Gesundheit

Pre- und Probiotika – gesund oder bloß modern?

Im doppelten Wortsinn sind Pre- und Probiotika in aller Munde. Genußvoll wird teurer Joghurt gelöffelt in der Hoffnung, etwas Gutes für die Gesundheit zu tun. Bleibt die Frage, ob die neuen Produkte auch halten können, was sie versprechen.

Unbestritten gibt es zahlreiche Krankheiten, die auf schlechte Ernährungsgewohnheiten zurückzuführen sind. Gesundes Essen, das auch noch schmeckt, kann hier Abhilfe schaffen. Unbestritten ist aber auch, daß Lebensmittelhersteller ständig auf der Suche nach neuen Verkaufsideen für ihre Produkte sind.
Was steckt hinter dem Schlagwort „Probiotisches Lebensmittel“? Bisher sind dies ausschließlich Milchprodukte, denen Bakterien oder Hefen zugesetzt werden – zum Beispiel Milchsäurebakterien. Wenn man davon ausreichende Mengen verspeist, also etwa einen Becher Joghurt pro Tag, können sie sich für einige Zeit im Darm ansiedeln. Dort sollen sie auch deshalb positiv auf die Gesundheit wirken, betonen die Hersteller, weil sie andere, krankmachende Mikroorganismen verdrängen.
Höchstens zehn Tage lang bleiben sie im Darm, wenn man nicht ständig neue Artgenossen zuführt. „Für die kurzlebigen Bakterien ist das eine sehr lange Zeit“, erklärte Dr. Ralf Zink vom Nestlé Research Center in Lausanne kürzlich auf einem Kolloquium der DECHEMA in Frankfurt. Kommt mit der Nahrung kein Nachschub, werden die probiotischen Keime schnell wieder verdrängt.
Bisher besteht das Angebot an probiotischen Lebensmitteln fast nur aus Milchprodukten. Das hat einen einfachen Grund: Die Bakterien oder Hefen bleiben nur in einer für sie natürlichen Umgebung aktiv, sonst sterben sie ab. Für die Keime heißt das unter anderem: ausreichend Feuchtigkeit, nicht zu viel Säure, nicht zu viel Salz. Diese Bedingungen erfüllt der Joghurt.
Doch die Forscher arbeiten an der Entwicklung neuer Produkte. So plant Nestlé nach Auskunft von Dr. Zink die Herstellung probiotischer Obst- und Gemüsesäfte, Säuglingsnahrung und Getreideprodukte. Auch Prof. Dr. Walter P. Hammes von der Universität Hohenheim sucht nach geeigneten Nahrungsmitteln: „Wichtig ist, daß die Lebensmittel nach dem Zusatz der Keime nicht mehr erhitzt werden dürfen.“
Probiotischen Kaffee wird es deshalb auch in Zukunft nicht geben, weil er aufgebrüht werden muß. Bei Hüttenkäse aber gehen die Hersteller einen anderen Weg: Sie mischen die Keime ganz zum Schluß nach der Erhitzung unter. Sogar einige Wurstwaren könnten probiotische Bakterien tragen. Sie dürfen aber weder zu salzig noch zu trocken sein und, sobald sie probiotisch sind, nicht mehr erhitzt werden. Dadurch ist die Auswahl deutlich eingeschränkt.
Einige Forscher meinen, daß sich ein probiotischer Effekt nur einstellen kann, wenn regelmäßig dieselbe probiotische Spezies verzehrt wird. Unklar ist zudem, ob die probiotischen Organismen den Säureangriff bei der Passage durch den Magen überhaupt unbeschadet überstehen können.
Nicht zu verwechseln mit den Probiotika sind die Prebiotika. Prebiotika sind keine Bakterien, sondern bestimmte lösliche Ballaststoffe. Die körpereigenen Enzymen können diese nicht spalten, deshalb gelangen sie unbeschadet bis in den Darm und werden von den dort siedelnden Mikroorganismen verdaut. Dabei entstehen Stoffwechselprodukte, vor allem Milch-, Butter- und Essigsäure, die sonst, zumindest in diesen Mengen, im Darm nicht zu finden sind. „Diese Säuren helfen, eine gesunde Darmflora aufzubauen und den Cholesterinspiegel zu senken“, sagt Prof. Dr. Hannelore Daniel von der Technischen Universität München. Außerdem sollen sie die Fähigkeit des Darms erhöhen, Kalzium aufzunehmen und zu speichern. Ihr besonderes Augenmerk richtet Daniel auf die Buttersäure. Die soll das Wachstum von Tumorzellen hemmen und das von normalen Zellen fördern. So könnte Buttersäure zur Verhinderung von Dickdarmkrebs beitragen.
Auch die als Prebiotika gepriesenen Stoffe sind nicht neu. Was als Oligofruktose oder Fruktane verkauft wird, ist in vielen Lebensmitteln ohnehin enthalten, zum Beispiel in Zwiebeln, Knoblauch, Bananen oder Roggen. Die Ernährungswissenschaftler klagen, die moderne Ernährung enthalte zu wenig lösliche Ballaststoffe. „Unsere heutige Nahrung ist voll von Fett und energieliefernden Bestandteilen, die wir gar nicht benötigen“, betont Daniel. Deshalb sei es durchaus sinnvoll, der Nahrung lösliche Ballaststoffe zuzusetzen.
Wenn Prebiotika schon so alt sind und eine positive Wirkung auf den Aufbau unserer Darmflora haben, dann könnte es sie vielleicht auch in der Muttermilch geben. „Es zeigte sich, daß tatsächlich prebiotischen Substanzen darin existieren“, erklärt Daniel, „nur ist ihre Menge, im Vergleich zu ähnlichen Stoffen in der Muttermilch, gering.“ Nun sollen diese in ihrer Zusammensetzung genau untersucht werden, damit Hersteller sie der Folgemilch oder der Säuglingsfolgenahrung zusetzen können.
Es bleibt die Frage, ob die Ernährung mit Pre- und Probiotika gesünder ist oder ob eine Zwiebelsuppe und zum Nachtisch eine Banane nicht ausreicht. Viele Wissenschaftler befürworten die neuen Nahrungsmittel. Einige ihrer positiven Wirkungen gelten durch klinische Tests als gesichert. So wurde bei kranken Kindern eine geringere Durchfallanfälligkeit und -dauer durch regelmäßigen Verzehr von probiotischem Joghurt beobachtet. Ob die probiotischen Keime jedoch, wie vermutet wird, tatsächlich den Cholesterinspiegel senken und das Immunsystem stärken, wollen Wissenschaftler noch nicht mit einem eindeutigen Ja beantworten.
CLAUDIA RINCK
Welche Wirkung probiotische Lebensmittel tatsächlich haben, muß die Wissenschaft im einzelnen erst noch beweisen. Einige positive Wirkungen gelten aber durch klinische Tests bereits als gesichert.

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