Geopolitische Spannungen 14.03.2026, 08:00 Uhr

Krieg am globalen Nadelöhr: Warum Europas Medikamentenversorgung wackelt

Engpass bei Arzneimitteln: Der Iran‑Krieg und die Sperrung der Straße von Hormus bedrohen Lieferketten und Europas Medikamentenversorgung.

Medikamente

Die globale Arzneimittelversorgung ist stark von internationalen Lieferketten abhängig – Konflikte wie der Krieg im Iran können diese empfindlich stören.

Foto: picture alliance / Westend61/Gaby Wojciech

Der Krieg im Iran zeigt einmal mehr, wie verwundbar globale Lieferketten geworden sind. Seit der Eskalation des Konflikts ist eine der wichtigsten Handelsrouten der Welt dicht: die Straße von Hormus. Durch diese schmale Meerenge zwischen Iran und Oman verläuft ein erheblicher Teil des internationalen Handels. Schiffe stauen sich, Reedereien stellen Fahrten ein, und Versicherungen verlangen hohe Risikoaufschläge.

Versorgung mit Medikamenten gefährdet?

Die wirtschaftlichen Folgen sind bereits spürbar. Vor allem die steigenden Energiepreise und unterbrochene Transportwege treffen Industrie und Logistik weltweit. Experten warnen zudem, dass solche geopolitischen Krisen auch die Versorgung mit Medikamenten gefährden können. Denn ein Großteil der Wirkstoffe, die für Arzneimittel benötigt werden, wird heute außerhalb Europas hergestellt – häufig in Asien. Wenn der Transport nicht mehr möglich ist oder große Umwege nötig sind, steigert das die Produktionskosten, gegebenenfalls die Lieferzeiten und kann sich schnell auch in europäischen Apotheken bemerkbar machen.

Der aktuelle Konflikt ist damit nicht nur eine politische Krise, sondern auch ein Beispiel für ein strukturelles Problem: die zunehmende Abhängigkeit der europäischen Arzneimittelversorgung von globalen Lieferketten.

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Ursachen für die Produktionsverlagerung von Arzneimitteln

Noch vor wenigen Jahrzehnten wurden viele Arzneimittelwirkstoffe in Europa oder Nordamerika produziert. Doch seit den 1990er-Jahren hat sich die Pharmaindustrie stark globalisiert. Immer mehr Produktionsschritte wurden in Länder mit niedrigeren Kosten verlagert, vor allem nach China und Indien.

Dafür gibt es mehrere Gründe. Zum einen sind Arbeitskosten in vielen asiatischen Ländern deutlich niedriger. Zum anderen gelten dort häufig weniger strenge Umweltauflagen für die chemische Produktion. Gerade bei der Herstellung von Wirkstoffen – den sogenannten Active Pharmaceutical Ingredients (API) – entstehen chemische Abfälle, deren Entsorgung teuer sein kann.

In Europa wird oft nur verpackt

In der Folge verlagerte sich ein großer Teil der Wirkstoffproduktion nach Asien. Indien etwa hat sich zu einem globalen Zentrum für Generika entwickelt und beliefert zahlreiche Märkte weltweit. Es verwundert also nicht, dass ein erheblicher Anteil der Wirkstoffe für preisgünstige Medikamente aus China oder Indien stammt.

Für Europa bedeutet das: Viele Arzneimittel werden zwar in europäischen Fabriken abgefüllt, aber die Ortsangaben vermitteln eine trügerische Sicherheit, da die entscheidenden Bestandteile häufig aus anderen Teilen der Welt kommen. Entsprechend kritisch kann die Situation bei Versorgungsproblemen werden.

Welche Medikamente besonders betroffen sind

Lieferengpässe betreffen häufig gerade solche Medikamente, die alltäglich benötigt werden. Dazu zählen zum Beispiel Antibiotika, Schmerzmittel oder bestimmte Kinderarzneimittel.

Ein Grund liegt in der Struktur des Marktes: Viele dieser Medikamente sind sogenannte Generika – also Nachahmerpräparate, deren Patentschutz längst abgelaufen ist. Weil sie besonders preisgünstig sein sollen, ist der wirtschaftliche Druck auf die Hersteller hoch.

Schon ein Ausfall reicht für den Engpass

Das hat Folgen für die Produktion. Oft gibt es weltweit nur wenige Fabriken, die bestimmte Wirkstoffe herstellen. Fällt eine dieser Produktionsstätten aus – etwa wegen Qualitätsproblemen, Lieferengpässen bei Rohstoffen oder politischer Krisen – kann sich das schnell global auswirken.

Hinzu kommen Besonderheiten nationaler Gesundheitssysteme. In Deutschland etwa spielen Rabattverträge zwischen Krankenkassen und Herstellern eine wichtige Rolle. Sie sorgen für niedrige Preise, können aber auch dazu führen, dass sich nur wenige Anbieter an der Produktion beteiligen. Wenn dann ein Hersteller ausfällt, hat das bereits große Auswirkungen.

Was passiert, wenn die Straße von Hormus länger gesperrt ist?

Für die Pharmaindustrie hat die Sperrung mehrere Konsequenzen. Erstens verteuert sich die Produktion chemischer Wirkstoffe, unabhängig vom Herstellungsort, weil die Energiekosten in die Höhe schießen. Zweitens steigen grundsätzlich die Kosten für die Logistik. Dabei sind Wirkstoffe, die aus Asien kommen, besonders stark betroffen. Drittens könnten wichtige Rohstoffe oder Verpackungsmaterialien knapp werden.

Es ist daher nicht verwunderlich, dass Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) in einem Interview mit dem Nachrichtenportal Politico sagte, sie rechne damit, dass eine länger anhaltende Blockade der Straße von Hormus im Zuge des Iran-Kriegs auch Auswirkungen auf die Arzneimittelversorgung insgesamt haben könnte.

Hinzu kommt ein weiterer Faktor: die Komplexität moderner Lieferketten. Ein einzelnes Medikament kann Bestandteile aus mehreren Ländern enthalten. Wird an einer Stelle der Kette ein Glied unterbrochen, kann das die gesamte Produktion verzögern. Es lässt sich daher gar nicht eingrenzen, welche Arzneimittel letztlich betroffen sein werden.

Politische Reaktionen in Europa

Die Diskussionen über Arzneimittelengpässe und globale Abhängigkeiten sind nicht neu. Schon während der Corona-Pandemie wurde deutlich, wie abhängig viele Länder von internationalen Lieferketten sind.

Seitdem bemühen sich Politik und Industrie, die Versorgung widerstandsfähiger zu machen. In der Europäischen Union gibt es Initiativen, kritische Arzneimittel stärker zu überwachen und Produktionskapazitäten in Europa auszubauen.

Der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) fordert als Reaktion auf die aktuelle Krise eine grundlegende Neuausrichtung der Arzneimittelpolitik.

Ideen: Vorräte anlegen und Anlagen fördern

Auch nationale Regierungen diskutieren Maßnahmen, etwa strategische Vorräte bestimmter Medikamente oder Förderprogramme für Produktionsanlagen. Ziel ist es, Abhängigkeiten von einzelnen Lieferanten zu reduzieren.

Gleichzeitig versuchen Pharmaunternehmen, ihre Lieferketten zu diversifizieren. Statt nur einen Hersteller für einen Wirkstoff zu nutzen, sollen künftig mehrere Produktionsstandorte aufgebaut werden – idealerweise in verschiedenen Regionen der Welt.

Kann die Produktion nach Europa zurückkehren?

Eine vollständige Rückverlagerung der Pharmaindustrie nach Europa gilt jedoch als unwahrscheinlich. Der Aufbau neuer Produktionsanlagen ist teuer und dauert Jahre.

Zudem sind die Produktionskosten in Europa deutlich höher als in vielen asiatischen Ländern. Gerade bei günstigen Generika könnten die Medikamentenpreise dadurch erheblich steigen – was eine große Belastung fürs Gesundheitssystem wäre.

Experten gehen deshalb davon aus, dass die Zukunft eher in einem gemischten Modell liegt: Ein Teil der Produktion könnte wieder nach Europa zurückkehren, während andere Produktionsschritte weiterhin international verteilt bleiben. Das Ziel wäre eine robustere Lieferkette, mit mehreren Produktionsstandorten und geringerer Abhängigkeit von einzelnen Regionen.

Zahlen & Fakten

  • 60–80 % der Medikamente in Europa enthalten Wirkstoffe aus China oder Indien.
    Damit ist ein Großteil der europäischen Arzneimittelproduktion von asiatischen Lieferketten abhängig.
  • Rund 65–70 % der Wirkstoffe, die Europa benötigt, werden aus China und Indien importiert.
    Die Produktion hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stark nach Asien verlagert.
  • Bei Antibiotika liegt der Schwerpunkt besonders stark in Asien:
    47 % der Produktionsstandorte befinden sich in China, 27 % in Indien, nur etwa 23 % in Europa.
  • Für viele wichtige Wirkstoffe gibt es nur wenige Hersteller weltweit.
    Teilweise existieren nur ein bis fünf Produzenten für einzelne APIs, was Lieferketten besonders anfällig macht.

Ein Beitrag von:

  • Julia Klinkusch

    Julia Klinkusch ist seit 2008 selbstständige Journalistin und hat sich auf Wissenschafts- und Gesundheitsthemen spezialisiert. Seit 2010 gehört sie zum Team von Content Qualitäten. Ihre Themen: Klima, KI, Technik, Umwelt, Medizin/Medizintechnik.

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