des derart in aller Öffentlichkeit kritisierten Arbeitgebers. Diese Ebene ist ihm instinktiv näher und vertrauter als die offensichtlich von diesem Top-Management gefeuerte mittlere Führungskraft.
  • Der ranghohe Leser sieht vor seinem „geistigen Auge“ diesen Bewerber, den er vielleicht eingestellt hätte, bei dessen nächster Bewerbungsaktion in vielleicht drei oder fünf Jahren. Und nun ist es seine Firma, die hier „in Grund und Boden gestampft“, ist es seine Geschäftspolitik, die nun in diversen Details öffentlich ausgebreitet, kritisiert und für alle Probleme verantwortlich gemacht wird. Das Risiko, dass es dazu kommt, wird er lieber nicht eingehen!

Eigenlob vs. Arbeitslosigkeit

Die Einleitung des Lebenslaufes besteht aus einem Block der üblichen Eigenbeurteilung und  bewertung des Bewerbers, der sich dabei als „Gestalter“, „Innovator“, Optimierer“, „Generalist“ und „Motivator“ sieht.

Wenn es bei all dieser behaupteten Qualifikation bloß nicht die erkennbare Arbeitslosigkeit gäbe. Die wiederum entweder bedeutet, dass er bereits seit einiger Zeit (über die üblichen Fristen in Aufhebungsverträgen hinaus) vergeblich sucht oder kurzfristig fristlos gefeuert worden ist, was die Dinge nicht besser machen würde.

Also hofft man auf das Anschreiben in Sachen „Detail-Informationen“. Aber man wird enttäuscht. Nach einem Einstieg in unternehmerische Allgemeinplätze kommen mehrere Absätze über von ihm erfolgreich durchgeführte Maßnahmen, über eindrucksvoll erzielte Ergebnisse und eine abschließende (positive) Eigenbeurteilung der Gesamtpersönlichkeit. Nichts zur Entlassung, nichts zur derzeitigen Situation. Nur ganz am Schluss steht dann noch, neben einer Festanstellung käme auch ein Interimsmanagement infrage. Das klingt dann schon sehr frustriert im Hinblick auf bisherige Bewerbungserfolge. Die vorrangig angegebene Zielposition lautet übrigens „Geschäftsführer“.

Heldenstory ohne Erklärung

Auf dieser Grundlage zur Einschätzung durch unseren Einsender:

Frage/2: Anschreiben und Lebenslauf erzählen eine „Heldengeschichte“: „Ich kam, sah und siegte.“ Wieso ist der Bewerber dann ohne Anstellung? Einen Helden entlässt man nicht. Im Anschreiben oder im Lebenslauf ist nichts dazu erwähnt. Die möglichen Szenarien, die hier zur Trennung geführt haben könnten und die mir in den ersten zehn Sekunden in den Sinn kamen, führen zu Ausschlusskriterien für eine erneute Anstellung: Die Geschichte stimmt nicht, der Bewerber hat sich etwas zu Schulden kommen lassen oder er ist schwer erkrankt. Der Bewerber hätte unbedingt eine Erklärung geben müssen.

Antwort/2: Dies ist genau das typische Fehlverhalten eines Bewerbers in Schwierigkeiten – und es trifft auf die ebenfalls typische Reaktion eines Entscheidungsträgers in Einstellungsfragen: Der Bewerber muss erkennen, wo seine Situation bzw. seine entsprechende Darstellung Fragen beim Empfänger aufwirft – und muss diese möglichst sofort an dieser Stelle beantworten. Damit der lesende Entscheidungsträger auch nicht zehn Sekunden lang im Ungewissen bleibt, sich gar nicht erst eine negative Meinung über den Kandidaten bildet oder voller Zweifel und Skepsis an die Gesamtbeurteilung herangeht.

Es hat auch keinen Zweck, etwaige „Flecken auf der Bewerberweste“ (die arbeitgeberseitige Entlassung mit nachfolgender Arbeitslosigkeit ist ein gewaltiger Fleck) etwa durch extremes Eigenlob der eigenen Fähigkeiten und Erfolge ausgleichen zu wollen. Man sieht aus der „Frage/2“ unseres Einsenders, wie schlecht so etwas ankommt.

Branchenwechsel klar adressieren

Frage/3: Der Lebenslauf des Bewerbers spielt sich in der speziellen Branche A ab, mein Arbeitgeber ist in der völlig anders ausgerichteten Branche F tätig. Wie stellt sich der Bewerber den Umgang mit diesem „Dimensionssprung“ vor? Als möglicher Geschäftsführer, der die Kunden nicht kennt, die Produkte und die Technik auch nicht – auf was baut er auf, wie lernt er den Rest?

Auf diese Frage hätte der Bewerber ebenfalls eingehen müssen. Vielleicht spielt da auch eine gewisse Arroganz bei mir mit hinein – die werden manche andere Empfänger dieser Bewerbung auch haben.

Antwort/3: Branchenkenntnisse sind stets ein gesuchtes Qualifikationselement. Zumindest sollten sich Herkunfts- und Zielbranche irgendwie ähneln, sollten sie vergleichbare Elemente aufweisen.

Keinesfalls jedoch darf man den Bewerbungsempfänger mit den sich garantiert aufbauenden Zweifeln zu diesem Punkt allein lassen – und den Eindruck riskieren, man hätte das Problem der extrem anders gelagerten Branchen noch nicht einmal erkannt.

Zumindest hätte hier ein Absatz in das Anschreiben gehört, der etwa so beginnt: „Mir ist absolut bewusst, dass ich vor einem Branchenwechsel stünde, der höchste Anforderungen an mich stellt. Ich sehe aber auch Gemeinsamkeiten in folgenden Bereichen und bin sicher, die verbleibenden Lücken durch eine besonders engagierte Einarbeitung schnell schließen zu können.“ Das würde das Problem noch nicht lösen, aber immerhin zeigen, dass man es erkannt hat und bereit ist, sich hinsichtlich einer Lösung zu engagieren.

Frage/4: Weder im Anschreiben, noch im Lebenslauf geht der Bewerber auf das Unternehmen ein, bei dem er sich bewirbt – und das schließlich sein Ziel darstellt. Es scheint als ob er ein immer gleiches Standard-Doku¬ment an mehrere Adressaten gesandt hat. Das ist schwach.

Ich erwähne noch, dass mich bereits die Selbstbeschreibung und  bewertung des Bewerbers im Lebenslauf stört: Einen Abschnitt wie „Management-Charakteristik“ und „Persönlichkeit“ will ich im Lebenslauf nicht haben, die Formulierungen sind mir zu glatt und zu wenig vertrauenswürdig. Wer ein solches Rollenmodell als Manager hätte wie dieser Kandidat es behauptet, bei dem sprächen die Erfolge und Zeugnisse genug, mehr hätte der nicht nötig. Da bin ich altmodisch.

Die Bewerbung ist die erste Arbeitsprobe, diese erfüllt nicht die Anforderungen. Als Folge werde ich nicht mit dem Bewerber sprechen und seine Bewerbung auch nicht innerhalb des Konzerns weiterleiten.

Antwort/4: Ich teile absolut Ihre Abneigung gegen jede Art von persönlicher Eigenbeurteilung und  charakterisierung durch den Bewerber. So etwas ist in der „Welt der Kandidaten-Beurteilung“ nicht üblich – es sei denn, um schlechte Beispiele für überzogenes Eigenlob zu provozieren. Aber weder die Preisrichter beim Eiskunstlauf noch der Restaurant-Tester im Sternebereich lassen den zu  bewertenden Kandidaten selbst darstellen, wie gut er nun war, wie toll der diesen aktuellen Test wieder absolviert hat und wie einmalig er überhaupt begabt und qualifiziert ist.

Es ist ja nicht so, dass ein Bewerbungsempfänger an diesen – möglichst objektiven – Beurteilungen nicht interessiert wäre. Aber ausgerechnet der Kandidat selbst ist der einzige Partner in diesem Prozess, dessen Meinung dazu nicht interessiert.

Berufliche Werdegänge zeigen die Realität

Dafür gibt es berufliche Werdegänge mit Erfolgs- (oder Misserfolgs-) Laufbahnen, gibt es Karrierefortschritte und Zeugnisse. Wenn Sie ein Erfolgstyp sein und die Vorteile einer solchen Einstufung genießen wollen, dann ist es vergleichsweise albern, „ich bin ein Erfolgstyp“ in die Eigenbeurteilung zu schreiben. Sie brauchen gar nichts in dieser Hinsicht über sich auszuführen, es reicht, wenn der Werdegang zeigt, dass hier ein erfolgreicher Angestellter mehrere Jahre lang adäquat tätig war und dass sich seine besondere Qualifikation in beruflich relevanten Erfolgen niedergeschlagen hat.

Niemand kommt ohne gelegentliche Misserfolge bzw. Niederlagen durch das Berufsleben. Auch das gehört dazu. Und wenn man ohne direktes eigenes Verschulden einfach Pech gehabt hat und beispielsweise zum falschen Zeitpunkt beim falschen Arbeitgeber eingetreten ist o.ä. Aber die Summe der Gesamterfolge sollte dann die erkennbaren einzelnen Misserfolge schon deutlich übertreffen.

Also bleibt mir die pauschale Empfehlung: Schreiben Sie nicht selbst in Ihre Unterlagen „Ich bin toll qualifiziert und überaus erfolgreich“ – legen Sie einen Werdegang vor, der genau das unter Beweis stellt. Das reicht völlig.

Ihnen, geehrter Einsender, danke ich herzlich für die Einsicht, die Sie uns in Ihre Art zu denken und zu entscheiden in dieser wichtigen Angelegenheit gewährt haben.

So, liebe Leser, jetzt wollte ich diesen Beitrag schließen mit dem – ganz sicher berechtigten – Hinweis, alles was hier kritisiert worden sei, wäre innerhalb dieser Karriereberatung wieder und wieder „breitgetreten“ und von allen Seiten beleuchtet worden. Es handele sich also um publiziertes, Ihnen mehrfach zur Anwendung offeriertes Wissen. Da nun fielen mir meine jüngst offerierten „100 Karrieretipps“ ein, die – gefühlt – von nahezu allen Lesern angefordert worden sind. Also schauen wir doch einmal, ob solche Tipps und wie viele davon vom heutigen Thema berührt worden sind.

Vom Ergebnis war ich selbst überrascht. Ich erkannte die folgenden Kurzregeln als hier angesprochen – oder anders gesagt, wer immer wieder einmal diese Sammlung durchblättert, hätte die meisten der hier aufgezeigten Fehler eigentlich vermeiden müssen. Betroffen sind hier die Tipps Nr. 8, 13, 27, 41, 44, 60, 65, 75, 80, 83, 88, 89, 95, 96, 98 und 99.

Was das bedeutet? Das für eine einwandfreie, optimal werbende Aufbereitung der Unterlagen erforderliche Wissen liegt greifbar von Ihnen. Sie müssen es nur aufgeschlossen aufnehmen – und in eigener Angelegenheit umsetzen.

Das mit dem Umsetzen, wenn man selbst betroffen ist, scheint eine besonders hohe Hürde zu sein. Ich erkenne das aus mir zugehenden begeisterten und überaus anerkennenden Zuschriften, in denen es heißt „Ich lese Ihre Beiträge mit großer Zustimmung seit 20 Jahren“, dann liegt etwa ein Lebenslauf bei, der einige spezielle kritische Punkte  enthält, zu denen ich bestimmt nicht geraten hatte. Manchen dieser Einsender ist die Abweichung vom Regel-Ideal „in eigener Sache“ offenbar auch bewusst, anderen jedoch nicht.

Daher lassen Sie mich bei dieser guten Gelegenheit eindringlich warnen: Man muss als nach Erfolg strebender Markt-Teilnehmer („Arbeitsmarkt“) die wichtigsten Regeln des Systems kennen, sie akzeptieren – und sie in eigener Sache auch anwenden wollen und können.

Besonders fatal ist nach meiner Erfahrung das Vorgehen in folgender Form: Man erkennt die hier angesprochenen Regeln, akzeptiert sie auch grundsätzlich, verweigert jedoch aus unterschiedlichen Gründen ausgerechnet bei einer oder zwei Kernregeln die Umsetzung. Beispiel 1: „Ich mache alles, aber es muss ohne Umzug gehen.“ Oder vielleicht sogar: „Ich möchte schon selbst entscheiden, ob ich gute Arbeit leiste und ein guter Mitarbeiter bin. Dazu brauche ich keinen Chef.“

Vielleicht muss ich noch stärker betonen, dass es nicht darum geht, die meisten Regeln umzusetzen, sondern wirklich (fast) alle. Es ist wie beim Fußball oder im Straßenverkehr: Ein Handspiel oder ein Rotlichtverstoß reichen aus, um zehn Jahre der Befolgung der allermeisten anderen Regeln zunichte zu machen. Man muss sie (fast) alle achten!

Ein Beitrag von:

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist Karriereberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI nachrichten.  Hier auf ingenieur.de haben wir ihm eine eigene Kategorie gewidmet.

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