Klimafreundlicher Spezialtiefbau: Der unterschätzte CO2-Hebel
Eine Münchener Baufirma will die Zukunft des Bauens mit innovativen Methoden und ressourcenschonenden Konzepten aktiv mitgestalten. Ein Ansatz ist ihr Greenpile-Konzept. Dabei setzt das Unternehmen überwiegend auf vollverdrängende Pfahlsysteme für die Gründung von Bauwerken. Dies kann Aushubmengen, Materialeinsatz und die damit verbundenen CO₂-Emissionen im Vergleich zu konventionellen Gründungsverfahren deutlich senken.
110 vollverdrängende Megapfähle des Tpys Frankipfahl NG hat Porr 2025 für die Tiefgründung des neuen Elektrolichtbogenofens der Salzgitter AG verwendet. Die Pfähle haben einen Durchmesser von 0,71 m. Sie ersetzten 84 ursprünglich vorgesehene Großbohrpfähle mit einem Durchmesser von 1,20 m.
Foto: Verena Meier Fotografie/Porr
Was beim Bau später sichtbar wird, entscheidet sich oft tief unter der Oberfläche. Doch bereits bei der Gründung eines jeden Bauwerks werden wichtige Weichen für Materialeinsatz, Bauablauf, Transporte und CO2-Bilanz gestellt. Wer ressourceneffizient und klimafreundlich bauen will, sollte also den Baugrund sehr früh in Planung und Variantenvergleich einbeziehen. Denn es gibt ihn, den ressourceneffizienten und klimafreundlichen Spezialtiefbau: Passende Verfahren des Spezialtiefbaus können oft dazu beitragen, mit deutlich weniger Material, Energie und Logistik auszukommen.
Im Interview erläutert Christian Rinke, operativer Geschäftsführer des Münchener Bauunternehmen Porr sowie Geschäftsführer der Münchener Tochter Porr Spezialtiefbau GmbH, warum ressourcenschonendes und klimaschonendes Bauen bereits bei der Wahl des Gründungssystems beginnt.
Der Spezialtiefbau rückt beim ressourceneffizienten Bauen stärker in den Fokus. Warum?
Christian Rinke: Weil CO2– und Ressourceneffizienz im Bau nicht erst an der Fassade oder am Dach beginnen, sondern häufig schon im Baugrund. Bereits der Spezialtiefbau beeinflusst Materialeinsatz, Bauablauf, Aushub, Transporte und Entsorgung. Wer diese Faktoren reduzieren will, muss Gründung und Baugrund früh in Planung und Variantenvergleich einbeziehen.
Was heißt das praktisch?
Rinke: Die massivste Lösung ist nicht automatisch die beste. Jede Gründung muss zur Bauaufgabe und zum Baugrund passen. Wird der Spezialtiefbau erst spät eingebunden, sind wesentliche Parameter häufig bereits festgelegt. Deshalb plädiere ich dafür, den Spezialtiefbau früh einzubeziehen und alternative Verfahren systematisch zu prüfen. So lassen sich Entscheidungen bewusster treffen – technisch, wirtschaftlich und mit Blick auf die CO₂-Bilanz.
Alternative Pfähle: verdrängen statt ausheben
Alternativen zu prüfen klingt selbstverständlich. Welche Lösungen haben Sie konkret im Blick?
Rinke: Etwa vollverdrängende Pfahlsysteme. Anders als bei klassischen Bohrpfählen wird der Boden dabei nicht ausgehoben, sondern seitlich verdrängt. Das reduziert den Materialeinsatz und vermeidet je nach Baugrund größere Mengen an Bohrgut, Transporten und Entsorgung.
Doch was sind eigentlich „vollverdrängende“ Pfahlsysteme?
Rinke: Das sind Tiefgründungselemente, die durch Verdrängung des Baugrunds hergestellt werden. Wir bei Porr setzen verschiedene vollverdrängende Pfahlsysteme wie den Atlaspfahl oder den Frankipfahl NG ein.
Weniger Beton dank klimafreundlicher Pfähle
Welche Vorteile haben diese Pfähle?
Rinke: Ihr Vorteil liegt vor allem in der Kombination aus Tragfähigkeit, Ressourceneffizienz und einem schlankeren Bauablauf. Wenn das Verfahren zum Baugrund passt , lassen sich Gründungslösungen oft mit weniger Beton, weniger Baustellenlogistik und geringeren Eingriffen in die Umgebung realisieren. Bei Porr bündeln wir solche Ansätze unter dem Systemansatz „Greenpile“. Entscheidend ist dabei aber immer der konkrete Mehrwert für das jeweilige Projekt – nicht das Schlagwort.
Welchen Nutzen haben die Auftraggeber?
Rinke: Auftraggeber profitieren vor allem von planbareren und effizienteren Abläufen. Weniger Materialbewegungen, weniger Entsorgung und eine reduzierte Baustellenlogistik können Kosten, Termine und Schnittstellen entlasten. Gerade in innerstädtischen Baufeldern oder bei sensiblen Nachbarschaften kann das ein spürbarer Vorteil sein: Die Baustelle wird weniger komplex, der Ablauf robuster und der Projekterfolg besser steuerbar.
Klimafreundlich bauen mit weniger Lärm und weniger Transporten
Können Sie Beispiele geben?
Rinke: Ja, gerne. In der Wasserstadt Limmer in Hannover konnten 2025 durch das eingesetzte Pfahlsystem Material eingespart und der Bauablauf schlanker organisiert werden. Gleichzeitig wurde die Nachbarschaft durch weniger Lärm, Erschütterungen und Transporte belastet. Ein weiteres Beispiel ist das WDR-Filmhaus in Köln. Dort galt es, die Gründung unter beengten innerstädtischen Bedingungen und in unmittelbarer Nähe bestehender Gebäudestrukturen zu ertüchtigen. Durch die gewählte Spezialtiefbaulösung konnte vorhandene Bausubstanz erhalten und weiter genutzt werden. Der wesentliche Beitrag zur Ressourceneffizienz lag damit nicht allein im Baugrund, sondern im Erhalt des Bestands: Rückbau, zusätzliche Baustoffe, Abbruchabfall und Transporte konnten reduziert werden.

Wo liegen die Grenzen dieses Ansatzes?
Rinke: Nicht jedes Verfahren passt zu jedem Baugrund. Vollverdrängende Pfahlsysteme spielen ihre Vorteile vor allem dort aus, wo Bodenverhältnisse, Lasten, Platzverhältnisse und Ausführungsrandbedingungen zusammenpassen. Grenzen entstehen zum Beispiel bei sehr dicht gelagerten Böden, Hindernissen im Untergrund, besonderen Erschütterungsanforderungen. Vollverdrängende Pfahlsysteme sind kein Standardrezept, sondern eine wirksame Option für geeignete Randbedingungen. Deshalb prüfen wir projektbezogen, welche Gründung technisch sinnvoll ist und welche Auswirkungen sie auf Materialeinsatz, Logistik, Aushub und CO₂-Bilanz hat.
Fast zwei Drittel geringere CO2-Emissionen
Jetzt etwas grundsätzlicher zum Klimaschutz im Spezialtiefbau: Wie belastbar sind dort CO₂-Vergleiche?
Rinke: Sie sind dann belastbar, wenn die Annahmen transparent sind und die konkrete Bauaufgabe betrachtet wird.
Können Sie ein konkretes Beispiel geben?
Rinke: Ja. Bei der Gründung einer Siloanlage in Wilhelmshaven wurden Bohrpfähle und vollverdrängende Pfahlsysteme – genauer Frankipfähle NG, die dort zum Einsatz kommen, wo tragfähiger Baugrund erst in großen Tiefen erreicht wird – als Greenpile-Lösung miteinander verglichen. In diesem Projekt sank der CO2-Fußabdruck der Gründung durch die Greenpile-Lösung um knapp zwei Drittel und die benötigte Betonmenge von 8 800 auf 2 400 m3. Durch das vollverdrängende Verfahren fiel zudem kein klassisches Bohrgut an. Dies wiederum sparte rund 350 Lkw-Fahrten. Solche Werte sind projektbezogen und nicht pauschal auf andere Bauvorhaben übertragbar. Sie zeigen aber, welches Potenzial in einer frühen Variantenentscheidung liegen kann.
Deutlich weniger Transporte
Welche Rolle spielt dabei eigentlich die Baustellenlogistik für die CO₂-Bilanz?
Rinke: Sie wird häufig unterschätzt. Transport und Entsorgung galten lange als Nebenaspekte. Heute müssen sie stärker einbezogen werden. Wenn weniger Transporte erforderlich sind, regionale Lieferketten genutzt und Abläufe effizient organisiert werden, können Emissionen, Kosten und Belastungen im Umfeld sinken. Weniger Lkw-Verkehr und geringere Lärmbelastungen können zudem die Akzeptanz von Bauprojekten vor Ort unterstützen.

Ist ressourcenschonender Spezialtiefbau mit Greenpile teurer?
Rinke: Unsere Erfahrung zeigt: Passen Verfahren, Baugrund, Bauaufgabe und Tragwerkskonzept zusammen, schaffen Greenpile-Lösungen in der Regel wirtschaftliche Vorteile. Denn geringerer Materialeinsatz, weniger Transporte, reduzierte Entsorgungsmengen und schlankere Bauabläufe wirken sich auf die Gesamtkosten der Gründung aus. Bauherren sollten deshalb nicht allein auf den Herstellungspreis eines Pfahlsystems schauen, sondern auf die Gesamtwirkung im Projekt.
Was muss sich ändern, damit solche Lösungen breiter zum Standard werden?
Rinke: Es braucht ergebnisoffene Beratung in einer frühen Projektphase. Wenn Spezialtiefbauer frühzeitig in den Dialog mit Planern und Bauherren eingebunden werden, lassen sich unterschiedliche Gründungsvarianten fachlich bewerten und ihre Potenziale bei Materialeinsatz, Bauablauf und Ressourceneffizienz besser berücksichtigen. Vergaben sollten deshalb stärker ganzheitlich beurteilt werden. Der niedrigste Preis allein sagt wenig darüber aus, wie robust, ressourcenschonend und wirtschaftlich sinnvoll ein Verfahren im Projektzusammenhang tatsächlich ist.
Spezialtiefbau kann klimafreundlich
Der Spezialtiefbau ist also ein unterschätzter Hebel für CO2– und Ressourceneffizienz?
Rinke: Ja. Der Spezialtiefbau beeinflusst früh Materialmengen, Bauabläufe und Ressourceneinsatz. Was später kaum sichtbar ist, kann die CO2-Bilanz eines Bauwerks wesentlich mitprägen.
Wo steht der Spezialtiefbau beim Thema Nachhaltigkeit in zehn Jahren?
Rinke: Ich glaube, in zehn Jahren wird Nachhaltigkeit im Spezialtiefbau selbstverständlicher Teil der technischen Bewertung sein. Gründungslösungen werden dann nicht nur nach Tragfähigkeit, Kosten und Terminen beurteilt, sondern auch nach Materialeinsatz, CO2-Bilanz, Logistik und Lebenszyklus. Und wir wollen mit innovativen Methoden und ressourcenschonenden Konzepten die Zukunft des Bauens aktiv mit gestalten.
Sehr geehrter Herr Rinke, wir danken Ihnen für das Gespräch.





