„Die faulen Deutschen?“ im Faktencheck: Guido Zander über Arbeit, Mehrarbeit und Produktivität
Arbeitszeitexperte und Unternehmensberater Guido Zander räumt mit Mythen auf: Sein Buch „Die faulen Deutschen?“ sorgt für Diskussionen – und liefert differenzierte Einblicke in die deutsche Arbeitswelt. Dabei geht es um Arbeitszeit, Produktivität, Generation Z, Krankenstände und Fachkräftemangel. Zander zeigt, warum viele populäre Thesen nicht halten und welche Faktoren tatsächlich zählen.
Arbeitszeitexperte Guido Zander im Gespräch: Mythen über Faulheit, Mehrarbeit und Generation Z entlarvt.
Foto: Ulrike Frömel
Inhaltsverzeichnis
Realität statt Schlagworte
Der provokante Titel „Die faulen Deutschen?“ ist bewusst gewählt, erklärt Zander. Doch was ihn stört, ist nicht die Diagnose selbst: „Dass wir wirtschaftliche Probleme haben, dass andere Länder bei Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit aufgeholt haben und dass wir strukturelle Herausforderungen im Arbeitsmarkt sehen – das ist ja alles nicht falsch.“
Problematisch sei vielmehr die öffentliche Reaktion: Komplexe Probleme würden oft mit simplen Lösungen beantwortet.
„Wenn wir nur mehr arbeiten, wird automatisch alles besser. Oder wenn wir bestimmte Regelungen verschärfen, lösen sich strukturelle Probleme quasi von selbst. Diese Verkürzungen greifen viel zu kurz und werden der Realität nicht gerecht.“
Viele Narrative in der Debatte seien längst widerlegt oder stark relativiert. Schlagworte wie „Die Deutschen arbeiten zu wenig“ oder „Alle müssen mehr leisten“ funktionieren medial gut, bilden aber die Realität selten ab. Zander fordert daher eine faktenbasierte Debatte: „Wir brauchen wieder mehr Tiefe. Wir sollten uns fragen: Wo liegen die Probleme wirklich? Welche Maßnahmen wirken tatsächlich? Und wo sind vermeintliche Lösungen vielleicht sogar kontraproduktiv?“
Er kritisiert auch die mediale Vereinfachung: Komplexe Zusammenhänge ließen sich schwer in Schlagzeilen oder kurzen Social-Media-Clips vermitteln. Ein klarer, zugespitzter Satz setze sich leichter durch – doch genau diese Einfachheit könne dazu führen, dass strukturelle Probleme nicht verstanden werden.
Mehrarbeit ist nicht gleich Produktivität
Ein aktuelles Beispiel für die vereinfachte Debatte ist die Forderung nach Mehrarbeit. Zander betont, dass Mehrarbeit an sich kein Tabuthema sei. Entscheidend sei aber, wie sinnvoll sie eingesetzt wird.
„Viele Betriebe arbeiten noch mit starren Schichtmodellen. Zusatzschichten sind oft nur auf freiwilliger Basis möglich, nach unten lässt sich Arbeitszeit häufig kaum anpassen. Genau das ist der Kern des Problems“, erklärt Zander.
Er illustriert dies mit einem Beispiel: Ein Unternehmen hat vielleicht in 30 % des Jahres eine hohe Auslastung, in 40 % normale und in 30 % eher geringe Auslastung. Dann sei eine pauschale Stunde Mehrarbeit nur in den 30 % wirklich produktiv, in den restlichen 70 % aber reine Kosten.
Zudem ist der Zusammenhang zwischen Arbeitszeit und Output keineswegs linear: „Mit steigender Arbeitszeit sinkt häufig die Produktivität pro Stunde. Menschen werden müder, Fehler nehmen zu, Krankenstände können steigen.“ Mehr Arbeit allein löse also nicht automatisch mehr Leistung aus.
Zander plädiert deshalb für flexiblere Arbeitsmodelle. Unternehmen sollten in Spitzenzeiten kurzfristig Arbeitszeit ausweiten können, bei geringerer Auslastung reduzieren. „Statt pauschal mehr Arbeit zu fordern, sollten wir die vorhandene Arbeitszeit sinnvoller und flexibler einsetzen. Das würde oft deutlich mehr bringen als reine Mehrarbeit.“
Auch interessant: Mehr arbeiten für Wohlstand? Großteil lehnt Mehrarbeit ab
Auch interessant: Urlaub streichen für mehr Wachstum? Neue Vorschläge aus der Wirtschaft
Krankenstände in Deutschland: Fakten statt Mythen
Ein weiteres Thema, das in der öffentlichen Debatte häufig verzerrt dargestellt wird, sind die Krankenstände. Deutschland liege im internationalen Vergleich zwar im oberen Bereich, sei aber nicht „Weltmeister“. Länder wie Norwegen oder Finnland hätten teilweise höhere Krankenstände.
Zander betont die Unterschiede in der Datenerhebung: „Jedes Land erhebt Krankheitsdaten anders. In Deutschland werden Krankmeldungen inzwischen sehr zuverlässig elektronisch erfasst. In anderen Ländern ist die Dokumentation weniger vollständig.“
Auch das soziale Sicherungssystem beeinflusst die Statistik. In Ländern mit Lohnfortzahlung bleiben Menschen eher zu Hause, in Ländern ohne Absicherung gehen viele krank zur Arbeit. Verzerrungen entstehen also schnell.
Missbrauch sei zwar ein Problem, betreffe aber nur einen kleinen Teil der Beschäftigten. Maßnahmen wie Karenztage oder Abschaffung der elektronischen Krankschreibung hätten kaum Wirkung. „Es wäre sinnvoller, gezielt gegen tatsächlichen Missbrauch vorzugehen. Führung spielt hier eine wichtige Rolle.“
Auch interessant: Vom Rekord-Krankenstand zur gesunden Arbeitskultur: Wege aus der Belastungsfalle
Auch interessant: Warum die telefonische Krankschreibung abgeschafft werden könnte
Generation Z: Arbeitsbereitschaft und neue Erwartungen
Die Generation Z wird in der Öffentlichkeit oft pauschal als weniger leistungsbereit dargestellt. Zander widerspricht: „Dafür gibt es keinerlei belastbare statistische Hinweise. Viele junge Menschen arbeiten parallel zum Studium – das ist ein Zeichen hoher Leistungsbereitschaft.“
Neu seien vor allem die Erwartungen an die Arbeitsbedingungen. Work-Life-Balance, flexible Arbeitszeiten und Sinnhaftigkeit der Arbeit stünden stärker im Fokus. Pauschale Urteile über „Faulheit“ seien deshalb falsch: „Diese Generation will arbeiten – sie fragt nur stärker nach den Bedingungen.“
Auch Teilzeitbeschäftigung dürfe nicht automatisch als geringe Leistungsbereitschaft interpretiert werden. Viele Studierende oder junge Beschäftigte würden bewusst Teilzeit wählen, um Studium oder Weiterbildung zu ermöglichen – und arbeiteten zusätzlich in anderen Jobs.
Fachkräftemangel und demografische Entwicklung
Zander ordnet den Fachkräftemangel als temporäre Pause ein. Wirtschaftliche Schwankungen und zusätzliche Arbeitskräfte, etwa durch Migration oder steigende Erwerbstätigkeit von Frauen, hätten das Angebot erhöht.
Langfristig bleibe die demografische Herausforderung bestehen: „In den kommenden Jahren werden jährlich Hunderttausende mehr Menschen in Rente gehen, als neu in den Arbeitsmarkt eintreten. Dieser Effekt wird sich verstärken.“ Zander betont, dass das Thema Fachkräftemangel spätestens in zwei bis drei Jahren wieder sehr präsent sein wird – möglicherweise stärker als zuvor.
Er warnt außerdem vor selektiver Nutzung von Zahlen: „Die durchschnittliche Arbeitszeit in Deutschland liegt bei rund 34,4 Stunden pro Woche – das stimmt. Aber diese Zahl umfasst Teilzeit. Betrachtet man nur Vollzeitbeschäftigte, arbeiten die Deutschen kaum weniger als früher. Viele Frauen leisten zusätzlich Care-Arbeit – das ist eher ein Zeichen von mehr Arbeit als von weniger.“
Handlungsempfehlungen: Rahmenbedingungen statt Moralpredigten
Zander nennt konkrete Ansatzpunkte, um Arbeitszeit, Produktivität und Motivation zu steigern:
- Kinderbetreuung: Verlässliche Betreuungsangebote würden Eltern, vor allem Müttern, ermöglichen, ihre Arbeitszeit auszuweiten. Kitaplätze, Öffnungszeiten und stabile Betreuung seien entscheidend.
- Steuerliche und finanzielle Anreize: Das aktuelle System schmälert oft den Nutzen von Mehrarbeit. Anpassungen könnten Mehrarbeit attraktiver machen.
- Ältere Beschäftigte: Flexible Arbeitszeitmodelle, weniger körperliche Belastung, Weiterbildungsangebote und Wertschätzung erhöhen die Bereitschaft, länger zu arbeiten.
„Statt ständig über angebliche Faulheit zu sprechen, sollten wir uns fragen: Wo liegen die strukturellen Hürden, die Menschen daran hindern, mehr zu arbeiten oder länger zu arbeiten? Wenn wir diese Hürden abbauen, wird sich vieles ganz von selbst entwickeln“, sagt der Experte. Damit ist sein Fazit klar:
Die Deutschen sind nicht faul – sie arbeiten unter Bedingungen, die oft nicht optimal gestaltet sind. Die Lösung liegt in Flexibilität, Anreizen und struktureller Verbesserung, nicht in moralischen Appellen.
Guido Zander: Die faulen Deutschen?
(Schein-)Debatten und Lösungen für eine zukunftsfähige Arbeitswelt (Haufe)
Ca. 240 Seiten │Klappenbroschur
22 € [D] │ 22,70 € [A]
ISBN: 978-3-68951-054-1
Ein Beitrag von: