05.11.2014, 12:00 Uhr | 0 |

Finanzierung Immer mehr Verlage investieren in Start-ups

Als Wagniskapital-Geber nehmen Verlags- und Medienhäuser inzwischen eine wichtige Rolle in der Frühphasen-Förderung von Start-ups ein. Einige bieten komplette Accelerator-Programme. Mittlerweile gibt es erste Zusammenschlüsse, in denen sich Verlage das Beteiligungsrisiko teilen. Andere steigen erst in der Wachstumsphase ein, um die Ausfallrisiko in der Frühphase zu umgehen.

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Hausbesetzer-Ästhetik: Der Accelerator des Axel Springer Verlags in Berlin wirkt chaotisch, spuckt aber im Dreimonats-Rhythmus neue Unternehmen aus.

Foto: S. Herbst

Ein altes Sprichwort besagt: „Nur Narrenhände beschmieren Tisch und Wände“. Wenn das stimmt, dann ist der „Axel Springer Plug and Play Accelerator“ in der Berliner Markgrafenstraße 12 ein Haus der Narren. Gründerteams arbeiten hier im Großraumbüro, dessen Wände über und über mit Sätzen und Parolen bepinselt sind. Alte Hausbesetzer-Ästhetik als kreatives Umfeld für Jungunternehmer.

Narretei – darin sind sich Beobachter innerhalb und außerhalb des Verlagswesens einig – ist das Accelerator-Programm von Springer aber mitnichten. Der Verlag wettet auf die Zukunft der Gründerteams. Je 25.000 Euro Startkapital erhalten sie. In der dreimonatigen Accelerator-Phase bekommen sie außerdem Coachings, Workshops, Zugang zum Verlagsnetzwerk und Büroräume. Im Gegenzug dafür überlassen die Teams der Mediengruppe je 5% Unternehmensanteile. Aktuell arbeitet schon die vierte „Gründerklasse“ im „Plug and Play Accelerator“.

Schon bald soll ein Spezialprogramm für Gründer mit Ideen rund um vernetzte Fahrzeuge starten. Der Verlag ist auf Trüffelsuche im Zukunftsmarkt „Connected Car“ – und stellt dabei explizit Bezüge zu seinen Titeln „Auto Bild“ und „Computer Bild“ her. Teilnehmende Teams können auf ein breites Medienecho spekulieren. Der Verlag gewährt nach eigenen Worten „Zugang zum außergewöhnlichen Netzwerk aus Autoherstellern und Zulieferern sowie zur Testinfrastruktur und zum Know-how der Redaktionen“.

Axel Springer SE ist beileibe nicht das einzige Verlagshaus, das Zukunftschancen in der Beteiligung an jungen Wachstumsunternehmen sieht. Ob Bertelsmann oder Burda, M. DuMont Schauberg oder die Verlagsgruppe Holtzbrinck, ob Gruner+Jahr, Bauer Media oder der auf Hochglanzmagazine im Modebereich spezialisierte Condé Nast Verlag – alle haben sie Wagniskapital beiseite gelegt, mit dem sie sich an vielversprechenden Start-ups beteiligen. Selbst vergleichsweise kleinere Häuser wie die Oldenburger Nordwest-Zeitung Verlagsgesellschaft, die Rheinische Post oder die Mediengruppe Oberfranken halten Beteiligungen an Start-ups. Und nicht zuletzt sind Musikverlage wie Universal Music oder TV-Konzerne wie die ProSiebenSat.1 Group im Beteiligungsmarkt aktiv – Letztere wie Springer mit einem eigenen Accelerator-Programm und mit ihrer VC-Sparte SevenVentures. Teils nehmen die Start-ups nach der Beschleunigungsphase im Accelerator direkt die Kurve zur Finanzierung durch SevenVentures. Gelungen ist dies beispielsweise dem Team von TinkerBots (früher „Kinematics“, s. VDI nachrichten 7/2013) mit seinen modularen Robotersystem für das Kinderzimmer.

Längst nicht alle Investments haben eine Verbindung zum Verlagsgeschäft

Robotik, Brillengläser, Lebensmittelportale oder Windelversand – bei so manchem Geschäftsmodell, in das die Verlags- und Medienhäuser investieren, fehlt die unmittelbare Verbindung zu deren Kerngeschäft. Doch es gibt auch naheliegende Investments, mit denen sie ihr zunehmend digitales Geschäft diversifizieren, sich per Beteiligung Zugang zu neuen Verbreitungstechnologien für ihre Inhalte verschaffen oder verlorenes Terrain im Anzeigenmarkt zurückerobern. Beispiele für Letzteres sind Immobilien- und Gebrauchtwagenportale oder Partner- und Jobbörsen, von denen es in den Beteiligungsportfolios nur so wimmelt. Daneben haben Gründer von Video-, TV-, Radio-, Musik- oder Debatten-Streamingdiensten sowie eLearning-Anbieter gute Aussichten auf VC-Beteiligung aus der Verlagsbranche. Gleiches gilt für Game- und App-Entwickler, für Cloud-Services, Webanalyse- und Verschlüsselungstools sowie für mobile Bezahl- und Informationsdienste. Auch Ratgeber-Portale und Onlineshops jedweden Inhalts, von Mode über Möbel bis Reisen, Medizin, Liebe und Elternschaft, sind im Visier der verlagseigenen Beteiligungsgesellschaften.

Mittlerweile gibt es etliche Beispiele erfolgreicher Exits. Allein die Holtzbrinck Gruppe, die auch am VDI Verlag beteiligt ist, hat im letzten Jahrzehnt drei Dutzend Start-ups durch deren Startphase begleitet und die Beteiligungen verkauft, als sie zu weithin bekannten Marken gereift waren. Beispiele sind MyHammer, Groupon, Parship.de, Bol.com oder Buecher.de. Auch beim Börsengang vom Online-Versandhändler Zalando standen mit Holzbrinck Ventures und SevenVentures zwei Medien-Investoren im Hintergrund.

Weil seriöse Erfolgsprognosen in der Frühphase von Unternehmensgründungen kaum zu treffen sind, bemühen sich die Verlage um Risikominimierung. Der Axel Springer Verlag streut das Risiko, indem er mit vergleichsweise wenig Geld bei vielen Teams einsteigt. Starten von den bisher knapp 50 finanzierten Start-ups nur zwei bis drei durch, geht das Geschäft auf.

Verlagshäuser schließen sich in Investment-Gesellschaften zusammen

Gruner+Jahr wählt eine andere Strategie: Der Verlag hat sich bisher vor allem an bereits gereiften Jungunternehmen mit solider Kundenbasis beteiligt. Burda geht andere Wege – die verlagseigene Burda Digital Ventures ging vor Jahren mit ihrem Beteiligungsportfolio in der Acton Capital Partners GmbH auf, die mittlerweile zwei Fonds (Heureka I + II) aufgelegt hat. Darin ist Burda Media ein bedeutender, aber nicht mehr der einzige Investor. Noch weiter treiben die Verlage M. DuMont Schauberg, Publicis, die Mediengruppe Oberfranken sowie die Rheinische Post und die Nordwest-Zeitung Verlagsgesellschaft die Risikoverteilung: Gemeinsam mit der NRW-Bank, Hahn Air, Universal und weiteren Geldgebern haben sie in den „Multi-Company Venture Fund“ von Capnamic Ventures eingezahlt. Wobei Letztere mittlerweile auch das Portfolio von DuMont Ventures managt – in dem sich zuletzt 14 Start-ups befanden. Darunter die Streamingdienste Simfy, Radio.de und Livedome.

Viele deutsche Verlage haben das Internet spät als disruptive Technologie erkannt, die ihre traditionellen Geschäftsmodelle bedroht. Mittlerweile haben sie reagiert und sich die große Schwäche der potenziellen Wettbewerber zunutze gemacht: Kapitalmangel. Und so können sie deren Erfolgen beruhigt zusehen – denn damit steigt nun auch der Wert ihrer Beteiligungen.

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Von P. Trechow | Präsentiert von VDI Logo
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