Kolumne Anne M. Schüller 23.01.2026, 12:00 Uhr

Generalist oder Spezialist: Wer wird künftig gebraucht?

Arbeitswelt im Umbruch: KI verdrängt Spezialwissen. Warum T-, H- und X-Profile an Bedeutung gewinnen und was das für Ihre Karriere heißt.

Welche Talentform sichert Ihre Zukunft? I-, T-, H- oder X-shaped: So passen Sie sich einer dynamischen, KI-getriebenen Arbeitswelt an. Foto: Smarterpix/mdworschak

Welche Talentform sichert Ihre Zukunft? I-, T-, H- oder X-shaped: So passen Sie sich einer dynamischen, KI-getriebenen Arbeitswelt an.

Foto: Smarterpix/mdworschak

Selbst das beste Tiefenwissen wird wertlos, wenn neue Technologien die alten ersetzen oder menschliche Expertise durch hochperformante KI ausgetauscht wird. Natürlich werden auch weiterhin reichlich Spezialisten, also I-Profile gebraucht. Doch für T-, H- und X-Typen besteht fortan mehr Bedarf, denn ihnen gelingt die Anpassung an eine sich ständig wandelnde Arbeitswelt besser. Was steckt dahinter? Hinter diesen Profilen und welcher Typ sind Sie?

Mit dem Voranschreiten des Fortschritts und dem Aufstieg junger, forscher, agiler Unternehmen entstehen gänzlich neue Geschäftsmodelle, neue Organisationsdesigns, neue Formen der Arbeit, ein neues Kundenverständnis – und völlig neue Berufe wie diese: Smart-City-Entwickler, Roboter-Disponent, 3D-Handwerker, KI-Trainer, Drohnenpilot, VR-Creator, Technologie-Ethiker, Circular-Economy-Designer.

Doch auch die werden wieder verschwinden, um noch neueren Berufsbildern Platz zu machen. 85 % der Berufsbilder, die 2030 den Arbeitsmarkt bestimmen werden, gab es bis vor Kurzem noch gar nicht. Das ergab die Untersuchung „Realizing 2030: Die Zukunft der Arbeit“. Dies zeigt, wie schnell man Expertisen aus der Vergangenheit über Bord werfen und sich stets neu erfinden muss, um künftig von Bedeutung zu sein.

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Die übergreifende Vernetzung gewinnt stark an Bedeutung

Die globale digitale Vernetzung, die immer drastischeren Folgen des Klimawandels sowie die Neukombination von Technologien und Industrien in Business-Ecosystemen sorgen für vielerlei Wechselwirkungen, die sich im Vorfeld gar nicht absehen lassen. Ein derart unvorhersehbares Umfeld erfordert maximale Adaptionskompetenz – und damit auch mehr Generalisten mit breit fundierten Kenntnissen und Fertigkeiten.

Fortan werden wir Mitarbeitende brauchen, die multiperspektivisch denken und kombinatorisch handeln, sich ständig weiterentwickeln und, aufbauend auf einem erweiterten Wissensfundament, Gesamtzusammenhänge verstehen. Dies verlangt Gespür sowohl für die Menschen als auch für die neueste Technologie. Unverzichtbare Grundvoraussetzung dafür ist eine lebenslange, eigeninitiative Lernbereitschaft.

So sorgen fundiert agierende Generalisten für ihre Employability vor allem auch dort, wo immer performantere künstliche Intelligenzen die reinen Spezialisten zunehmend ersetzen. Sehr oft mithilfe von KI als Co-Kreator und Co-Assistenz gelingt es Generalisten mit multiplen Kompetenzen, Initiativen in Gang zu bringen, die Ideen, Wissen und Können auf ganz neue, unkonventionelle Weise miteinander verknüpfen.

I-shaped: tiefes Wissen auf einem einzigen Fachgebiet

Spezialisten werden wir definitiv auch weiterhin brauchen, doch ihr Stand ist, wie schon allein der Buchstabe zeigt, nicht besonders stabil. Ihr Fachwissen ist zwar fundiert und überaus tief, doch wenig breit. Sie sind in einer Art Silodenke verfangen. Nur das, was innerhalb dieser Grenzen liegt, kommt für sie dann auch in Betracht. Die eigene ist die beste aller Lösungen, weil der typische Spezialist kaum andere Lösungen kennt.

Spezialisten agieren oft in einer abgeschotteten Welt. Sie analysieren und analysieren. Und das kostet wertvolle Zeit, die in Zukunft niemand mehr hat. Außerdem verfügen sie oft über Know-how, das in der Next Economy kaum noch zählt. Zu schnelllebig sind die benötigten Expertisen. Wenn Kenntnisse rascher altern als jemals zuvor, dann ist reines Bestandswissen leider nur noch marginal sinnvoll.

Niemand ist heute mehr „aus“gebildet. Spezialisten können ihre Position entscheidend verbessern, indem sie ihr Fachwissen kontinuierlich verbreitern und das I damit stabiler machen, am besten „on the job“ nahezu täglich. Unterstützung bietet die ganze Palette der E-Learning-Programme, zudem Learning Games, Lern-Podcasts, Webinare, Lern-Apps und der fortan maßgebliche Beistand durch persönliche KI-Lernassistenten.

T-shaped: in der Tiefe und auch in der Breite aktiv

Symbolisiert durch das T vereinen T-förmige Profile Fähigkeiten von Spezialisten und Generalisten. Neben ihrer eigentlichen Expertise (senkrechte Linie) haben sie fachübergreifend relevantes Wissen in angrenzenden oder übergeordneten Bereichen (waagerechte Linie), sodass sie ganzheitlicher handeln und vielseitiger einsetzbar sind. Sie denken in Zusammenhängen, statt, wie ein Experte, nur einen Ausschnitt zu sehen.

T-förmige Talenttypen sind etwa in der zunehmenden Projektarbeit sehr gefragt, weil sie sich leichter umorientieren und besser in neue Rollen hineinwachsen können. Auch wenn es um die steigende Bedeutung von Shared Leadership geht, können sie punkten. Dies ist ein immer öfter praktiziertes Modell, bei dem jeder in einem Projektteam je nach Situation und Bedarf mal als Mitarbeitender und mal als Führender operiert.

Eine Sonderform des T-shaped Profils ist das sogenannte Full-Stack-Profil. „Full stack“ bedeutet in etwa „das komplette Paket“. Der Begriff wird vor allem in der IT-Branche verwendet, wo man zum Beispiel Full-Stack Developer kennt: Programmierer, die sowohl Frontends (die Benutzeroberfläche) als auch Backends (die Datenbank) entwickeln. Talente mit einem Full-Stack-Profil finden wir sehr oft auch in Start-ups.

H-shaped: die Konnektoren zwischen den Welten

„Ich habe zwei Superkräfte“, schreibt mir eine Leserin. Sie kann das Big Picture und die darin verwobenen Zusammenhänge erkennen, etwas, das anderen oft verborgen bleibt. Und sie hat integrative „Übersetzungskompetenz“, weil sie sich mit Menschen aus unterschiedlichen technischen Bereichen und Hierarchieebenen unterhalten und deren Wissen und Können miteinander verbinden kann, ohne aneinander vorbeizureden.

Ausgeprägtes interdisziplinares Denken und ein kommunikatives Zusammenbringen mehrerer Abteilungen oder Projekte fehlt leider sehr häufig, wenn zu viele Spezialisten am Werk sind. Insofern sind H-förmige Talenttypen die Brückenbauer im Unternehmen, oft auch Konnektoren zwischen drinnen und draußen. Sie sehen nicht nur den eigenen Beitrag, sondern verstehen, wie alles ineinandergreifen kann, soll und muss.

Sie sind darin geübt, Spezialwissen aus verschiedenen Bereichen sinnvoll zu kombinieren, weil sie einen hohen Assoziationsspielraum besitzen. Solche Menschen können mit großer Leichtigkeit in verschiedene Denkweisen schlüpfen. Sie haben die Fähigkeit, ihre Kompetenzbreite auf unterschiedlichste Situationen anzuwenden. Das H-förmige Talenteprofil kann insofern Geburtshelfer für bahnbrechende Innovationen sein.

Anne M. Schüller, Zukunft meistern

Buchtipp: Anne M. Schüller, Zukunft meistern. Das Trend- und Toolbook für Übermorgengestalter. Gabal Verlag 2024, 232 S., 29,90 €.

Foto: Gabal

X-shaped: der Typ, den wir nun immer mehr brauchen

X-förmige Talentprofile kombinieren völlig verschiedene, nicht miteinander verwandte Disziplinen. Bestes Beispiel dafür ist die Verkettung der digitalen mit der grünen Transformation, auch als Twin Transformation bezeichnet. Die, die in beidem eine Vorreiterstrategie entwickeln, gelten als Twin Transformer oder Twin Performer. Ihnen gehört die Zukunft. Manche glauben, unser Planet sei überhaupt nur so noch zu retten.

Schnittstellen (das Zentrum des X) sind die dynamischsten Orte für Fortschritt und Wandel. Sie gestatten einen Ausbruch aus vorherrschenden Denkmustern und etablierten Vorgehensweisen. Sie bieten beste Gelegenheiten für die Neuverknüpfung von Möglichkeiten. Sie erweitern, wie bei einer Straßenkreuzung, den Horizont. Sie lassen neue Blickwinkel entstehen. Und man kann in neue Richtungen gehen.

Während der H-Typ primär innerhalb des Unternehmens im Rahmen laufender Projekte agiert, entwickelt der X-Typ über die eigenen Unternehmensgrenzen und die der Branche hinaus völlig neuen Möglichkeiten. Beide Typen denken unternehmerisch und sind extrem lernbereit. Sie wissen: Durch Überkreuzbefruchtung treten an Schnittstellen Ideen zutage, die den Lauf der Dinge stark beeinflussen oder sogar radikal verändern.

 

Ein Beitrag von:

  • Anne M. Schüller

    Anne M. Schüller ist Managementdenker, Keynote-Speaker, mehrfach preisgekrönte Bestsellerautorin und Businesscoach. Die Diplom-Betriebswirtin gilt als führende Expertin für das Touchpoint Management und eine kundenfokussierte Unternehmensführung.

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