Baukonjunktur 05.10.2021, 05:03 Uhr

Mit Einkaufsoptimierung der Baumaterialknappheit trotzen

Auf vielen Baustellen geht es zurzeit nur im Schritttempo vorwärts, weil Holz, Stahl, Kunststoffe und Isolationsmaterial Mangelware sind. Die Baubranche leidet teils massiv unter dieser Materialverknappung. Mit der Professionalisierung des Einkaufs und dem dazugehörigen Risikomanagement aber können Bauunternehmen in solchen Krisen gegensteuern – und sogar ihren Gewinn steigern.

Mit einer strategischen Ausrichtung des Einkaufs kann es Bauunternehmen gelingen, Wege aus der Materialkrise zu finden, Risiken zu reduzieren und ihren Gewinn zu steigern. Foto: PantherMedia / Motizova

Mit einer strategischen Ausrichtung des Einkaufs kann es Bauunternehmen gelingen, Wege aus der Materialkrise zu finden, Risiken zu reduzieren und ihren Gewinn zu steigern.

Foto: PantherMedia / Motizova

Der anhaltende Materialmangel sowie die damit einhergehenden deutlichen Preissteigerungen für Baustoffe setzen die Baubranche seit Wochen unter Druck. Dazu gesellen sich momentan Lieferengpässe für sämtliche Produkte aus Asien, was sich besonders in den Bereichen Elektro und Sanitär bemerkbar macht. Wenn Bauunternehmen aller Widrigkeiten zum Trotz die notwendigen Materialien beschaffen können, müssen sie derzeit höhere Preise zahlen.

Sinkende Nachfrage trotz hohem Bedarf

Weil der Hausbau immer teurer wird, sinkt bereits die Nachfrage, vor allem in der Privatwirtschaft: Kostete das Dachdecken vor der Materialkrise zwischen 30 000 und 35 000 Euro, so müssen Bauherren derzeit für dasselbe Dach mit Mehrkosten von 5000 Euro rechnen. Immer weniger Privatleute können es sich deshalb einen Hausbau leisten.

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Doch auch für Projektentwickler werden solche Bauvorhaben immer unrentabler: Die Häuserpreise steigen signifikant schneller als die Mieten. „Die Baukonjunktur wird sich langfristig wieder abkühlen, obwohl der Bedarf an Bauleistung weiterhin sehr hoch ist“, sagt Dr. Phillip-Alexander Harter, Managing Partner von PrexPartners. Die international tätige Unternehmensberatung ist Beschaffungsspezialist und auf die nachhaltige Optimierung des Einkaufs- und Lieferantenmanagements spezialisiert.

Das Problem der Baubranche besteht allerdings nicht nur aus der Verknappung von Material und der pandemiebedingten Knappheit beim Personal durch Grenzschließungen, höheren Krankenstand und angeordnete Quarantäne. Die vielen mittelständischen Unternehmen, aus denen die Branche überwiegend besteht, beschaffen Baumaterial nur projektbezogen – Einkaufsstrategie und Risikobewertung fehlen. „So laufen die Unternehmen blind in die nächste Krise“, warnt Dr. Harter. Derzeit hinken die meisten Mittelständler den Großunternehmen der Bauindustrie hinterher, die bereits Einkaufsstrategie entwickelt haben.

Jahresübersicht über Kosten in einzelnen Gewerken

Mit einer Professionalisierung des Einkaufs stellen sich Bauunternehmer besser auf, sichern sich ab und bleiben wettbewerbsfähig. Unternehmen sollten deshalb nicht nur von Projekt zu Projekt planen, sondern langfristige Verträge mit den passenden Partnern aufsetzen. Welche das sind, gilt es zu analysieren: Für jeden Bedarf – ob Dachdeckerleistungen, Malerarbeiten oder den Einkauf von Baustahl – können Bauunternehmen ihren Jahresbedarf ermitteln, um auf dieser Basis eine strategische Einkaufsplanung auszuarbeiten. Dafür könnten sie oftmals auf ihre Daten zurückgreifen, allerdings haben viele Unternehmen keine Jahresübersicht über die Baukosten, die in einzelnen Gewerken anfallen.

So lassen sich etwa für jedes einzelne Projekt die Kosten für die Fliesenarbeiten berechnen, nicht aber eine Quadratmeterzahl für die im gesamten Jahr verlegten Fliesen. Dafür müssen die im ERP-System hinterlegten Daten mit den Daten im Projektcontrolling verknüpft werden. Diese Verknüpfung, kombiniert mit der geplanten Geschäftsentwicklung, ist die Basis für verlässliche Prognosen zu zukünftigen Bedarfen.

Auch die Zusammenarbeit mit Nachunternehmern bieten häufig Optimierungspotenzial. Die optimale Anzahl der Nachunternehmer je Gewerk wird selten ermittelt. Diese sollte den Jahresbedarf der Leistungen sicher abdecken und gleichzeitig die Einkaufsmacht des Generalunternehmers sicherstellen, ohne die beteiligten Unternehmen in eine zu große Anhängigkeit voneinander zu manövrieren.

Neue Projektverträge und Materialpreisgleitklauseln vereinbaren

Auch die Risiken sollten abgesichert werden. Momentan liegen diese oft gänzlich bei den Bauunternehmen. Verzögert sich ein Projekt aufgrund von Lieferengpässen, ist es durchaus üblich, dass der Bauunternehmer eventuell Strafen zahlen oder die Miete der Bauherren zwischenfinanzieren muss.

Es gilt deshalb, andere Projektverträge und Materialpreisgleitklauseln aufzusetzen. „Andernfalls entsteht für die Bauunternehmen eine Schieflage zwischen der Preissteigerung für die Materialien und den Vereinbarungen, die mit dem Auftraggeber getroffen wurden“, erklärt Dr. Harter.

Mit der Optimierung des Einkaufs können Bauunternehmen nicht nur den Fortgang ihrer Projekte sicherstellen, sondern auch den Gewinn steigern. Denn jede Einsparung auf der Beschaffungsseite hat eine enorme Hebelwirkung auf den Deckungsbeitrag, also die Differenz zwischen Umsatz und variablen Kosten. Bei einer Rendite von 2,5 Prozent und Kosten für Material und Nachunternehmerleistungen von 50 Prozent der Gesamtkosten ließe sich durch eine zehnprozentige Reduzierung der Beschaffungskosten der Gewinn auf 7,5 Prozent steigern, also verdreifachen.

Mit kurzfristigen Maßnahmen den Weg aus der Krise finden

Professionelle Beschaffungsteams, die systematisch und konsequent bei Herstellern und Händlern Restmengen und neu eintreffende Lieferungen abfragen, können in der augenblicklichen Krise kurzfristig unterstützen. Dafür müssen Unternehmer kurzfristig ihre Personalressourcen erhöhen. Dieser aufwendige und teure Prozess sollte in der aktuellen Lage mit externer Unterstützung erfolgen, rät Stefan Nölting, Senior Projektmanager bei PrexPartners.

Aus- und Weiterbildung der Einkäufer ist entscheidend

Die Materialknappheit hält die Baubranche derzeit fest im Griff. Mit der strategischen Ausrichtung des Einkaufs kann es mittelständischen Bauunternehmen gelingen, Wege aus der Krise zu finden, Risiken zu reduzieren und ihren Gewinn zu steigern.

Die letzten Jahre haben gezeigt, dass Bauunternehmen mit professioneller Einkaufsorganisation in ihrem Marktumfeld signifikant erfolgreicher sind und besser durch Beschaffungskrisen kommen. Neben Methodik und Toolunterstützung ist dabei die Aus- und Weiterbildung der Einkäufer entscheidend.

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