Anzeige
Bau

Inferno in Crans-Montana: Die Physik hinter dem Flashover

02. Januar 2026

. In Crans-Montana, dem Ort der Explosion, sind Polizisten im Einsatz
Der Morgen nach der Silvesterkatastrophe. In Crans-Montana, dem Ort der Explosion, sind Polizisten im Einsatz. Foto: picture alliance/KEYSTONE | ALESSANDRO DELLA VALLE
40 Tote in Schweizer Bar: Expertinnen und Experten untersuchen Brandursache und Baumängel im „Le Constellation“. Alles zur Physik des Unglücks.
Anzeige
Anzeige


Die Neujahrsnacht im Schweizer Kanton Wallis sollte für Hunderte junge Menschen eine ausgelassene Feier werden. Doch gegen 01:30 Uhr änderte sich alles. Die Bar „Le Constellation“ im Zentrum von Crans-Montana wurde zum Schauplatz einer Katastrophe. Ein extrem schneller Brand mit anschließender schlagartiger Durchzündung zerstörte das Gebäude nahezu vollständig.

Die Bilanz ist verheerend. Nach aktuellem Stand kamen rund 40 Menschen ums Leben, mehr als 115 weitere wurden verletzt, viele davon schwer. Rettungskräfte waren mit zehn Helikoptern und rund 40 Krankenwagen im Einsatz. Während die Ermittlungen noch laufen, stellt sich aus Sicht von Brandschutzfachleuten eine zentrale Frage: Wie konnte sich ein zunächst lokaler Brand innerhalb kürzester Zeit zu einem tödlichen Vollbrand entwickeln?

Anzeige
Anzeige

Inhaltsverzeichnis

Eine fatale Dekoration als mögliche Zündquelle

Mehrere Augenzeugen berichten von einem zunächst unscheinbaren Auslöser. In der dicht gefüllten Bar hielten sich schätzungsweise 200 bis 300 Personen auf. Champagner wurde serviert, an einigen Flaschen waren Wunderkerzen befestigt.

Zwei junge Frauen aus Frankreich, Emma und Albane, beobachteten die Situation unmittelbar vor dem Ausbruch. Gegenüber dem französischen Sender BFMTV schilderten sie: „Eine Wunderkerze wurde zu nahe an die Decke gehalten. Diese fing sofort Feuer. Innerhalb weniger Sekunden stand die gesamte Decke in Flammen.“

Die Behörden prüfen derzeit, ob es sich bei der Deckenverkleidung um Holz oder um leicht entzündliche akustische Dämmmaterialien handelte. Unabhängig vom genauen Material gilt: In einem geschlossenen Raum mit hoher Brandlast kann bereits ein einzelner Zündimpuls genügen, um eine unkontrollierbare Branddynamik auszulösen.

Anzeige
Anzeige

Brandentwicklung im Untergeschoss: Ein physikalischer Nachteil

Die Bar befand sich im Untergeschoss – ein entscheidender Faktor für den weiteren Verlauf. Bei Bränden steigt die heiße Brandluft nach oben und sammelt sich unter der Decke. Es entsteht eine thermische Schichtung: Während die Temperaturen in Bodennähe anfangs noch vergleichsweise niedrig bleiben, bildet sich unter der Decke eine immer heißere Rauch- und Gaszone.

Erreicht diese sogenannte Heißgasschicht Temperaturen im Bereich von etwa 500 bis 600 °C, wird ein kritischer Punkt erreicht. Fachleute sprechen dann vom Übergang zum Flashover, im französischen Sprachraum oft als embrasement généralisé bezeichnet.

Anzeige
Anzeige

Eine Brandschutzexpertin erklärte das Phänomen in einem ARD-Brennpunkt so: „Bei steigender Temperatur und dem richtigen Mischungsverhältnis zünden die Gase schlagartig durch. Der gesamte Raum gerät gleichzeitig in Brand – ohne direkten Flammenkontakt.“

Menschen fliehen nach einer tödlichen Explosion während der Silvesterfeierlichkeiten in Crans-Montana
Menschen fliehen nach einer tödlichen Explosion während der Silvesterfeierlichkeiten in Crans-Montana.

Flashover: Wenn der Raum selbst zur Zündquelle wird

Ein Brand verläuft typischerweise in mehreren Phasen: Entstehung, Wachstum, Vollbrand und Abklingen. Der Flashover markiert den Übergang vom Wachstumsbrand zum Vollbrand.

Zunächst steigt eine Flammen- und Rauchgasfahne, in der Fachsprache Plume, zur Decke auf. Dort breiten sich die heißen Gase horizontal aus. Diese Rauchschicht besteht nicht nur aus Ruß, Kohlendioxid und Wasserdampf, sondern auch aus unverbrannten, hochbrennbaren Pyrolysegasen.

Diese Schicht wirkt wie ein großflächiger Heizkörper. Sie strahlt enorme Wärmemengen nach unten ab. Physikalisch lässt sich das mit dem Stefan-Boltzmann-Gesetz beschreiben: Die Wärmestrahlung steigt mit der vierten Potenz der absoluten Temperatur (in Kelvin). Schon relativ kleine Temperaturanstiege der Heißgasschicht führen daher zu einer drastischen Zunahme der Wärmestrahlung am Boden.

Die kritische Schwelle: 20 Kilowatt pro Quadratmeter

In der Brandforschung gilt eine Wärmestromdichte von rund 20 kW/m² in Bodennähe als entscheidender Richtwert. Wird dieser Wert erreicht, beginnen nahezu alle brennbaren Gegenstände im Raum – Möbel, Textilien, Kleidung – zu pyrolysieren, also sich allein durch Hitze chemisch zu zersetzen.

Dabei entstehen große Mengen brennbarer Gase. Sobald diese ein zündfähiges Gemisch bilden und die Zündtemperatur erreicht ist, kommt es zur schlagartigen Durchzündung des gesamten Raumes. Innerhalb weniger Sekunden steigen die Temperaturen auf Werte, die ein Überleben ohne Schutz unmöglich machen. Gleichzeitig sinkt der Sauerstoffgehalt rapide – genaue Werte sind Teil der laufenden Ermittlungen.

 

Das Gebäude, in dem während der Neujahrsfeierlichkeiten ein Feuer ausbrach, bei dem Menschen ums Leben kamen und verletzt wurden
Das Gebäude, in dem während der Neujahrsfeierlichkeiten ein Feuer ausbrach, bei dem Menschen ums Leben kamen und verletzt wurden.

Abgrenzung: Flashover ist nicht gleich Explosion

In der öffentlichen Wahrnehmung wird häufig von einer „Explosion“ gesprochen. Tatsächlich wirkt ein Flashover für Zeuginnen und Zeugen wie eine Detonation. Ob es sich um eine echte Explosion im physikalischen Sinn oder um eine rasche Durchzündung beziehungsweise Deflagration handelte, ist derzeit noch Gegenstand der Untersuchungen.

Wichtig ist die Abgrenzung zu anderen Brandphänomenen:

  • Rollover (Flameover): Vorzündung von Rauchgasen direkt unter der Decke, oft als Vorbote eines Flashovers.
  • Backdraft: Eine explosionsartige Verbrennung, wenn ein sauerstoffarmer Brandraum plötzlich Frischluft erhält.

Die geschilderten Abläufe in Crans-Montana sprechen klar für einen Flashover als dominierenden Mechanismus.

Wenn Fluchtwege zur Todesfalle werden

Die baulichen Gegebenheiten verschärften die Situation massiv. Mehrere Überlebende berichten von zu schmalen Ausgängen. Eine Frau schilderte gegenüber BFMTV: „Die Ausgangstür war angesichts der vielen Menschen viel zu klein. Jemand schlug eine Scheibe ein, damit wir hinauskonnten.“

Nach Schweizer Brandschutzvorschriften der VKF sind für Versammlungsstätten mit mehr als 100 Personen mindestens zwei unabhängige Rettungswege erforderlich. Ob diese Anforderungen erfüllt waren, prüfen die Behörden.

Zusätzlich wirkte der Treppenaufgang aus dem Untergeschoss wie ein Kamineffekt: Heißer Rauch wurde nach oben gezogen und blockierte den einzigen bekannten Fluchtweg. In solchen Situationen sinken die Überlebenschancen nach Eintritt des Flashovers innerhalb kürzester Zeit drastisch.

Technik, Medizin und offene Fragen

Ob eine maschinelle Entrauchung oder Rauch- und Wärmeabzugsanlage vorhanden war und wie sie funktionierte, ist bislang nicht abschließend geklärt. Grundsätzlich dienen solche Systeme vor allem der Rauchfreihaltung von Flucht- und Angriffswegen, nicht dazu, einen Flashover sicher zu verhindern.

Die medizinischen Folgen sind gravierend. Ärztinnen berichten von Patientinnen mit Verbrennungen über mehr als 60 % der Körperoberfläche, hinzu kommen schwere Inhalationstraumata und Verletzungen durch Panik und Gedränge.

Die Ermittlungen konzentrieren sich auf mögliche Betriebs- und Organisationsmängel, darunter Dekoration, Überbelegung und bauliche Defizite. Gegen Verantwortliche wird ermittelt, die Unschuldsvermutung gilt.



Ein Beitrag von:

Anzeige
Anzeige

Top Stellenanzeigen

CAD-Konstrukteur (m/w/d)
Boyd Weiler GmbH & Co. KG

13.09.2026
Weiler-Simmerberg
Senior Ingenieur Systemintegration und KI-basierte Performancebewertung (w/m/d)
TransnetBW GmbH

13.09.2026
Stuttgart
Ingenieur Systemführung Operative Betriebsplanung (w/m/d)
TransnetBW GmbH

13.09.2026
Stuttgart
Bauprojektleiter (m/w/d)
Allbau Managementgesellschaft mbH

13.09.2026
Essen
Ingenieur* im Anforderungsmanagement
DFS Deutsche Flugsicherung GmbH

13.09.2026
Langen
Bauingenieur / Bautechniker Kommunaler Tiefbau (m/w/d)
WipflerPLAN Planungsgesellschaft

13.09.2026
Donauwörth, Nördlingen, Pfaffenhofen an der Ilm, Lauf an der Pegnitz
Information Security Manager (all genders)
VINCORION Advanced Systems GmbH

13.09.2026
Wedel
Professur „Wirtschaftsinformatik und Datenbanken mit dem Schwerpunkt IT-Venture-Design, Digital Enterprise und innovativer Lehre in Makerspace-Settings (W2)“
Hochschule Düsseldorf University of Applied Sciences

13.09.2026
Düsseldorf
Senior-Ingenieur Auftragsengineering (m/w/d)
Mehrer Compression GmbH

13.09.2026
Balingen
BIM-Manager (w/m/d) Außenstelle Hamm
Die Autobahn GmbH des Bundes

13.09.2026
Hamm, Münster
BIM-Manager (w/m/d) Außenstelle Dillenburg
Die Autobahn GmbH des Bundes

13.09.2026
Dillenburg
BIM-Manager (w/m/d) Niederlassung Westfalen
Die Autobahn GmbH des Bundes

13.09.2026
Hamm, Münster, Gelsenkirchen
BIM-Manager (w/m/d) Außenstelle Netphen
Die Autobahn GmbH des Bundes

13.09.2026
Netphen
BIM-Manager (w/m/d) Außenstelle Bochum
Die Autobahn GmbH des Bundes

13.09.2026
Bochum
BIM-Manager (w/m/d) Außenstelle Osnabrück
Die Autobahn GmbH des Bundes

13.09.2026
Osnabrück
BIM-Manager (w/m/d) Außenstelle Hagen
Die Autobahn GmbH des Bundes

13.09.2026
Hagen
Bauleiter (m/w/d) im Bereich schlüsselfertigen Wohnungsbau
SCHEIDL

13.09.2026
Moosburg/Landshut
Projektingenieur Fachplanung Versorgungstechnik (m/w/d)
INGENIEURBÜRO ZAMMIT GmbH

13.09.2026
Achim, Celle, Salzgitter, Wolfsburg
Meister (m/w/d) für die mechanische Fertigung
Montanhydraulik GmbH

13.09.2026
Gelsenkirchen
Bauingenieur (w/m/d)
Die Autobahn GmbH des Bundes

13.09.2026
Bayreuth

Weitere Artikel



Anzeige
Anzeige