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Gefährliche Datenlücke: Wie der „männliche Standard“ die Medizin verzerrt

19. Juni 2026

Eine Frau mit dunklem Haar sitzt auf einer Arztliege und hält sich mit gerunzelter Stirn die Schläfe. Ihr gegenüber steht ein männlicher Arzt mit weißem Kittel und Klemmbrett.
Jahrzehntelang galt der männliche Körper als medizinischer Standard, was bis heute zu erheblichen Diagnose- und Versorgungslücken bei Frauen führt. Foto: DragonImages/Smarterpix
Jahrzehntelang galt der männliche Körper als medizinischer Standard, was bis heute zu erheblichen Diagnose- und Versorgungslücken bei Frauen führt. Leiter von Merck Healthcare Deutschland Florian Schick erklärt, wie der „Gender Pain Gap“ entsteht und wie Real World Evidence die medizinische Datenbasis präziser macht.
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Jahrzehntelang galt der männliche Körper als Standard in der medizinischen Forschung, wodurch Studien, Diagnoseverfahren und Therapien nach ihm gerichtet waren. Frauen wurden dabei häufig aus Untersuchungen ausgeschlossen oder nur unzureichend berücksichtigt. Obwohl sie mehr als die Hälfte der Bevölkerung ausmachen, spiegelt sich das bis heute in Datenlücken wider, die die medizinische Erkenntnis und Versorgung weiterhin beeinflussen.

Diese fehlenden Daten äußern sich in der verspäteten Diagnose von Herzinfarkten ebenso wie bei Erkrankungen wie Endometriose, Lipödem oder den gesundheitlichen Folgen der Menopause. Erst langsam setzt sich in Politik, Wissenschaft und Industrie die Erkenntnis durch, dass eine geschlechtergerechte Medizin keine Nische ist, sondern Voraussetzung für eine bessere Versorgung von Millionen Patientinnen.

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Pharmaunternehmen wie Merck stehen hierbei in der Verantwortung, die Wissenschaft mit validen Daten zu rüsten. Ein zentraler Hebel ist dabei, sogenannte Real World Evidence zu generieren. Darunter sind alle Daten zusammengefasst, die aus dem Behandlungsalltag stammen. Sie werden genutzt, um gezielt Erkenntnisse über Patientinnengruppen zu gewinnen, die in klassischen klinischen Studien oft unterrepräsentiert sind, wie etwa schwangere oder stillende Frauen.

Inhaltsverzeichnis

Das Kernproblem: Medizinische Datenlücken

Jedes Jahr sterben knapp 19.000 Frauen in Deutschland an einem Herzinfarkt. Das liegt unter anderem daran, dass viele Frauen ihre Symptome nicht ernst nehmen oder durch fehlende Aufklärung seitens behandelnder Ärzte nicht als solche erkennen. Gerade bei älteren Frauen sind die Symptome weniger charakteristisch: Typische Brustschmerzen, wie Männer sie häufig erleben, bleiben oftmals aus. Stattdessen spüren Frauen:

  • Atemnot
  • Schweißausbrüche
  • Rückenschmerzen
  • Ziehen in den Armen
  • Übelkeit/Erbrechen

Viele dieser Beschwerden lösen das Gefühl einer harmlosen Magenverstimmung aus – und führen dazu, dass Patientinnen nicht ernst genommen werden. Im schlimmsten Fall wird ein Herzinfarkt zu spät erkannt oder falsch eingeordnet, mit lebensbedrohlichen Folgen für die Patientin.

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„Wenn man die Patientin als Mann diagnostiziert unter den Parametern, die letztlich genutzt wurden, um Männer zu diagnostizieren, kann das natürlich dazu führen, dass einfach keine angemessene Behandlung erfolgen kann“, erläutert Florian Schick, Leiter Merck Healthcare in Deutschland, bei der Veranstaltung „Frauen powern die Medizin“ im Merck Innovation Center am 12. Juni 2026 in Darmstadt.

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Warum die Versorgungslücke entstanden ist

Medizin und Gesellschaft bewerten Schmerzen von Frauen und Männern anhand unterschiedlicher Kriterien. In der Fachwelt spricht man hierbei zunehmend vom „Gender Pain Gap“: Frauen warten in Notaufnahmen nachweislich länger auf Schmerzmittel als Männer, und ihre physischen Leiden werden statistisch häufiger als „psychosomatisch“ fehldiagnostiziert. Biologie, Hormone und tradierte Rollenbilder prägen diese gefährliche Perspektive, die gravierende Folgen für die medizinische Versorgung hat.

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Über Jahrzehnte wurden Frauen systematisch aus klinischen Studien ausgeschlossen und der männliche Körper galt jahrelang als medizinischer Standard. Forschung und diagnostische Verfahren orientierten sich überwiegend an männlichen Patienten – angefangen bereits bei männlichen Mausmodellen für die Grundlagenforschung. Erst in den frühen 1990er-Jahren wurde es Frauen erlaubt, Teil von präklinischer Forschung zu werden und auch da nur als Beispiel für Fruchtbarkeits- und Reproduktionsstudien.

Eine Studie aus dem Jahr 2025, die im britischen Fachjournal The Lancet veröffentlicht wurde, zeigt, dass dieses Problem nicht nur in Deutschland vorhanden ist und die internationale medizinische Forschung bis heute stark prägt.

Je mehr Perspektiven, desto vielseitiger die Medizin

Für Schick beginnt das Problem bereits bei der medizinischen Forschung. Werden Krankheiten, Therapien oder Medikamente überwiegend auf Basis männlicher Daten untersucht, entstehen Wissenslücken, die sich später in der Versorgung bemerkbar machen.

Welche Folgen fehlende Daten haben können, zeigt sich insbesondere bei Diagnosen. Schick verweist auf die sogenannte „Bikinimedizin“ – die Vorstellung, Frauen unterschieden sich medizinisch im Wesentlichen nur in den Organen, die unter einem Bikini liegen.

„Je mehr Perspektiven wir einschließen, desto weiter können wir die Forschung voranbringen“, sagt er. Entscheidend sei, schon früh die richtigen Fragen zu stellen und unterschiedliche Patientengruppen systematisch in Forschung und Studien einzubeziehen.

Real World Evidence als wesentliche Maßnahme

Florian Schick betont die Wichtigkeit für die Grundlagenforschung, Real World Evidence zu sammeln. Es sei unabdinglich, auch Patientengruppen in die klinischen Studien einzuschließen, die bislang nicht beachtet worden sind: beispielsweise schwangere und stillende Frauen. Solche Daten können beispielsweise über Fitness-Tracker, Smartwatches, digitale Patientenakten oder Gesundheitsapps getrackt werden.

„Es gibt eine Vielzahl an Patientengruppen, die in der Grundlagenforschung unbeachtet bleiben. Eine Frau, die an Multipler Sklerose erkrankt ist und gleichzeitig einen Kinderwunsch hat, muss ebenso behandelt werden wie eine gesunde Frau – da fehlen in der Medizin einfach noch die Daten“, erklärt der Leiter der Merck Healthcare Deutschland.

Auch die Wirkung von Medikamenten während der Schwangerschaft und Stillzeit sei in vielen Bereichen noch nicht ausreichend erforscht. Die Herausforderung bestehe darin, Frauengesundheit nicht als isoliertes Spezialthema zu behandeln, sondern als Querschnittsaufgabe über zahlreiche medizinische Fachgebiete hinweg.

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Mehr Frauen in Medizin und Forschung

Für eine nachhaltige Veränderung reicht aus Sicht Schicks die Anpassung von Studien und Leitlinien allein nicht aus. Auch die Strukturen im Gesundheitssystem müssten sich verändern.

Dazu gehöre, mehr Frauen in medizinischen Führungspositionen zu bringen und Karrierewege besser mit familiären Verpflichtungen vereinbar zu machen. Flexible Arbeitsmodelle und eine gezielte Förderung weiblicher Talente könnten dazu beitragen, dass mehr unterschiedliche Perspektiven in Forschung und Versorgung einfließen.

„Frauengesundheit und Chancengleichheit gehen Hand in Hand“, sagt Schick. Wo mehr Diversität vorhanden sei, steige auch die Wahrscheinlichkeit, dass unterschiedliche Bedürfnisse und Erfahrungen berücksichtigt würden.

Gleichzeitig sieht er die Politik in der Verantwortung. Sie setze die Rahmenbedingungen dafür, welche Innovationen entwickelt und in die Versorgung gebracht werden könnten. Gerade bei speziellen Patientengruppen seien gezielte Förderungen und passende Regelungen notwendig.



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