Die schwierige Montage der Rotorblätter am Gicon-Höhenwindturm
07. November 2026

Ein Rotorblatt ist 62 m lang und wiegt 15 t. Schon der Transport solcher Bauteile ist aufwendig. Noch schwieriger wird es, wenn sie in 150 m Höhe an einer ausladenden Stahlkonstruktion vorbeigeführt und anschließend millimetergenau an einer Rotornabe positioniert werden müssen. Genau vor dieser Aufgabe standen die Monteure beim Bau des GICON-Höhenwindturms in Schipkau in Brandenburg.
Für die Montage der drei Rotorblätter nutzten sie eine spezielle Hebevorrichtung des Maschinenbauunternehmens Ematec aus Memmingerberg im Allgäu. Sie kann die schweren Bauteile während des Hebevorgangs kontrolliert neigen und ihre Ausrichtung verändern. In einer Pressemitteilung vom 3. November 2026 hat das Unternehmen Einzelheiten zu dem ungewöhnlichen Einsatz veröffentlicht.
Warum am höchsten Windrad der Welt kaum Platz für die Rotorblätter war
Der GICON-Höhenwindturm in Schipkau unterscheidet sich deutlich von herkömmlichen Windenergieanlagen. Statt eines geschlossenen Rohrt urms besitzt er eine äußere Stahlgitterkonstruktion und einen beweglichen Innenturm.
Das ermöglicht eine besondere Bauweise: Gondel und Rotorblätter werden zunächst in geringerer Höhe montiert. Anschließend wird der Innenturm mitsamt der Windenergieanlage nach oben gezogen.
In Schipkau saß die Rotornabe während der Blattmontage etwa 150 m über dem Boden. Unterhalb der Nabe befand sich allerdings das ausladende Stahlgerüst. Für den Kran und die langen Rotorblätter blieb entsprechend wenig Bewegungsraum.
„Die Stahlkonstruktion unterhalb der Nabe beim Höhenwindrad in Schipkau ist deutlich voluminöser als bei normalen Anlagen, deswegen hatten wir bei der Blattinstallation deutlich weniger Platz zur Verfügung als üblich“, erklärt Björn Schäfer, Baustellenleiter des Windkraftanlagenherstellers Vensys, in der Pressemitteilung von Ematec.
Die Schwierigkeit bestand darin, jedes Rotorblatt so zu führen, dass weder die Hebevorrichtung noch das Blatt selbst mit dem Turm in Berührung kam. Eine starre, waagerechte Ausrichtung hätte den verfügbaren Bewegungsraum eingeschränkt.

Spezialtraverse kann die Rotorblätter um 30° neigen
Die Lösung war eine Rotorblatttraverse des Typs RBC-D. Eine solche Vorrichtung hängt am Kranhaken, nimmt das Rotorblatt auf und hält es während der Montage in der gewünschten Position.
Bei der RBC-D lässt sich das Rotorblatt gezielt schräg stellen. Die eingesetzte Technik erlaubt eine Neigung von bis zu 30° in beide Richtungen. Damit konnten die Monteure die langen Bauteile an der Stahlkonstruktion vorbeiführen und für die Befestigung an der Nabe ausrichten.
Zusätzlich kann das System das Rotorblatt um bis zu 8° um seine Längsachse drehen. Diese sogenannte Pitchverstellung hilft dabei, die Lage des Blatts anzupassen. Beide Bewegungen werden über eine Funkfernsteuerung bedient.
„Das Anschlagen der Blätter in unterschiedlichen Winkeln war dann auch absolut entscheidend für die erfolgreiche Installation“, sagt Schäfer in der Ematec-Pressemitteilung.
Damit das Rotorblatt beim Neigen sicher gehalten wird, hat die Traverse mehrere technische Besonderheiten:
- Anpassungsfähige Aufnahme: 14 Tragarme mit beweglich gelagerten, elastischen Auflageflächen passen sich an die Form des Rotorblatts an. So verteilt sich der Druck auf eine größere Fläche.
- Bewegliche Gegengewichte: Zwei automatisch verstellbare Gewichte gleichen unterschiedliche Schwerpunktlagen aus und erleichtern eine kontrollierte Ausrichtung.
- Zusätzliche Sicherung: Obere Greifer halten das Rotorblatt auch dann fest, wenn es stark geneigt wird.
Die Technik ist nicht speziell für den Höhenwindturm entwickelt worden. Ematec bietet die RBC-D bereits für die Montage unterschiedlicher Windenergieanlagen an. Nach Herstellerangaben kann das System in entsprechender Ausführung Rotorblätter mit einem Gewicht von bis zu 50 t aufnehmen.
Auch die Traverse selbst ist ein Schwergewicht. Für die Modellvariante RBC-D 35 nennt Ematec ein Eigengewicht von etwa 25 t. Zusammen mit einem 15-t-Rotorblatt wären das bereits rund 40 t, ohne weitere Anschlagmittel. Die genaue Masse der in Schipkau verwendeten Konfiguration ist nicht veröffentlicht.

Drei Rotorblätter in knapp zwölf Stunden montiert
Für den Einsatz holte Vensys das Montageunternehmen EZ Wind aus Schleswig-Holstein hinzu. Die Bedienung der Traverse übernahmen zwei Spezialisten von DH Renewables aus Irland und Schottland, die bereits Erfahrung mit dem System hatten.
Die Montage begann gegen Mittag. Als das letzte der drei Rotorblätter befestigt war, war es bereits Mitternacht. „Wir konnten mittags loslegen und waren dann um Mitternacht fertig“, berichtet Hans-Iver Jacobs, Geschäftsführer von EZ Wind, in der Pressemitteilung von Ematec.
Die wichtigsten Zahlen des Einsatzes:
| Merkmal | Wert |
| Rotorblattlänge | 61,5 m |
| Gewicht je Rotorblatt | 15 t |
| Montagehöhe | ca. 150 m |
| Anzahl der Rotorblätter | 3 |
| Neigungswinkel beim Handling | bis zu ±30° |
| Dauer der Montage | knapp 12 h |
Mit der Installation der Rotorblätter war ein wichtiger Bauabschnitt abgeschlossen. Anschließend konnte der Innenturm mit der bereits montierten Windenergieanlage seine endgültige Höhe erreichen.
Erst die Rotorblätter montiert, dann den Turm angehoben
Für den letzten großen Montageschritt nutzten die Ingenieure ein hydraulisches Litzenhubsystem. Damit wurde der Innenturm mitsamt der Windenergieanlage schrittweise nach oben gezogen und schließlich in seiner Endposition fixiert.
Am 28. September 2026 erreichte der GICON-Höhenwindturm eine Gesamthöhe von 365 m. Die Rotornabe sitzt seitdem 300 m über dem Boden. Damit gilt die Anlage als höchste Windenergieanlage der Welt. Nur der Berliner Fernsehturm ist mit 368 m noch etwas höher.
In Schipkau ist eine Windenergieanlage vom Typ Vensys V126 mit einer Nennleistung von 3,8 MW installiert. Die offizielle Inbetriebnahme ist nach Angaben der Projektverantwortlichen für November 2026 vorgesehen.
Quellen
- Ematec / Jensen Media, 3. November 2026 – Originalmeldung zur Rotorblattmontage, beteiligte Unternehmen und unveränderte Zitate.
- Ematec – technische Angaben zur RBC-D – Blattaufnahme, Neigungswinkel, Schwerpunktausgleich, Tragfähigkeit und Eigengewicht.
- GICON, 29. September 2026 – Turmhöhe, Nabenhöhe, Litzenhub und geplanter Inbetriebnahmetermin.






















