Vom Jobabbau zur Jobchance: Wie Arbeitsmarktdrehscheiben den Wandel steuern
Andrea Nahles erklärt, warum Arbeitsmarktdrehscheiben im Strukturwandel entscheidend sind, um Fachkräftemangel, Demografie und Digitalisierung zu bewältigen.
Andrea Nahles erläutert auf der Bitkom Bildungskonferenz 2026, wie Arbeitsmarktdrehscheiben Unternehmen und Beschäftigte zusammenbringen und Qualifizierung zur zentralen Stellschraube im Strukturwandel machen.
Foto: picture alliance/dpa | Daniel Karmann
Die großen Verschiebungen am deutschen Arbeitsmarkt werden oft abstrakt diskutiert – Demografie, Digitalisierung, KI. Doch in der Praxis entscheidet sich der Erfolg der Transformation zunehmend an ganz konkreten Mechanismen. Für Andrea Nahles, Vorsitzende des Vorstandes der Bundesagentur für Arbeit, sind das sogenannte Arbeitsmarktdrehscheiben: regionale Knotenpunkte, die Beschäftigte, Unternehmen und Qualifizierung systematisch zusammenbringen. Darüber sprach sie in ihrer Eröffnungskeynote bei der Bitkom Bildungskonferenz 2026.
Inhaltsverzeichnis
- Demografischer Wandel trifft auf akuten Fachkräftemangel
- Digitalisierung verändert Jobs – aber ersetzt sie nicht
- Qualifizierung als zentrale Stellschraube der Transformation
- Stuttgart als Brennpunkt: Wenn Transformation konkret wird
- Arbeitsmarktdrehscheibe – einfach erklärt
- Arbeitsmarktdrehscheiben: Das neue Modell der aktiven Arbeitsmarktsteuerung
- Weiterbildung wird zum Standortfaktor
- KI, Ethik und der Faktor Mensch in der Transformation
- Drehscheiben als Schlüssel zur Zukunft des Arbeitsmarkts
Demografischer Wandel trifft auf akuten Fachkräftemangel
Der strukturelle Druck auf den Arbeitsmarkt ist laut Nahles längst Realität. „Wir haben in diesem Jahr zum ersten Mal die Situation, dass das Erwerbspersonenpotenzial tatsächlich ein Minus aufweist“, betont sie. Rund 40.000 Arbeitskräfte weniger stehen zur Verfügung – eine Entwicklung, die sich mit dem Renteneintritt der Babyboomer weiter verschärfen wird.
Die Konsequenz ist eindeutig: Demografie ist kein Zukunftsthema mehr, sondern ein laufender Umbauprozess. Umso wichtiger sei es, vorhandene Potenziale konsequent zu aktivieren und weiterzuentwickeln.
Digitalisierung verändert Jobs – aber ersetzt sie nicht
Parallel dazu verändert die Digitalisierung die Struktur der Arbeit. Anders als häufig befürchtet, sieht Nahles darin jedoch keinen flächendeckenden Jobverlust. „Nein, das ist aus unserer Sicht nicht der Punkt“, sagt sie mit Blick auf KI-Szenarien.
Stattdessen entstehe ein tiefgreifender Wandel der Tätigkeitsprofile. Zwar komme es zu einem „großen Umschlag“ am Arbeitsmarkt, langfristig seien die Effekte der digitalen Transformation sogar leicht positiv. Entscheidend sei daher nicht die Anzahl der Jobs, sondern ihre inhaltliche Veränderung.
Qualifizierung als zentrale Stellschraube der Transformation
Im Zentrum der gesamten Entwicklung steht für Nahles die Qualifizierung. Ihre klare Aussage: „Investitionen in die Qualifizierung, in die Befähigung – das sind Zukunftsinvestitionen.“
Der doppelte Druck aus Demografie und Digitalisierung macht Weiterbildung zum entscheidenden Faktor für Wettbewerbsfähigkeit. Unternehmen und Staat müssen gemeinsam dafür sorgen, dass Beschäftigte neue Kompetenzen aufbauen und sich auf veränderte Anforderungen einstellen können.
Programme wie das Qualifizierungschancengesetz oder staatlich unterstützte Weiterbildungsmodelle sind dabei zentrale Instrumente.
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Stuttgart als Brennpunkt: Wenn Transformation konkret wird
Besonders sichtbar wird dieser Wandel im Raum Stuttgart – einem Zentrum der Automobilindustrie. Hier treffen Arbeitsplatzabbau in klassischen Industrien und gleichzeitig hoher Fachkräftebedarf in neuen Bereichen direkt aufeinander.
Genau hier setzen die Arbeitsmarktdrehscheiben an, die Nahles als Schlüsselinstrument beschreibt. „Wir bringen Unternehmen, die Beschäftigte abgeben, mit Unternehmen, die Beschäftigte suchen, zusammen“, erklärt sie. Doch die eigentliche Innovation liegt nicht nur in der Vermittlung – sondern in der systematischen Qualifizierung dazwischen. Das Stichwort ist hier – Arbeitsmarktdrehscheiben.
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Arbeitsmarktdrehscheibe – einfach erklärt
Eine Arbeitsmarktdrehscheibe ist ein Modell, das hilft, Beschäftigte schnell von einem Job in einen neuen Job zu vermitteln, ohne dass sie arbeitslos werden. Man spricht auch von einem „Job-to-Job-Wechsel“.
Unterstützt wird dieser Prozess meist von der Arbeitsagentur und regionalen Partnern. Sie helfen dabei, offene Stellen zu finden, Qualifikationen zu prüfen und passende neue Jobs zu vermitteln.
Besonders in Zeiten von Strukturwandel oder Fachkräftemangel ist dieses Modell wichtig, weil es Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt besser verbindet.
Arbeitsmarktdrehscheiben: Das neue Modell der aktiven Arbeitsmarktsteuerung
Deutschlandweit existieren bereits 41 dieser regionalen Drehscheiben. Sie fungieren als koordinierende Plattformen zwischen Unternehmen, Arbeitsagenturen und Weiterbildungsträgern.
Das Prinzip ist, wie bereits erklärt, einfach, aber wirkungsvoll: Statt Arbeitslosigkeit entstehen zu lassen, werden Beschäftigte frühzeitig in neue Beschäftigungsketten überführt. Dabei wird genau analysiert, welche Kompetenzen künftig gebraucht werden und wie bestehende Beschäftigte darauf vorbereitet werden können.
Damit wird Qualifizierung nicht mehr nachgelagert gedacht, sondern als integraler Bestandteil der Arbeitsmarktsteuerung.
Weiterbildung wird zum Standortfaktor
Ein entscheidender Punkt in Nahles’ Argumentation ist die gemeinsame Verantwortung von Unternehmen und Staat. Die Wirtschaft investiert bereits Milliarden in Weiterbildung – gleichzeitig ergänzen öffentliche Programme diese Anstrengungen.
Arbeitsmarktdrehscheiben bündeln diese Kräfte vor Ort und machen Weiterbildung regional steuerbar. Damit wird Qualifizierung zunehmend zu einem Standortfaktor – insbesondere in Transformationsregionen wie dem Automotive-Cluster rund um Stuttgart.
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KI, Ethik und der Faktor Mensch in der Transformation
Auch innerhalb der Bundesagentur für Arbeit selbst wird der Wandel aktiv gestaltet. Ein KI-Ethikrat und neue interne Regelungen sollen sicherstellen, dass technologische Transformation transparent und mitarbeiterorientiert erfolgt.
Denn klar ist für Nahles: Nur wenn „der Faktor Mensch mitgedacht wird“, kann der Umbau erfolgreich sein. Technologie allein reicht nicht – sie muss in Arbeitsprozesse und Qualifikationsstrategien eingebettet werden.
Drehscheiben als Schlüssel zur Zukunft des Arbeitsmarkts
Die Analyse von Nahles macht deutlich: Der deutsche Arbeitsmarkt steht nicht nur vor einem Strukturwandel, sondern vor einer organisatorischen Neuausrichtung. Arbeitsmarktdrehscheiben verbinden Demografie, Digitalisierung und Qualifizierung in einem konkreten Modell.
Sie zeigen, wie Transformation praktisch funktioniert – nicht abstrakt, sondern regional, koordiniert und mit klarer Zielrichtung: Beschäftigung sichern, Kompetenzen entwickeln und Übergänge ermöglichen.
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