03.07.2013, 09:41 Uhr | 0 |

Nach RTL-Ausstieg Terrestrisches Fernsehen will mit neuen Angeboten durchstarten

Das terrestrische Fernsehen ist in die Jahre gekommen. Die Technik war die erste, die vor über 60 Jahren auf Sendung ging. Trotz der Ankündigung von RTL, aus DVB-T auszusteigen, hat die Technik Zukunftschancen. Der Sendernetzbetreiber Media Broadcast setzt weiter auf DVB-T und den Folgestandard DVB-T2. Damit wären auch HDTV und Pay-TV möglich.

Bernd Kraus, Vorsitzender der Geschäftsführung des Sendernetzbetreibers Media Broadcast
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"Wir würden uns freuen, wenn sich RTL eines Besseren besinnt und bei DVB-T wieder mitmacht." Bernd Kraus, Vorsitzender der Geschäftsführung des Sendernetzbetreibers Media Broadcast.

Foto: Media Broadcast

Bei der Ankündigung von RTL, sich aus der digitalen terrestrischen TV-Verbreitung via DVB-T zurückzuziehen, ging es nicht um eine bundesweite Rückzugsaktion, sondern nur um eine partielle. Der Sender hat längst keine Ambitionen mehr, das "Überallfernsehen" überall anzubieten – ländliche Gebiete wurden nie über die Dachantenne versorgt. Nun will die Senderfamilie nur noch bis Ende nächsten Jahres in den verbliebenen Großstadtregionen terrestrisch unterwegs sein. Auch einige kleinere Veranstalter sind dem RTL-Ausstiegsweg gefolgt, was vor allem betriebswirtschaftliche Gründe hatte.

Daher war es die ProSiebenSat.1-Gruppe, die am 2. April DVB-T noch einmal lebenserhaltende Atemhilfe spendete. "Bis 2018" – so das offizielle Timing – wird weitergesendet. Dabei dürfte sich die Senderfamilie gewisse Wettbewerbsvorteile gegenüber RTL versprechen, ist sie jetzt doch so etwas wie der privatwirtschaftliche Platzhirsch der Terrestrik. Dumpingpreise seitens des Sendernetzbetreibers Media Broadcast soll es für ProSiebenSat.1 nicht gegeben haben. Die meisten DVB-T-Verträge der öffentlich-rechtlichen Sender mit Media Broadcast laufen ebenfalls bis 2018, einige sogar bis 2022.

15 Millionen Zuschauer werden per DVB-T versorgt

Damit hat DVB-T noch eine Gnadenfrist – vielleicht sogar mehr als das. Denn das Hauptargument gegen DVB-T, nicht genügend Nutzer zu haben, mag Bernd Kraus, seit 1. April 2011 Vorsitzender der Geschäftsführung des Sendernetzbetreibers Media Broadcast, nicht gelten lassen. "Man kann doch nicht 5 Mio. Haushalte oder 15 Mio. Menschen, die über diesen Weg versorgt werden, einfach ignorieren. Hinzu kommen noch Millionen Nutzer von Zweit- und Drittgeräten."

Immerhin – in Städten wie München, Bremen oder Berlin liegt die DVB-T-Nutzung bei rund 20 % bis 30 %, ein durchaus beachtenswerter Marktanteil. Manch andere Statistik hält Kraus dagegen für "total lausig, ist doch DVB-T bei den sogenannten werberelevanten Reichweiten systematisch benachteiligt, allein aufgrund der Messmethoden. Zweitgeräte werden kaum berücksichtigt, spielen aber dennoch eine große Rolle." Das dürften die Medienstrategen der ProSiebenSat.1-Gruppe wohl am ehesten begriffen haben. Dabei sind die Zahlen des Digitalisierungsberichts der Medienanstalten für DVB-T deutlich besser, kommen – so Kraus – "damit dichter an das reale Bild ran. Jedenfalls brauchen wir eine saubere Datenbasis, die alle Übertragungswege diskriminierungsfrei abbildet."

DVB-T hat in Berlin und München Marktanteil von bis zu 30 %

Kraus wehrt sich dagegen, dass der Terrestrik immer mehr Spektrum abgeknapst wird. "Man müsste den gesamten Frequenzraum neu ordnen. Und dabei auch den in die Jahre gekommenen klassischen GSM-Mobilfunk nicht außen vor lassen. Würde man das Spektrum hierfür effektiver nutzen, hätten wir eine echte ‚Mobilfunk-Dividende‘."

Noch sind die Rufe der Mobilfunkbetreiber nach der Freigabe des bisher für DVB-T vorbehaltenen 700-MHz-Bandes verhalten. Sie wissen, was auf sie zukommt, wenn eine alternative terrestrische Fernsehversorgung dann durch das Internet über ihre Netze geschehen müsste. Kraus: "Für die Kunden wäre es auf Dauer jedenfalls sehr teuer, hätten sie die Kosten für die Übertragung alleine zu tragen. Jetzt werden sie ja aus dem Rundfunkbeitrag gezahlt."

Und zu einer Gesamtkosten-Betrachtung der Übertragungsstrecken gehörten auch die Aufwendungen für die heimische Infrastruktur, so Satellitenschüssel, Receiver und eben auch ein WLAN-Netz, vom Kabelanschluss ganz zu schweigen, rechnet der Media-Broadcast-Mann vor.

DVB-T2 könnte HD-Fernsehen und mehr Kanäle bieten

Kraus möchte mit seinen Mannen das DVB-T-Netz lieber heute als morgen auf DVB-T2 aufrüsten und rechnet dafür mit einem zweistelligen Millionenbetrag. "Wir könnten so drahtlos HDTV in die Haushalte übertragen oder im gleichen Spektrum mehr Programme unterbringen, eben eine echte digitale Dividende. Schließlich wäre es auch möglich, bei der derzeitigen Programmzahl mit weniger Spektrum auszukommen."

Die Umstellung auf T2 sei bei den Teilnehmern weit weniger aufwändig, als von RTL & Co. prognostiziert. "Viele Geräte sind heute schon technisch dafür ausgestattet. T2-Boxen dürften einschließlich CI-plus-Entschlüsselung unter 100 € kosten. Wer deshalb eine der wichtigsten Infrastrukturen aufs Spiel setzt, vergießt doch nur Krokodilstränen", so Kraus. Und spielt damit auf die RTL-Argumente an, der Umstieg sei den Nutzern nicht zuzumuten. ProSiebenSat.1 hat sich noch nicht auf ein DVB-T2-Szenario eingelassen – was sicherlich nur Sinn macht, wenn auch die Öffentlich-Rechtlichen beim System-Upgrade mitspielen.

Noch ist das Tischtuch zwischen der RTL-Gruppe und Media Broadcast nicht zerschnitten: "Wir würden uns freuen, wenn sich RTL eines Besseren besinnt und bei DVB-T wieder mitmacht, egal
ob mit T1 oder T2", gibt sich Kraus verhandlungsoffen. Allerdings bedarf es eines baldigen "Konsenses der verschiedenen Marktteilnehmer über eine Roadmap zu DVB-T2." Und: "Wir werden für DVB-T HD brauchen, und das geht nur mit T2." Mit DVB-T2 hätten auch private Anbieter viele Vorteile, es könnten zum Beispiel Premium-Inhalte verschlüsselt und verkauft werden. Dann würde es eine Plattform für zwei Welten geben, nämlich eine frei empfangbare für die öffentlich-rechtlichen Sender und eine verschlüsselte für die privaten, wie es beim Satelliten auch der Fall ist.

Koppelung von DVB-T und Breitbanddiensten

Bevor es aber dazu kommt, möchte Media Broadcast schon jetzt mit dem Projekt Hybrid-TV durchstarten, also der Kopplung von DVB-T mit Breitbanddiensten. Über HbbTV, das Hybrid Broadcast Broadband TV, kommt es mit dem neusten Angebot der Media Broadcast, der Multithek, zur Kombination von terrestrischem Fernsehen mit interaktiven, also nichtlinearen Diensten via Internet. Dazu gehören zum Beispiel die Mediatheken von ARD und ZDF sowie weitere Angebote von über 30 namhaften Partnern wie stern.de oder den Musik-TV-Sender QTom. Das gibt es allerdings noch nicht überall, sondern zunächst nur in zehn deutschen Ballungsräumen, weitere sollen folgen.

Kritisch sieht Kraus den Hype um das mobile Fernsehen, etwa über den Mobilfunkstandard LTE. "Wer läuft schon fernsehend über eine Straße? Oder beim Skaten? Und selbst im Taxi muss ich nicht übers Mobilfunknetz fernsehen, mit DVB-T bin ich da besser und deutlich günstiger bedient." Wenn Mobilfunker auf derzeitigen Rundfunkfrequenzen aber künftig selbst Rundfunk übertragen wollen, was mit eMBMS (Evolved Multimedia Broadcast Multicast Service), Tower Overlay über LTE oder ähnliche Techniken möglich sei, "dürfte das aber insgesamt deutlich ineffizienter und vor allem wesentlich teurer als Broadcast sein, und zwar um Faktoren teurer".

So ist es für Kraus "eine fixe Idee", über LTE lineares Fernsehen verbreiten zu wollen, die zudem außerhalb von Deutschland kaum verbreitet sei. Zudem seien die Datenraten so limitiert, dass Fernsehen nicht mehr beliebig möglich werde. Auch seien "echte mobile Broadcast-Techniken" längst noch nicht standardisiert. Vor 2020 dürften keine Geräte draußen sein. Auf der anderen Seite könnte es dann einen Rollout von DVB-T2 geben – zumindest außerhalb Deutschlands.

Ob und wann das hierzulande passiert, ist eine offene Frage, auf die es nicht nur bei Media Broadcast noch keine Antwort gibt. "Allerdings laufen recht gedeihliche Gespräche, die hoffentlich einen positiven Ausgang haben", so Kraus. Und er bedauert, dass die Nutzer zu alledem nicht gefragt werden. 

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Von Rainer Bücken | Präsentiert von VDI Logo
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