Fast 1000 Testflüge später: Boeing 737 MAX 10 bekommt grünes Licht
21. Oktober 2026

Bis zu 230 Passagiere kann die Boeing 737 MAX 10 befördern. Nach jahrelangen Verzögerungen hat die US-Luftfahrtbehörde FAA das Modell am 20. Oktober 2026 zugelassen. Für Boeing geht es um einen großen Teil seines Auftragsbestands: Nach Herstellerangaben haben mehr als 30 Kunden insgesamt 1555 Maschinen bestellt. Das entspricht über 30 % der noch offenen MAX-Aufträge.
Die FAA ergänzte die bestehende Musterzulassung und genehmigte die Produktion der neuen Variante. Zuvor musste Boeing unter anderem Verbesserungen an der Flugsteuerung und der Überwachung von Sensordaten nachweisen. „Die Entscheidung der FAA folgt auf eine gründliche Prüfung der Konstruktion und der Sicherheitsanforderungen des Flugzeugs“, erklärte Behördenchef Bryan Bedford in der FAA-Mitteilung, aus dem Englischen übersetzt.
Inhaltsverzeichnis
Fehlerhafte Sensordaten früher erkennen
Boeing hat insbesondere die Überwachung der Anstellwinkelsensoren überarbeitet. Der Anstellwinkel beschreibt vereinfacht, in welchem Winkel die Luft auf die Tragfläche trifft. Zwei bewegliche Messfahnen am vorderen Rumpf erfassen die örtliche Anströmung und liefern Daten an die Bordelektronik.
Fünf softwarebasierte Prüffunktionen kontrollieren nun, ob die Sensoren in bestimmten Flugsituationen erwartungsgemäß reagieren. Erkennt das System fehlerhafte Werte, sperrt es deren Weitergabe oder verwendet für bestimmte Berechnungen einen Ersatzwert. Die Cockpitanzeige „AOA FAIL“ benennt zusätzlich den betroffenen Sensor. AOA steht für „Angle of Attack“, also Anstellwinkel.
Die Besatzung soll dadurch Fehler schneller zuordnen können. „Wir vereinfachen das erheblich. Für die Piloten wird es viel einfacher“, sagte Bill Quashnock, stellvertretender Chefpilot des 737-Programms, in einem Boeing-Technikbeitrag vom 15. Juni 2026. Das Zitat wurde aus dem Englischen übersetzt.
Hinzu kommt ein Schalter, mit dem Piloten eine fehlerhaft ausgelöste Rüttelwarnung am Steuerhorn abschalten können. Dieser „Stick Shaker“ warnt normalerweise vor einem drohenden Strömungsabriss. Bei einem Fehlalarm können anhaltende Vibrationen und Geräusche die Besatzung jedoch bei der Fehlersuche stören.
Weitere Änderungen nach den MAX-Abstürzen
Fehlerhafte Anstellwinkeldaten spielten bei den beiden MAX-8-Abstürzen 2018 und 2019 eine Rolle. Boeing hatte danach bereits technische Änderungen und Anpassungen der Betriebsverfahren umgesetzt. Die jetzt eingeführte Sensorüberwachung gehört zu den weiteren Verbesserungen.
Die damalige Krise war auch Anlass für eine Debatte über den Umgang mit internen Warnungen. Diesen organisatorischen Aspekt beleuchtet ingenieur.de im Beitrag über das Schweigen in Unternehmen und seine Folgen für technische Projekte.
Warum der Vereisungsschutz überarbeitet werden musste
Ein weiteres Problem betraf den Vereisungsschutz am Triebwerkseinlauf. Bleibt dieses System unter bestimmten Bedingungen länger als fünf Minuten in trockener Luft eingeschaltet, kann sich die innere Struktur des Einlaufs über ihre zulässige Materialtemperatur hinaus erhitzen. Die FAA warnte 2023 vor möglichen schweren Schäden an der Einlaufverkleidung.
Boeing entwickelte eine technische Änderung und prüfte sie während der Flugerprobung. Zum Testprogramm gehörten außerdem das Hauptfahrwerk, Bremsversuche auf nassen Pisten und Stopps mit maximaler Bremsenergie. Bei solchen Versuchen müssen die Bremsen besonders viel Bewegungsenergie aufnehmen.
Ende Juli meldete Boeing den Abschluss der geplanten Zulassungsflugtests. Die Bilanz: 976 Flüge, mehr als 2060 Flugstunden und etwa 1040 Stunden Bodentests. Danach folgten noch Sicherheitsbewertungen und die abschließende Prüfung der Unterlagen.
Noch im September drohte eine weitere Verzögerung durch einen Fehler in der Navigationssoftware. Nach Reuters bewertete die FAA das Problem am 2. Oktober als nicht sicherheitskritisch. Seine Behebung war damit keine Voraussetzung für die jetzt erteilte Zulassung.
Erste Auslieferung für Anfang 2027 erwartet
Boeing kündigt Auslieferungen für die kommenden Monate an. Reuters nennt Anfang 2027 und die kanadische WestJet als ersten Empfänger. Zum internationalen Zulassungsprozess gehören noch die Validierungen durch die zuständigen Behörden außerhalb der USA.
Die MAX 10 ist die größte Variante der Modellfamilie. Die Höchstzahl von 230 Plätzen gilt für eine besonders dichte Bestuhlung. Bei einer Kabine mit zwei Klassen nennt Boeing üblicherweise 185 bis 210 Sitze. Die angegebene Reichweite beträgt bis zu 5740 km.
Mit der Zulassung beginnen Nachrüstfristen
Die Freigabe betrifft auch andere MAX-Versionen. Das US-Recht knüpft bestimmte Sicherheitsanforderungen ausdrücklich an den Zulassungstermin der MAX 10.
Ein Jahr danach darf die FAA erstmals ausgestellte Lufttüchtigkeitszeugnisse für MAX-Maschinen nur noch erteilen, wenn deren zugelassene Konstruktion die vorgeschriebenen Verbesserungen umfasst. Dazu zählen eine erweiterte Anstellwinkelüberwachung sowie Möglichkeiten, bestimmte Fehlwarnungen abzuschalten.
Nach drei Jahren greifen auch entsprechende Betriebsvorgaben. Die FAA will deshalb überwachen, dass bereits eingesetzte, in den USA registrierte MAX-Maschinen rechtzeitig nachgerüstet werden. Mit der Zulassung vom 20. Oktober 2026 reichen diese Fristen bis Oktober 2027 beziehungsweise Oktober 2029. Damit beginnt für Boeing und die betroffenen Fluggesellschaften neben der Einführung der MAX 10 auch die Umrüstung bestehender Flugzeuge.
Quellen
- FAA: Zulassung der Boeing 737 MAX 10, 20. Oktober 2026
- Boeing: Zulassung, Bestellungen und technische Eckdaten
- Boeing: Überarbeitete Anstellwinkelüberwachung und Cockpitwarnungen
- Boeing: Abschluss der geplanten Zulassungsflugtests
- US-Verkehrsministerium: FAA-Anordnung zum Vereisungsschutz
- FAA: Umsetzung der vorgeschriebenen Sicherheitsnachrüstungen, PDF
- Reuters: Zulassung und geplante Auslieferungen






























