Chemie in der Krise: So will das Umweltbundesamt die Industrie bis 2050 umbauen
22. Oktober 2026

„Die Chemieindustrie ist die ‚Industrie der Industrien.“ Dies betonte Prof. Dirk Messner, Präsident des Umweltbundesamtes (UBA), Mitte Oktober auf der Konferenz „Spotlights 2026: Shaping the Chemical Transition Together“ in Dessau-Roßlau. Das UBA organisierte die Konferenz gemeinsam mit dem International Sustainable Chemistry Collaborative Centre (ISC3).
Wie kann die chemische Industrie innovativ, nachhaltig und wettbewerbsfähig werden? Fast zwei Tage lang diskutierten rund 180 Führungskräfte und Fachleute aus Industrie, Politik, Finanzwesen, Wissenschaft und Zivilgesellschaft über die anstehende Chemiewende.
Inhaltsverzeichnis
Vision und Kampf ums Überleben
Das Umweltbundesamt will also die Chemikalienwirtschaft retten und stellte auf der Konferenz seine Vision von einer Treibhausgas-neutralen, schadstofffreien und zirkulären Chemikalienwirtschaft in Europa 2050 vor. Diese Vision inklusive Handlungspfade veröffentlichte das UBA Mitte September in einem Diskussionspapier auf Deutsch und auf Englisch.
Wichtig ist dem UBA dabei, dass sich die Chemikalienwirtschaft − also neben den Herstellern von Chemikalien auch die Anwender von Chemikalien − innerhalb der planetaren Grenzen bewegt. Dabei stellt das UBA klar: Auf Chemikalien kann nicht verzichtet werden, da fast alle Wertschöpfungsketten Chemikalien enthalten. „Aber die Zukunft der Chemie liegt in erneuerbaren und kreislauffähigen Chemikalien, Treibhausgas-neutral hergestellt“, glaubt Messner.
Auch die Chemieindustrie wisse, dass Chemikalien aus erneuerbaren Rohstoffen und kreislauffähige Produkte wichtiger werden, sagte Marco Mensink. Der Generaldirektor von CEFIC, dem Dachverband der europäischen Chemieindustrie mit Sitz in Brüssel, weiß das Visionsdokument des UBA zu schätzen. „Aber wir in der Chemie denken heute nicht an Visionen, denn wir kämpfen in Wirklichkeit ums Überleben.“ Nahezu jede Woche würden in der EU Chemieanlagen geschlossen.
Auch viele Beschäftigte in der Chemieindustrie sorgten sich um die Zukunft ihrer Arbeitsplätze, ergänzte Alexander Bercht, Mitglied des geschäftsführenden Hauptvorstandes der IGBCE. Ein Grund sei für ihn die politisch schlecht gemanagte Transformation. Den Betrieben würden immer mehr Lasten aufgebürdet, gleichzeitig bleibe der Staat seinen Beitrag zum Wandel schuldig – etwa mit Blick auf ausreichend grünen Strom, den Ausbau der Energienetze oder der Wasserstoff-Infrastruktur. Das alles sorge für Kopfschütteln in den Belegschaften. Was sie forderten, sei schlicht eine gut gemachte Transformation, die Investitionen, Modernisierung und gute Arbeitsplätze in Aussicht stelle statt Abbau, Verlagerung und Zukunftsangst.
Planetare Grenze für Chemikalien? Überschritten
Daher braucht es aus Sicht von Messner einen kontinuierlichen offenen Diskurs über die Chemie der Zukunft. Dabei dürfe der Klima- und Umweltschutz – in Deutschland, der EU und weltweit – nicht vergessen werden. Hier gibt das Konzept der planetaren Grenzen Orientierung. Dieses Konzept haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unter Leitung von Johan Rockström am Stockholm Resilience Centre entwickelt und 2009 veröffentlicht. Rockström leitet heute das PIK, das jährlich Bilanz zieht.
Laut dem Planetary Health Check 2026 sind sieben von neun Grenzen überschritten: nicht nur die für die biologischen Vielfalt und für den Klimawandel, sondern auch die der „novel entities“. Darunter fallen vom Menschen hergestellte und in die Umwelt eingebrachte Substanzen, Stoffe oder Materialien, die es in dieser Form zuvor nicht auf der Erde gab. Mit anderen Worten: Durch Menschen sind bereits zu viele Chemikalien in die Umwelt gelangt.

Visionen des Umweltbundesamtes für die Chemiewende
Das UBA sieht die zentrale Bedeutung der Chemikalienwirtschaft. Diese kann die Transformation der gesamten Wirtschaft katalysieren. Daher soll eine wettbewerbsfähige Chemikalienwirtschaft in Europa Standards für eine nachhaltige, resiliente und regenerative Zukunft setzen. Das UBA stellt dazu zehn konkrete Visionen zur Diskussion:
- Die europäische Chemikalienwirtschaft besteht aus weltweit führenden Anbietern und Nutzern innovativer schadstofffreier und nachhaltiger Produkte und Produktionsweisen, die innerhalb der planetaren Grenzen wirtschaften.
- Die Menschen erfahren die Chemikalienwirtschaft als verantwortungsvolle Akteurin, deren Produkte sie ohne Bedenken im Alltag nutzen können und die zur Lösung der Klima-, Biodiversitäts- und Verschmutzungskrise beitragen.
- Suffizienz ist ein Leitgedanke in den Geschäftsmodellen der Chemikalienwirtschaft.
- Auf den Einsatz fossiler Rohstoffe wird verzichtet, die Rohstoffeffizienz ist maximiert und die Umweltbelastung minimiert.
- Prozessbedingte Treibhausgas-Emissionen sind auf das technisch Mögliche reduziert, unvermeidbare Emissionen ausgeglichen oder stofflich genutzt.
- Die Grundsätze des zirkulären Wirtschaftens sind umgesetzt.
- Chemikalien werden entlang ihres Lebensweges sicher und nachhaltig gehandhabt und eine schadstofffreie Umwelt entsteht.
- Die Chemikalienwirtschaft sichert Menschenrechte, das Wohlergehen der in den Lieferketten tätigen Menschen und ist gerecht.
- Die Chemikalienwirtschaft arbeitet auf Augenhöhe mit globalen Partnern nach internationalen Standards.
- Politische Rahmenbedingungen und eine abgestimmte internationale Chemikalienpolitik fördern die Zukunftsorientierung dieser Industrien.
Und die Chemiebranche ist wichtig. Ein paar Zahlen: In Europa erzielte sie 2024 einen Umsatz von etwa 635 Mrd. €. Knapp ein Drittel davon wurde in Deutschland erwirtschaftet. In Europa stellte die Branche in dem Jahr für 1,2 Mio. Beschäftigte Arbeitsplätze bereit, in Deutschland rund 480.000. Das ist zwar nur ein kleinerer Teil aller Arbeitsplätze im verarbeitenden Gewerbe, doch die Löhne lagen mehr als 40 % über dem Durchschnitt des verarbeitenden Gewerbes in Europa. Allerdings ist die Chemieindustrie abhängig von fossiler Energie und fossilen Rohstoffen, ressourcenintensiv, umweltgefährdend und zudem werden aktuell Produktionsstätten vor allem nach Asien umgelagert.
Lichtblicke aus Sachsen-Anhalt
CEFIC-Generaldirektor Mensink nennt Lichtblicke: “UPM und Verbio sind aktuell positive Vorreiter.“ Die finnische Firma UPM investiert rund 1,4 Mrd. € in ein Bioraffinerie in Leuna, die deutsche Firma Verbio rund 100 Mio. €, um Biodiesel zu Spezialchemikalien zu veredeln. Hier praktizieren Unternehmen bereits die Abkehr von fossilen Rohstoffen. Eine interessanter Nebenaspekt dabei ist, dass sowohl Bitterfeld und Leuna als auch der Sitz des UBA im gleichen Bundesland liegen: Sachsen-Anhalt.
Damit aber der ganze Chemiesektor in der Lage ist, in erneuerbare und kreislauffähige Chemie zu investieren, brauche es, so Mensink, eine stabile Nachfrage nach solchen Chemikalien im Markt. Sprich, Unternehmen müssen sicher sein, dass sie mit ihren Investitionen in Prozesse, die den Input an fossilen Rohstoffen senken oder die Rückführung des Abfalls in den Kreislauf adressieren, auch Geld verdienen können.
Ziel: keine Nachteile für nachhaltige Chemikalien
Doch in der EU sind die Wettbewerbsbedingungen aktuell ungleich. In Gebäuden und im Verkehr werden Bioenergieträger schon länger und vermehrt eingesetzt, auch weil sie gefördert oder quotiert werden. Dies führt aufgrund der begrenzten Verfügbarkeit zu einer Konkurrenz und steigender Zahlungsbereitschaft.
Mensinks Vorschlag: “Die EU sollte biobasierte Chemikalien unabhängig von der Verwendung fördern.” Weitere Möglichkeiten sind aus seiner Sicht mehr Einsatzquoten für erneuerbare Chemikalien oder ein System der Kostenteilung auf der Grundlage der CO2-Bilanzierung. Diese Regelungen müssten zudem so gestaltet werden, dass sie europäischen Herstellern ebenso zugutekommen und nicht lediglich zu mehr Importen führen, so Mensink.
China zielt auf Europas Spezialchemie
„Doch die Zeit drängt“, betont Mensink. Er blickt auf Chinas im März 2026 verabschiedeten 15. Fünfjahresplan. Dieser soll das Land in den Bereichen erneuerbare Energien und grüne Chemie voranbringen. Das Land hat sich in dem Plan vorgenommen, die Produktion beispielsweise von grünem Wasserstoff deutlich zu erhöhen sowie mehr hochwertige Spezialchemikalien herzustellen. „Das sind genau jene Produkte, die hiesige Unternehmen noch nach China exportieren“, so Mensink.
Er erwartet, dass chinesische Firmen in drei, vier Jahren diese Produkte auch in der EU verkaufen wollen. Um dem etwas entgegenzusetzen, müsse die Wirtschaft in der EU stark und fit sein, meint Mensink. Er hofft daher in der EU auf niedrigere Energiekosten, schnellere Genehmigungsverfahren und weniger Bürokratie.

Blick nach vorne
„Die chemische Industrie soll als Schlüsselindustrie in der EU auch künftig eine wichtige Rolle spielen“, betonte Ilka Hirt aus dem Bundesministerium für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMUKN) am Schluss der Konferenz. Damit die Chemiewende in der EU vorangeht, sollte es für Unternehmen auch durch einfache und effektive Regelungen verlässliche Rahmenbedingungen geben, so die neue BMUKN-Unterabteilungsleiterin für Chemikaliensicherheit, Umwelt und Gesundheit. „Gleichzeitig arbeiten wir mit unseren Partnern zusammen an internationalen Übereinkommen, um weltweite Standards zu definieren um den globalen Wettbewerb vergleichbarer zu machen“, fügte sie hinzu.
Und die Chemieindustrie? CEFIC-Generaldirektor Mensink glaubt zwar, dass die europäische Chemieindustrie die Position, die sie einst weltweit innehatte, nicht vollständig zurückgewinnen wird. „Aber wir können ein starker Akteur und ein Sektor bleiben, der einen Mehrwert für Europa schafft.“
Für das UBA blickte Präsident Messner in seinem Fazit nach vorne. „Die Konferenz hat gezeigt, dass wir eine gemeinsame Grundlage für die Gestaltung der Transformation haben.“ Nun müsse beispielsweise die Politik die richtigen Leitplanken definieren und Planungssicherheit für die Industrie schaffen. Und sie müsse den Dialog mit allen Akteuren fortführen, „um zügig Handlungspfade abzustecken, die die Transformation aktiv gestalten und so die Zukunft der Chemikalienwirtschaft in Europa sichern“.




















