Boreout statt Burnout: Wenn Unterforderung gefährlicher als Überlastung wird
Unterforderung führt zu Frustration, Kompetenzverlust und wirtschaftlichen Schäden. Fachkräfte arbeiten unter ihrem Potenzial – eine stille Gefahr für Innovation und Wettbewerbsfähigkeit. Und diese Gefahr hat einen Namen: Boreout.
Wenn Ingenieure unterfordert sind: Boreout statt Burnout – stille Gefahr für Wissen, Motivation und Innovation in der Industrie.
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Deutschlands Industrielandschaft steckt in einem bemerkenswerten Widerspruch. Während Politik und Wirtschaft vor Fachkräftemangel warnen und sich betriebliche Gesundheitsprogramme fast reflexartig auf Burnout konzentrieren, wächst in Entwicklungsabteilungen, Laboren und Großraumbüros ein gegenteiliges Phänomen: Boreout – die Erschöpfung durch Unterforderung.
Inhaltsverzeichnis
- Warum Boreout kein „umgekehrter Burnout“ ist
- Die drei Säulen des Boreout-Syndroms: Unterforderung, Langeweile und Desinteresse
- Bürokratisierung und administrative Überlagerung
- Projektlogik und Stillstand
- Skill Rusting: Wenn Kompetenz rostet
- Wenn Langeweile krank macht
- Prävention als Führungsaufgabe: Boreout aktiv verhindern
- Der stille Risikofaktor der Transformation
Was zunächst wie ein Luxusproblem klingt, ist in Wahrheit tatsächlich eine stille Krise. Gerade im Ingenieurwesen, das vom Ethos der Problemlösung, von kognitiver Komplexität und technischer Neugier lebt, bedeutet chronische Unterforderung keinen willkommenen Leerlauf.
Warum Boreout kein „umgekehrter Burnout“ ist
In der psychologischen Praxis technischer Teams zeigt sich immer wieder: Burnout und Boreout werden verwechselt, obwohl sie auf gegensätzlichen Mechanismen beruhen. Burnout entsteht durch Überforderung – durch dauerhaft zu hohe Anforderungen, Zeitdruck und fehlende Regeneration. Ressourcen werden aufgebraucht, bis nichts mehr geht. Darüber haben wir auch mehrfach berichtet.
Boreout hingegen ist das Resultat chronischer Unterstimulation. Zu wenige Aufgaben. Zu triviale Aufgaben. Oder Tätigkeiten, die weit unter dem eigenen Qualifikationsniveau liegen. Und das führt zur Frustration. Nach außen ähneln sich die Symptome: Leistungsabfall, emotionale Distanz, körperliche Beschwerden. Doch therapeutisch sind die Konsequenzen gegensätzlich. Wer unterfordert ist, wird durch Ruhe nicht gesünder, sondern fühlt die Leere noch stärker. Wer ausgebrannt ist, bricht unter zusätzlicher Herausforderung zusammen.
Die drei Säulen des Boreout-Syndroms: Unterforderung, Langeweile und Desinteresse
Boreout ruht auf drei Elementen: Unterforderung, Langeweile und Desinteresse. Dabei kann Unterforderung in zwei Formen auftreten.
Quantitative Unterforderung beschreibt den schlichten Mangel an Aufgaben. Es gibt zu wenig zu tun. Die Uhr scheint langsamer zu laufen.
Qualitative Unterforderung hingegen trifft tiefer. Hier sind zwar Aufgaben vorhanden, doch sie fordern die vorhandenen Kompetenzen nicht. Hochqualifizierte Fachkräfte verbringen ihre Zeit mit administrativen Routinen, repetitiven Dokumentationspflichten oder der Pflege veralteter Systeme. Für Menschen, die Jahre in Studium und Spezialisierung investiert haben, wirkt qualitative Unterforderung wie ein Angriff auf die berufliche Identität. Die Frage „Wofür habe ich das alles gelernt?“ wird zur täglichen Begleiterin.
Bürokratisierung und administrative Überlagerung
Viele haben es bereits erlebt, dass ihre Facharbeit zunehmend von administrativen Tätigkeiten verdrängt wird. Dokumentationspflichten, regulatorische Anforderungen, Koordinationsmeetings – statt technische Probleme zu lösen, werden Checklisten gepflegt. In komplexen Konzernstrukturen verteilt sich Verantwortung auf zahlreiche Hierarchieebenen. Entscheidungen dauern. Der Bezug zum Endprodukt geht verloren. Das Gefühl, tatsächlich etwas zu bewirken, schwindet.
Projektlogik und Stillstand
Industrieprojekte verlaufen selten geradlinig. Phasen mit hoher Arbeitsbelastung wechseln sich mit Leerlaufzeiten ab, weil Budgets knapp sind, Materialien sich verzögern oder Entscheidungen auf sich warten lassen. Trotzdem müssen die Mitarbeitenden präsent sein. Um beschäftigt zu wirken, werden Aufgaben künstlich gestreckt, Meetings verlängert und E-Mails mehrfach überprüft. Und genau das ist der springende Punkt. Denn: Diese inszenierte Aktivität ist psychisch oft noch anstrengender als echte, sinnvolle Arbeit.
Skill Rusting: Wenn Kompetenz rostet
Im Ingenieurwesen hat Wissen eine kurze Halbwertszeit. Wer komplexe Probleme nicht regelmäßig bearbeitet, verliert Routine. Dieses Phänomen – Skill Rusting – beschreibt den schleichenden Verfall technischer Expertise.
Qualitative Unterforderung führt zu Selbstzweifeln. Betroffene bewerben sich seltener auf anspruchsvolle Projekte. Die Problemlösungsfähigkeit nimmt ab. Fachwissen veraltet.
Wenn Langeweile krank macht
Boreout ist keine eigenständige Diagnose. Doch die gesundheitlichen Folgen sind real. Physisch äußert sich Unterforderung in Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Magen-Darm-Problemen, Tinnitus oder erhöhter Infektanfälligkeit. Psychisch dominieren Antriebslosigkeit, Reizbarkeit, Konzentrationsverlust. Besonders typisch ist die paradoxe Erschöpfung nach Feierabend – nicht, weil zu viel geleistet wurde, sondern weil Sinnlosigkeit Kraft kostet
Prävention als Führungsaufgabe: Boreout aktiv verhindern
Boreout ist kein individuelles Scheitern von Ingenieurinnen und Ingenieuren. Wer unterfordert ist, hat nicht versagt – es ist in erster Linie ein Führungsproblem. Die Verantwortung liegt bei Unternehmen und Management, Arbeitsplätze so zu gestalten, dass fachliche Fähigkeiten gefordert und gefördert werden.
In vielen Unternehmen wird Leistung noch zu stark an der Anwesenheit gemessen. Anwesenheit allein sagt aber nichts über die tatsächliche Wirkung aus. Ingenieure können acht Stunden im Büro verbringen, ohne dass echte Fortschritte oder Innovationen entstehen – während andere in flexibleren Strukturen deutlich produktiver und motivierter arbeiten.
Hier zeigt sich eine wichtige Spannung: In einer idealen Meritokratie würden Anerkennung und Verantwortung nach Leistung und Können vergeben, nicht nach der bloßen Präsenz im Büro. Wer komplexe Probleme löst, Innovationen vorantreibt oder Wissen aktiv erweitert, sollte belohnt werden – unabhängig davon, ob er jede Stunde am Schreibtisch sitzt. Eine reine Präsenzlogik verhindert jedoch, dass Leistung fair bewertet wird, und begünstigt Boreout, weil Mitarbeitende gezwungen werden, Zeit abzusitzen, statt wirkliche Wirkung zu entfalten.
Auch interessant: Meritokratie im Unternehmen: Wie Leistungskultur Aufstieg und Vergütung bestimmt
Systematische Weiterbildung wirkt ebenso als Schutz gegen Kompetenzverfall. Lesen Sie dazu einen Vdi-nachrichten Artikel „Re-skilling als Firewall gegen Jobverlust“.
Prävention von Boreout bedeutet also nicht nur, Aufgaben anspruchsvoller zu gestalten, sondern auch Führungskultur, Anreizsysteme und Wertschätzung neu auszurichten. Unternehmen, die Leistung nach Wirkung statt nach Präsenz honorieren und ihren Ingenieuren echte Entfaltungsmöglichkeiten bieten, schaffen Motivation, Bindung und schützen ihre Fachkräfte vor langfristigem Kompetenzverlust.
Der stille Risikofaktor der Transformation
Deutschland steht mitten in der industriellen Transformation – Energiewende, Digitalisierung, KI-Integration. All diese Prozesse erfordern hochengagierte, kreative Ingenieurinnen und Ingenieure. Doch Engagement entsteht nicht allein durch Gehalt oder Arbeitsplatzsicherheit. Es entsteht durch Herausforderung, Sinn und Entwicklung.
Boreout ist kein Randphänomen. Es ist ein strukturelles Risiko für Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit. Wenn exzellente Köpfe dauerhaft unter ihrem Potenzial arbeiten, verliert nicht nur der Einzelne – sondern ein ganzer Wirtschaftsstandort. Die entscheidende Managementfrage der kommenden Dekade lautet daher: Wie verhindern wir, dass Kompetenz ungenutzt bleibt? Denn Unterforderung ist kein Komfortzustand. Sie ist ein schleichender Verlust von Talent – und damit von Zukunft
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