Serie 09.03.2021, 10:00 Uhr

Stadtentwicklung im Klimawandel – Umsetzungsbeispiel Innenentwicklung

Städte modifizieren das übergeordnete Klima durch Oberflächenversiegelung, hohe Bebauungsdichte und Freisetzung von Abwärme und luftfremden Stoffen. Niedrige Windgeschwindigkeit reduziert zudem den Abtransport von Wärme und Luftverunreinigungen. Der dritte Teil unserer Serie Städte im Klimawandel (Richtlinie VDI 3787 Blatt 8 ) beschreibt Maßnahmen zur Lösung stadtklimatische Probleme durch Schaffung neuer Grünflächen im „Stuttgarter Westen“.

Im Stuttgarter Westen wurde ein neuer Innenbereich mit Bäumen, Grünfläche und „Rössle“ geschaffen, um das Stadtklima zu verbessern. 
Foto: Landeshauptstadt Stuttgart, Amt für Umweltschutz, Stadtklimatologie

Im Stuttgarter Westen wurde ein neuer Innenbereich mit Bäumen, Grünfläche und „Rössle“ geschaffen, um das Stadtklima zu verbessern.

Foto: Landeshauptstadt Stuttgart, Amt für Umweltschutz, Stadtklimatologie

Die Richtlinie VDI 3787 Blatt 8 „Umweltmeteorologie – Stadtentwicklung im Klimawandel“ bietet den Anwendern eine Anleitung zur Unterstützung klimatischer Belange in der Stadtentwicklung, insbesondere für die städtebauliche Anpassung an den Klimawandel. Im Rahmen der Empfehlungen von Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel in der klimagerechten Stadtentwicklung werden im Abschnitt 5.1 der Richtlinie als mögliche Maßnahmen u. a. genannt:

  • Entsiegelung innerstädtischer versiegelter Flächen zur Optimierung der Begrünung und Schaffung von Verdunstungsflächen
  • Entsiegelung z. B. von Innenhöfen

Nachfolgend wird am Beispiel der Planung „Rossbollengässle“ in Stuttgart beschrieben, wie die Umsetzung dieser Maßnahmen gelingen kann.

Ausgangssituation

Das Planareal „Rossbollengässle“ liegt im dicht bebauten Stadtbezirk Stuttgart-West, der mit einer Siedlungsdichte von fast 12 700 Einwohnern pro Quadratkilometer zu den am dichtesten besiedelten Wohngebieten Deutschlands gehört. Ein geringer Grünanteil prägt den zentralen Siedlungsbereich, wo die Bebauung vielfach noch eine gründerzeitliche Struktur mit einer entsprechenden Blockrandbebauung und dem typischen Stuttgarter Bauwich – die 2,865 Meter breite Fläche zwischen zwei Nachbarn – aufweist. Hier blieb eines der größten zusammenhängenden Baugebiete aus der Gründerzeit in Deutschland erhalten. (Bild 1)

Bild 1 Wohnblöcke im Stuttgarter Westen.

Foto: Landeshauptstadt Stuttgart, Amt für Umweltschutz, Stadtklimatologie

Die Innenbereiche dieser Blöcke sind inzwischen oftmals zusätzlich bebaut, teils nur mit niedrigen Gebäuden und Schuppen, oder sie sind versiegelt, um Stellplätze für Fahrzeuge zu ermöglichen (Bild 2).

Bild 2 Luftbild „Rossbollengässle“ – Ausgangszustand.

Foto: Landeshauptstadt Stuttgart, Amt für Umweltschutz, Stadtklimatologie

Die urbane kompakte Struktur des Stuttgarter Westens ist jedoch auch eine wichtige Voraussetzung für flächenschonendes Bauen und nachhaltige Mobilität. Daher bietet es sich an, auf den eigenen Pkw zu verzichten und zusätzlich zum öffentlichen Personennahverkehr beispielsweise Angebote wie Car-Sharing zu nutzen. Gleichzeitig gibt es für die Blockinnenbereiche einen Bedarf für eine hochwertige Nutzung (Spiel- und Aufenthaltsflächen) mit entsprechender Aufenthaltsqualität. Planerische Zielsetzung mit dem Bebauungsplan „Rossbollengässle“ ist es also, zu Gunsten des Klimas die versiegelten Flächen zu verringern und den Bau einer Tiefgarage für die Anwohner zu fördern, um ebenerdige Flächenpotenziale für Nachbegrünung und eine Freizeitnutzung zu heben.

Planung und Umsetzung

Für den Bereich um dieses „Rossbollengässle“, einer Blockdurchwegung zwischen Röte- und Seyfferstraße, hat die Stadt Stuttgart gemeinsam mit Eigentümern und Bewohnern eine konkrete Planung durchgeführt und umgesetzt, die einen grünen Innenhof mit Spielflächen und einer darunterliegenden Anwohnertiefgarage festlegt. Zusätzliche Baumstandorte, Grünflächen und versickerungsfähige Oberflächen sind ebenfalls enthalten. Viele betroffene Bürger wirkten bei der städtischen Planungswerkstatt mit und es konnte ein beispielhaftes Projekt entstehen. Bild 3 zeigt die bauliche Umsetzung mit dem Abriss eines leer stehenden Wohngebäudes.

Bild 3 Tiefbauarbeiten im Innenbereich.

Foto: Landeshauptstadt Stuttgart, Amt für Umweltschutz, Stadtklimatologie

Ergebnis

Die Flächenausnutzung im Blockinnenbereich wurde zu Gunsten von begrünten Freiflächen und Bäumen minimiert. Positive Effekte der Begrünung sind unter anderem die Steigerung der Aufenthalts- und Wohnqualität durch Reduzierung der Wärmebelastung in den Sommermonaten sowie die Schaffung von Lebensräumen für Vögel und Insekten. Zusätzlich kann Regenwasser über diese Maßnahmen wieder dem natürlichen Wasserkreislauf zugeführt und Starkregenereignisse können besser abgepuffert werden. Insgesamt konnte auch eine bessere Durchlüftung des Blockinnenbereichs erreicht werden. Bild 4 zeigt die neue grüne Blockmitte mit dem Spiel- und Aufenthaltsbereich.

Bild 4 Wasserdurchlässige befestigte Flächen.

Foto: Landeshauptstadt Stuttgart, Amt für Umweltschutz, Stadtklimatologie

Fazit

Das Beispiel „Rossbollengässle“ zeigt eine gute Möglichkeit, wie im Sinne der Richtlinie VDI 3787 Blatt 8 Stadtentwicklung bzw. -sanierung im Klimawandel gelingen kann. Selbstverständlich ist dies ein Einzelbeispiel. Viele solcher Umsetzungen können eine Stadt aber für den Klimawandel wappnen. Die Stadt Stuttgart liefert mit ihrem kürzlich beschlossenen Rahmenplan „Talgrund S-West“ entsprechende Impulse. Dabei sind die teils privaten Umsetzungen im Rahmen eines kommunalen Grünförderprogramms förderfähig. K676

Rainer Kapp Abteilung Stadtklimatologie, Amt für Umweltschutz, Landeshauptstadt Stuttgart. Dr. Ulrich Reuter Lehrbeauftragter, Hochschule für Technik Stuttgart.

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