EU verschärft PFAS-Regeln: Diese Folgen drohen für Verbraucher und Industrie
Birgt unser Trinkwasser Gesundheitsgefahren? Das bestätigen neuerdings Bundesregierung, Umweltverbände, wissenschaftliche Institute und selbst Wasserverbände. Nur: Welche Gefahr geht wirklich von PFAS aus?
Giftige PFAS in Düngemitteln sickern ins Grundwasser und von dort ins Trinkwasser. Ab welchen Werten die Konzentrationen gesundheitsgefährdend sind, untersuchen derzeit verschiedene Forschungsarbeiten.
Foto: Smarterpix / zimmytws
Die Medizin warnt, dass PFAS (per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen) zahlreiche Krankheiten bis hin zu Krebs auslösen können. Seit Januar 2026 gelten deshalb erste Verwendungsverbote in der EU sowie neue Grenzwerte in der Trinkwasserverordnung: Die Summe PFAS-20 (seit dem 12.01.2026) von 20 festgelegten, relevanten PFAS-Verbindungen darf gemäß Trinkwasserverordnung 0,1 Mikrogramm pro Liter (100 Nanogramm pro Liter) nicht überschreiten.
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Für die vier besonders kritischen Verbindungen (PFOA, PFNA, PFHxS und PFOS) gilt ab 2028 ein noch strengeres Maximum von 20 Nanogramm. Die Werte sind so ausgelegt, dass das Trinkwasser lebenslang konsumiert werden kann, „ohne dass eine Schädigung der Gesundheit zu besorgen ist“, so zumindest die amtliche Aussage.
EU verbietet PFHxA
Die EU geht bereits einen Schritt weiter. Ab Oktober 2026 gelten Verbote für PFHxA, ein ausgesprochen gefährliches Abbauprodukt kurzkettiger Fluorchemikalien, sowie verwandter Stoffe wegen des Abriebs in Textilien, Pizzakartons und Kosmetika. Eine hohe Belastung wird mit gesundheitlichen Problemen wie erhöhten Cholesterinwerten, Leberschäden, geschwächtem Immunsystem, Schilddrüsenerkrankungen und einem gesteigerten Krebsrisiko (Hoden- oder Nierenkrebs) in Verbindung gebracht.
Die Substanzen gelangen hauptsächlich über Düngemittel und durch industrielle Abwässer, aus imprägnierten Textilien, Lebensmittelverpackungen, Kosmetika oder Reinigungsmitteln über den Abfluss ins Abwasser. Viele Kläranlagen können diese Verbindungen nicht vollständig herausfiltern, wodurch sie in Oberflächengewässer einziehen und schließlich ins Trinkwasser.
Spitzenpolitiker haben PFAS im Blut
Die intensivierte Diskussion um PFAS findet erst jetzt so breitenwirksam statt, da die langfristigen Schäden durch die sogenannten „Ewigkeitschemikalien“ erst in jüngster Zeit durch verbesserte empfindlichere Messmethoden sowie Langzeitstudien in ihrer vollen Tragweite erkannt wurden. Das neue Wissen erzwingt die aktuelle öffentliche Diskussion, indes noch zahlreiche Unklarheiten über den Komplex mit seinen 10.000 Verbindungen existieren – insbesondere über jene, von denen die größte Gesundheitsgefahr ausgeht.
Mit Blick auf die Konzentration hieß es Anfang des Jahres in der Antwort der Regierung auf die Frage von Abgeordneten: „Aus den deutschen Studien zur Gesundheit (GerES) geht hervor, dass große Teile der Bevölkerung mehrfach mit PFAS, PCBs, Metallen und Pestiziden belastet sind. Dies ist besorgniserregend, da es langfristige Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit haben kann.“
Selbst der deutsche Umweltminister Carsten Schneider musste eingestehen: „Ich habe PFAS im Blut.“ Unter dem Vorsitz der EU-Ratspräsidentschaft hatte Dänemark die europäischen Umweltminister und Klimaministerinnen jüngst dazu eingeladen, sich auf die Gifte untersuchen zu lassen. Im Blut von allen getesteten 24 EU-Spitzenpolitikern aus 19 Ländern ließ sich die schädliche PFAS-Substanz nachweisen; bei der Hälfte der Probanden sogar oberhalb des europäischen Grenzwerts. Die ungewöhnliche Maßnahme zeigt, welchen Stellenwert die PFAS-Belastung mittlerweile in den Programmen der EU-Mitgliedsländer einnimmt.
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Umweltministerium: Es besteht dringender Handlungsbedarf
Schon seit einiger Zeit stehen PFAS in Kältemitteln für Klima- und Wärmepumpen in den Schlagzeilen (Austritt bei Leckagen). Die Materie hat jetzt stringent das Trinkwasser erfasst. Der breite Einsatz in häuslichen Alltagsprodukten in Kombination mit der hohen Lebensdauer ist ein weiteres Thema. Teflonbeschichtete Bratpfannen zum Beispiel setzen sie bei Temperaturen über 360 °C als Gase frei.
Mittlerweile ist die Chemikaliengruppe zu einem der drängendsten Umwelt- und Gesundheitsprobleme unserer Zeit geworden. Es bestehe deshalb dringender Handlungsbedarf, um die weiteren PFAS-Emissionen in die Umwelt deutlich zu reduzieren, teilt das deutsche Umweltministerium als Vertreter der Regierung in einer Stellungnahme mit.
Eine detaillierte Positionierung zur Ausgestaltung einer Beschränkung werde jedoch erst erfolgen, sobald die derzeit laufende fachliche Bewertung durch die wissenschaftlichen Ausschüsse der Europäischen Chemikalienagentur (ECHA) abgeschlossen ist.
Berlin spricht sich gegen ein absolutes Verbot aus, da dies weitreichende Konsequenzen für die Industrie hätte. Nicht allen PFAS sollen Verwendungsrisiken anhängen. Doch hat Deutschland zusammen mit vier anderen Ländern (Niederlande, Schweden, Norwegen, Dänemark) bei der ECHA einen Vorschlag zur angestrebten Beschränkung, anstelle eines Totalverbots, der gesamten Stoffgruppe eingereicht. Die Vorlage sieht Ausnahmen vor, etwa in der Medizinbranche oder dort, wo keine Alternativen existieren.
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PFAS-Verbot: Unternehmen drohen mit Abwanderung
Lobbyarbeit und Unkenntnis lautet der Vorwurf der Umweltorganisationen zur bedrohlichen Situation. Chemie- und Industriekonzerne hätten mögliche Gefahren verharmlost und Verbote durch Lobbyarbeit verzögert. Die Kritik stößt auf Ablehnung. Denn PFAS finden sich nicht nur in Konsumgütern beziehungsweise in Lebensmitteln und Trinkwasser wieder.
Auch viele Technologien für die Energiewende können ohne sie (noch) nicht produziert werden. Tatsächlich drohen einige Unternehmen mit Abwanderung, falls es zu einem Totalverbot der Verwendung kommen sollte, da PFAS aufgrund ihrer extremen Stabilität, Hitze- und Chemikalienbeständigkeit sowie wasser- und fettabweisenden Eigenschaften in vielen Technologien zurzeit noch beinahe unersetzlich sind.
Sie berühren wenig schädlich die erneuerbaren Energien in der Herstellung von Photovoltaik-Zellen (für Reinstwasserpumpen), Lithium-Ionen-Batterien für Elektroautos und stationäre Speicher über Separatoren. Von Emissionen bei der Produktion abgesehen. Schädlich dagegen beispielsweise in Windkraftanlagen (Abrieb von Rotorblattbeschichtungen, Kabelisolierungen). Das Paradoxon ist der Zielkonflikt: Einerseits sollen PFAS verboten werden, um Gesundheits- und Umweltschäden zu verhindern, andererseits scheinen genau diese Stoffe nötig, um die Klimaziele zu erreichen.
Kläranlagen: Keine vollständige Entfernung möglich
Was können Klärwerke tun? Herkömmliche Kläranlagen sind nicht in der Lage, PFAS vollständig aus dem Abwasser zu entfernen. Spezielle Reinigungsstufen wie Aktivkohlefilter oder Umkehrosmose reduzieren zwar in Maßen, erfassen jedoch nur die langkettigen Gifte.
Die technologische Entwicklung kümmert sich daher intensiv um Verfahren wie Advanced Oxidation Process (AOP, Abwasserreinigung zum Reduzieren des chemischen Sauerstoffbedarfs), um die Stoffe effektiver zu zerstören. Doch diese Methoden sind oft sehr energieintensiv. Eine vollständige Lösung für das Problem lässt sich derzeit nicht darstellen.
Wermuttropfen für Weintrinker
Laut Bericht des Umweltinstituts für Risikobewertung weisen manche im Handel erhältlichen Weine Rückstände von Trifluoressigsäure TFA auf, der kleinsten Gruppe der PFAS. TFA entsteht als Abbauprodukt von PFAS in Pflanzenschutzmitteln. Diese Kontamination betrifft auch einige Mineralwässer, wobei den Messungen nach die Konzentrationen meist unter den bisherigen gesundheitlichen Richtwerten liegen. Überlegungen, PFAS-haltige Lebensmittel entsprechend zu kennzeichnen, scheitern an der komplexen Situation. Die Chemikalien sickern über Umweltwege in die Nahrungskette ein, sie sind also keine absichtlich zugesetzten Zutaten.
Ebenfalls macht die enorme Vielfalt von tausenden verschiedenen Verbindungen eine spezifische Kennzeichnung beinahe unmöglich. Deshalb könnte sich schlussendlich „PFAS-frei“ nur auf die wenigen messbaren Toxine beziehen, nicht auf die riesige Menge der unregulierten, auf deren Spuren man jetzt bei einigen Verdachtsfällen auf der Spur ist. Ein Hinweis macht deshalb keinen Sinn.
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