Diese 35 Start-ups wollen die Chemie erneuern
Viele Start-ups wollen die Chemie erneuern. Auf dem Forum "Chemistry Ecosystem Night" von chemstars können sie seit 2022 einmal im Jahr ihre Ideen präsentieren. Dort vernetzen sie sich mit Investoren und Unternehmen, um ihre Ideen umsetzen zu können. 35 Start-ups nutzten dieses Jahr diese Chance.
Martin Bellof (links) und Stefan Weber, die beiden Leiter von chemstars, führen in die diesjährige "Chemistry Ecosystem Night" ein.
Foto: Manor Lux (manorlux.de/de/)
Auf der fünften „Chemistry Ecosystem Night 2026“ am Donnerstag, 10. September 2026, in Düsseldorf stellten 35 Start-ups ihre Ideen vor. Diese Chemienächte, organisiert von „chemstars“, einer Organisation, die sich die Transformation der Chemie auf die Fahne geschrieben hat, haben ein Ziel: Start-ups in der Chemie zu unterstützen. „Denn ein Unternehmen in der Chemieindustrie zu gründen ist nicht einfach“, weiß Martin Bellof, einer der beiden Chemstars-Leiter. Es braucht branchenspezifisches Know-how und ein Netzwerk, das sich allein nur schwer aufbauen lässt, betont Bellof
Chemstars‘ Vision: Deutschland zu dem Ort zu machen, an dem chemische Innovationen am schnellsten und verlässlichsten aus dem Labor in die industrielle Anwendung kommen. „Wenn wir das schaffen, folgen Talente, Kapital und Produktionskapazitäten“, glaubt Bellof.
Seit 2022 versammelt chemstars einmal jährlich handverlesene Gäste: Gründer und Gründerinnen, Investorinnen und Investoren sowie Vertreterinnen und Vertreter etablierter Unternehmen in Düsseldorf. Dies findet traditionell auf einem Hausboot auf dem Rhein statt. Doch „wie die chemische Industrie waren auch wir dieses Jahr vom Niedrigpegel des Rheins betroffen und mussten kurzfristig an einen anderen Ort umziehen“, erzählt Bellof. Die Chemienacht fand daher in einem Gebäude statt – mit Blick über die Stadt.
Start-up-Hilfe als Erfolgsgeschichte
Diese Chemienächte hält Mona Neubaur, NRW-Ministerin für Wirtschaft, Industrie, Klimaschutz und Energie, für eine Erfolgsgeschichte. „Seit Beginn hat chemstars bereits mehr als 75 Start-ups unterstützt.“ Gemeinsam mit den Start-ups hätten sie mehr als 366 Mio. € an Finanzierung eingeworben und die Start-ups würden heute mehr als 600 Menschen beschäftigen. „Das sind 600 Arbeitsplätze, die es vor fünf Jahren noch nicht gab, aufgebaut auf Ideen, die in vielen Fällen an einer Laborbank begonnen haben“, so Neubaur. Und Bellof ergänzt: „Drei Viertel unserer Start-ups haben heute ein Pilot- oder gemeinsames Entwicklungsprojekt mit industriellen Partnern.“

Für Neubaur ist Chemstars‘ Ansatz clever: Gründerinnen und Gründer mit etablierten Unternehmen, mit Investorinnen und Investoren zu verbinden und ihnen auf diese Weise Zugang zu Laborinfrastruktur, Finanzierung und Pilotprojekten zu erleichtern. Die Ministerin beschreibt es kurz und knapp: „Eine Wissenschaftlerin, die ein Risiko eingegangen ist. Ein Industriepartner, der eine Tür geöffnet hat, die sonst verschlossen geblieben wäre.“
Und Neubaur freut es, dass chemstars‘ Erfolg auch über Nordrhein-Westfalen hinaus bemerkt worden ist. In Berlin wird chemstars inzwischen sowohl in der Chemieagenda 2045 der Bundesregierung als auch in deren Start-up- und Scale-up-Strategie erwähnt.
Chemienächte vernetzen Start-ups
Dieses Jahr konnten sich 35 Start-ups kurz vorstellen. Die meisten kamen aus Deutschland, einige aus dem Ausland: aus Dänemark, Großbritannien, Israel und den Niederlanden. Alle haben am Ende ihrer kurzen Rede auch ihren Wunsch für diese Chemienacht geäußert. Und alle nutzten vor und nach ihrer Präsentation die Möglichkeit, sich zu vernetzen.
Aus diesen 35 Start-ups sind zufällig folgende Zehn ausgewählt worden und in alphabetischer Reihenfolge aufgeführt.

Chemische Prozesse mit KI schnell & verständlich bewerten
Das Start-up aChEntic mit Sitz in Aachen macht komplexe Messinstrumente für Prozessanalytik einfach zugänglich: Mit einem Assistenzsystem, das auf KI-Agenten basiert, können Nutzende analytische Fragestellungen in natürlicher Sprache per Chat beantworten. Die KI-Agenten greifen dabei auf Messinstrumente, Daten und validierte Fachsoftware zurück, führen Workflows selbstständig aus und protokollieren jeden Schritt transparent und auditierbar. Auf diese Weise werden Messinstrumente und Fachsoftware schneller, günstiger und ohne Spezialwissen nutzbar. Und nach Angaben des Start-ups können Zeitersparnisse von bis zu 90 % erreicht werden.
Wunsch: Das Start-up sucht mehr Kontakte in die Industrie zur Anwendung der Software in Pilotprojekten.
Chemikalien aus Altreifen wieder verwenden
Das Start-up Akin aus Delft in den Niederlanden will Gummi aus Autoreifen recyceln. Bislang wird die Hälfte des vulkanisierten Gummis aus Altreifen beispielsweise in Zementwerken verbrannt, während die andere Hälfte als Mischung in Produkten wie Sportmatten oder Asphalt wiederverwendet wird. Allerdings kann nicht jeder eine recycelte Gummimischung verwenden, die zwar aus Gummi, aber auch aus Ruß und sogenannten Isoprenoiden besteht. Akin arbeitet daran, diese Bestandteile sauber voneinander zu trennen, damit Altgummi eine höhere Wertschöpfung erhält und in großen Mengen in komplexen Produkten wie Reifen oder Förderbändern wiederverwendet werden kann. Das Unternehmen arbeitet bereits mit Referenzmaterialien und derzeit laufen Experimente mit Reifengummi.
Wunsch: Das Start-up sucht Partner, um mit ihnen zu untersuchen, wie aus Gummiabfällen isolierte Isoprenoide wiederverwendet werden können, beispielsweise in Klebstoffen, Beschichtungen oder Duftstoffen.
Sauberes Wasser ohne Biozide
BlueActivity aus Heidelberg bietet an, umweltschädliche Biozide in offenen industriellen Verdunstungskühlanlagen vollständig durch spezielle Mikroorganismen zu ersetzen. Heute setzen Unternehmen in der Regel Biozide ein, um die gesetzlich geforderte Hygienesicherheit gegenüber Legionellen sicherzustellen. Die Heidelberger Alternative sind spezielle nicht-gentechnisch veränderte Mikroorganismen, die organische Ablagerungen auf benetzten Oberflächen biologisch reinigen, statt sie chemisch abzutöten. Im Ergebnis sinken Betriebskosten durch niedrigeren Wasserverbrauch, verbesserte Wärmeübertragung und Abwasserparameter. Das Start-up ist auch davon überzeugt, dass das Verfahren zunehmend strengere EU-Vorgaben etwa aus der Wasserrahmenrichtlinie, der Biozidverordnung oder aus der Chemikalienstrategie für Nachhaltigkeit auch künftig sicher erfüllt.
Wunsch: Das Start-up sucht weitere Pilotpartner, um seinen Ansatz zu testen.
Synthesegas aus Abfällen und CO2
Das Start-up Cyclize aus Stuttgart verarbeitet stoffliche Abfälle gemeinsam mit CO2. Es überführt dazu kohlenwasserstoffreiche Abfälle, Biomaterialien oder auch Sonderabfall in die Gasphase und leitet CO2 hinzu. Dieses Gasgemisch wird dann in einen Plasma-Reaktor geleitet. Dort werden die Kohlenwasserstoffe zerlegt und anschließend zu CO und H2, also zu Synthesegas, neu zusammengesetzt. Besonders dabei ist, dass Cyclize in dem Verfahren den CO- und H2-Anteil im Synthesegas passgenau einstellen kann. Das ist wichtig, da unterschiedliche Wege, Synthesegas zu nutzen, unterschiedliche Anteile von CO und H2 benötigen. Der Prozess wird mit Öko-Strom betrieben; sein Produkt nennt das Start-up „zirkuläres Synthesegas“.
Wunsch: Cyclize sucht Kontakte zu Unternehmen, die komplexe Abfallströme verwerten möchten oder an der zirkulären Herstellung von Synthesegas und darauf aufbauenden Produkten wie Methanol interessiert sind.
Bakterien wandeln Abgase in Basischemikalien um
Die junge Firma Dahlia Biotech aus Garching bei München will industrielle Abgase etwa aus der Stahl-, Petroleum- oder Chemieindustrie, die neben CO2 auch Kohlenmonoxid (CO) und Wasserstoff (H2) enthalten, verwerten. Das Start-up setzt dabei auf einen Fermentationsprozess. Dabei verwandeln anaerobe Bakterien die drei Gase in Plattformchemikalien wie Essigsäure und in Acetate um. Und dies funktioniert nicht nur im Labor: Verwendet das Start-up spezielle Bakterienstämme, lassen sich die Grundchemikalien auch aus verunreinigten Abgasen gewinnen. Ein neues Aufreinigungsverfahren von Dahlia Biotech hilft zudem, die gewonnenen chemischen Produkte energieeffizient aufzureinigen.
Wunsch: Das Start-up sucht sowohl Partner, die ihre Abgase auf diese Weise nutzen wollen, als auch Anwender ihrer nachhaltig hergestellten Plattformchemikalien.
Kernkomponenten für Elektrolyseure ohne Ewigkeitschemikalien
Das Start-up Ionysis aus Freiburg im Breisgau kümmert sich um das Herzstück von Elektrolyseuren und Brennstoffzellen: die Membran-Elektroden-Einheit (MEA). Der Fokus liegt dabei darauf, ohne umweltschädliche Substanzen wie per- und polyfluorierte Alkylverbindungen (PFAS) auszukommen und dabei bei Leistung oder Wirtschaftlichkeit zu erhalten. MEA-Prototypen zeigen, es funktioniert. Jetzt ist das Freiburger Start-up dabei, den Schritt zum Produktverkauf und der Qualifizierung als Komponentenlieferant zu gehen.
Wunsch: Das Start-up sucht den Erfahrungsaustausch für den Schritt zum Verkauf.
Abfälle bei unter 100 Grad Celsius chemisch recyclen
Plastic Back ist ein israelisches Start-up, desse Recyclingverfahren auf einer an der Hebräischen Universität Jerusalem entwickelten Technologie basiert. Das Unternehmen mit Sitz im Science Park „Rehovot-Ness Ziona“ nah bei Tel Aviv kann Kunststoffabfälle, die sich derzeit nicht effektiv recyceln lassen, chemisch recyceln. Das betrifft etwa Abfälle aus dem Gelben Sack und der Gelben Tonne, PVC, gemischte Kunststoffe, Mehrschichtmaterialien und verunreinigte Kunststoffe. Das Verfahren arbeitet bei unter 100 °C und wandelt diese Abfälle in Kohlenwasserstofföle und weitere chemische Rohstoffe um. Plastic Back skaliert sein Verfahren derzeit und plant, in Dortmund eine deutsche Gesellschaft für Aktivitäten in Europa und global zu gründen. Die Produktionslinie soll in NRW errichtet werden.
Wunsch: Plastic Back lädt Unternehmen und Investoren ein, sich der bestehenden Investorengruppe für den Aufbau der deutschen Gesellschaft und der Produktionsanlage in NRW anzuschließen.
Nachhaltige Polyole etwa viele Anwendungen
Power2Polymers entwickelt an der RWTH Aachen nachhaltige leistungsstarke Polyole für Anwendungen in Schmierstoffen, Industrieklebstoffen und Beschichtungsmaterialien. Diese Polyole enthalten „POM“. Dies sind besondere Struktureinheiten, Polyoxymethylen genannt. Ihre Vorteile sind, dass sie sich aus erneuerbaren Rohstoffen wie Methanol, Biomasse oder CO2 und Wasserstoff (H2) herstellen lassen und konventionell hergestellte Polyetherpolyole ersetzen können. Zudem können die Materialeigenschaften dieser Polyole industrielle Anwendungen verbessern.
Wunsch: Mit Blick auf die nächste Wachstumsphase sucht das Unternehmen zusätzliche Mitarbeitende und geeignete Infrastruktur.
Stabilisatoren für Rezyklate
Das Start-up pure additives am Fraunhofer-Institut für Betriebsfestigkeit und Systemzuverlässigkeit LBF in Darmstadt hilft, schwierige Recyclingkunststoffe verlässlicher einzusetzen. Es hat Stabilisatoren entwickelt, die die drei Hauptgründe für einen Kunststoffabbau angehen. Sie verbessern nicht nur die Qualität der Rezyklate, sondern sorgen auch für ein stabileres Verarbeiten dieser Rezyklate und damit auch für weniger Maschinenstandzeiten. Zudem hat das Start-up eine biobasierte Stabilisator-Alternative entwickelt, die für kontaktsensitive Kunststoffe wie Trinkwasserrohre vorgesehen sind. Ein Vorteil dieser Stabilisatoren ist, dass damit der Einsatz synthetischer Antioxidantien wie Di-tert-butyl-hydroxy-toluol (BHT) und dessen Derivaten sowie dessen zum Teil gesundheitsbedenklichen Abbauprodukten entfällt.
Wunsch: Das Start-up möchte mit Kunststoffherstellern ins Gespräch kommen und erste Kontakte zu potenziellen Investoren knüpfen.





