Foto: Panthermedia.net/Givaga
Erst die Sabotage an der Nord Stream Pipeline, dann der Anschlag auf die Deutsche Bahn. Innerhalb weniger Tage wurde uns zweimal deutlich gemacht, wie anfällig unsere kritischen Infrastrukturen (abgekürzt oft einfach KRITIS genannt) sind. Und das waren nur die von Menschenhand herbeigeführten Katastrophen. Auch die Natur kann unsere Infrastruktur bedrohen, wie uns nicht erst seit den Überflutungen im Ahrtal 2021 bewusst ist. Auch im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie fiel der Begriff immer wieder. Da stellt sich die Frage: Lässt sich unsere kritische Infrastruktur überhaupt schützen – und wenn ja, wie gelingt das? Wir haben uns dazu umgeschaut und umgehört.
Definition der kritischen Infrastruktur
Prinzipiell kann sich wahrscheinlich jeder so in etwa vorstellen, was kritische Infrastruktur bedeutet. Es geht um Anlagen und Systeme, die für die Bevölkerung überlebenswichtig sind. Das kann die Gesundheit betreffen, aber auch die Sicherheit, Ernährung und Wasser, Verkehrswege oder Energieversorgung.
Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BKK), das für die kritische Infrastruktur zuständig ist, nutzt folgende Definition:
Wichtig ist zudem zu wissen, welche Sektoren und Branchen zur kritischen Infrastruktur zählen. Alle Behörden und Unternehmen, die Bestandteil dieser sind, müssen bestimmte Regeln und Vorgaben erfüllen. Welche das sind, das regelt die KSI Kritis-Verordnung. Je nach Branche gibt es verschiedene Schwellenwerte, ab wann ein Unternehmen das Gesetz befolgen muss. Ein typisches Messkriterium ist die Versorgung von 500.000 Menschen. Kleinere Unternehmen können im Verlauf der Zeit in die kritische Infrastruktur hineinwachsen. So will der Gesetzgeber die Versorgung der Bevölkerung sicherstellen.
Schauen wir uns an, in welche Sektoren das BKK die kritische Infrastruktur einteilt, einzelne Bundesländer können noch weitere Sektoren und Branchen haben, die sie dazu zählen:
- Energie: Elektrizität, Fernwärme, Gas, Mineralöl
- Ernährung: Ernährungswirtschaft, Lebensmittelhandel
- Finanz- und Versicherungswesen: Banken, Börsen, Finanzdienstleister, Versicherungen
- Gesundheit: Arzneimittel und Impfstoffe, Labore, medizinische Versorgung
- Informationstechnik und Telekommunikation: IT, Telekommunikation
- Medien und Kultur: gedruckte und elektronische Presse, Kulturgut, Rundfunk (Fernsehen und Radio, symbolträchtige Bauwerke
- Siedlungsabfallentsorgung nach BSIG: Siedlungsabfallentsorgung (nach UP KRITIS)
- Staat und Verwaltung: Justizeinrichtungen, Notfall-/Rettungswesen einschließlich Katastrophenschutz, Parlament, Regierung und Verwaltung
- Transport und Verkehr: Binnenschifffahrt, Logistik, Luftfahrt, Schienenverkehr, Seeschifffahrt, Straßenverkehr
- Wasser: Öffentlich Abwasserbeseitigung, öffentliche Wasserversorgung
Innerhalb der hier benannten Sektoren und Branchen erbringen die Betreiber sogenannte kritische Dienstleistungen zur Versorgung der Allgemeinheit. Ihre Aufgabe ist – ganz gleich, ob Unternehmen oder Behörde – dafür zu sorgen, dass ihre Anlagen und Einrichtungen zuverlässig funktionieren. Dass das nicht immer funktioniert, haben wir eingangs anhand der Beispiele bereits benannt.
Wodurch wird die kritische Infrastruktur bedroht?
Einige Beispiele, wodurch unsere Infrastruktur bedroht werden kann, haben wir bereits genannt. Hier noch einmal die Bedrohungen im Überblick:
- Naturkatastrophen: Erdbeben, Stürme, Überschwemmungen, Hitzewellen, Waldbrände, kosmische Ereignisse wie Meteoriten, kosmische Energiestürme
- Technisches und menschliches Versagen: Unfälle, Havarien, Fahrlässigkeit, organisatorisches Versagen
- Von Menschenhand herbeigeführte Katastrophen: Kriege, Terroranschläge, sonstige kriminelle Anschläge, Sabotage
- Epidemien und Pandemien: Krankheiten und Tod von Menschen, Pflanzen und Tieren
Alle diese Ereignisse können die kritische Infrastruktur beeinträchtigen, schädigen oder zerstören. Und das auf vielfältige Art und Weise. Oft sind die verschiedensten Sektoren von einem Ereignis bedroht. Eine Pandemie sorgt zum Beispiel für überlastete Krankenhäuser und auch der Sektor Verkehr kann Schaden nehmen, wenn zu viele Busfahrer krank sind, um das Nahverkehrsnetz aufrechtzuhalten.
Störungen in einer kritischen Dienstleistung können zudem zu Störungen oder Ausfällen in anderen Infrastrukturen führen. So können zum Beispiel Störungen im Bereich „Verkehr“ dafür sorgen, dass keine Lebensmittel beim Händler ankommen. Dieser Dominoeffekt kann zudem zu einem Kaskadeneffekt führen. In diesem Fall war der ursprüngliche Ausfall gar nicht so dramatisch, hat jedoch schlimme Auswirkungen auf einen anderen Bereich.
Was kann ich im privaten Bereich dafür tun, um nicht im Falle eines Falles völlig unvorbereitet zu sein? Der Präsident des Medizinischen Katastrophen-Hilfswerk (MHW) Robert Schmitt rät:
Bei diesem schwierigen Geflecht und den gegenseitigen Abhängigkeiten, wird es immer schwieriger, für alle Eventualitäten gewappnet zu sein. Da sollte klar sein, dass es eine hundertprozentige Sicherheit nicht geben kann. Zumal jeder Sektor und jede Branche ganz individuell betrachtet werden muss. In der IT-Branche braucht es ganz andere Schutzmaßnahmen als im Verkehrsbereich, wobei die IT durch die zunehmende Digitalisierung mittlerweile in allen Branchen eine Rolle spielt.
Wie lässt sich die kritische Infrastruktur stärken und schützen?
Die kritische Infrastruktur untersteht in Deutschland dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BKK). Dieses hat verschiedene Methoden entwickelt, die sowohl für Behörden als auch für Unternehmen gelten. Der Schutz der kritischen Infrastruktur umfasst hierbei:
- Identifizierung: Um einen Schutz vorbereiten zu können, müssen erst einmal die kritischen Infrastrukturen bekannt sein. Auf dieser Basis lassen sich Gesetze und Verordnungen entwickeln – zum Beispiel zur Priorisierung der Versorgung im Ernstfall.
- Risikomanagement: Die Maßnahmen zum Schutz der kritischen Infrastruktur müssen bereits erdacht sein, bevor es zum tatsächlichen Ernstfall kommt. Es ist daher eine fortwährende Analyse und Bewertung von Risiken notwendig.
- Integriertes Risikomanagement: Die Konzepte zum Schutz der kritischen Infrastruktur sollten allen Beteiligten bekannt sein, so dass die Notfallpläne für alle Bereiche aufeinander abgestimmt werden können. Es ist daher notwendig, dass kommunale und staatliche Stellen eng mit den Betreibern zusammenarbeiten.
- Krisenbewältigung: Hierzu wurde der Baukasten KRITIS entwickelt, der sozusagen auf Erfahrungswerten basiert. Hier finden sich Vokabular, Methoden und Instrumente der Krisenbewältigung. Auf diese kann zurückgegriffen werden. Er dient zudem dazu, auf zukünftige Ereignisse vorbereitet zu sein.
So viel zur Theorie, in der Praxis zeigt sich jedoch immer wieder, dass eine Störung der kritischen Infrastruktur niemals komplett ausgeschlossen werden kann. Die Deutsche Bahn sagte zum Beispiel zur Sabotage auf die Kabel in Norddeutschland: „Das Schienennetz dauerhaft flächendeckend zu schützen ist nicht möglich“.
Der Grünen-Chef Omid Nouripour indes fordert Verbesserungen und sagte zur Deutschen Presse-Agentur:
Die kritische Infrastruktur darf zudem nicht in ausländische Hände gelangen, verlangt die CDU-CSU-Fraktion im Bundestag und nennt hier das Beispiel Gasspeicher:
Die SPD macht sich indes Gedanken um die Cybersicherheit. Nach Einschätzung von Bundesinnenministerin Nancy Faeser sind in den kommenden Jahren hohe Investitionen notwendig. Gegenüber der Bild sagte sie, sie wolle „20 Milliarden Euro in den Schutz unserer Netze und Systeme investieren. Sicherheit gibt es nicht zum Nulltarif.“
| Schutz kritischer Infrastruktur in unterschiedlichen Sektoren und Branchen |
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