Der VW-Schock: Was die geplanten Werksschließungen für Deutschland bedeuten
VW plant Werksschließungen in Deutschland und massiven Stellenabbau. Zehntausende Jobs bedroht, ganze Regionen unter Druck – wie weit gehen die Sparpläne?
Eine Fahne der IG Metall spiegelt sich in einem VW VW plant den radikalen Sparkurs: Vier Werke stehen vor dem Aus, Zehntausende Jobs sind bedroht. Der Widerstand wächst.
Foto: picture alliance/dpa | Hendrik Schmidt
Der Aufsichtsrat der Volkswagen AG berät am Donnerstag in einer Sitzung darüber, wie er sich die Zukunft von Deutschlands größtem Autobauer vorstellt. Weniger Modelle mit weniger Modellvarianten sollen die Kosten senken. Vor allem aber: Werksschließungen und massiver Stellenabbau sollen den VW-Konzern profitabler machen und die Margen mittelfristig auf 9 % heben.
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Vier Werke sollen schließen, Zehntausende Beschäftigte betroffen
Konkret bedeutet das: Die Werke Hannover, Emden, Zwickau und Neckarsulm sollen geschlossen werden. In Zwickau und Emden soll die Produktion in 2031 auslaufen, bei VW Nutzfahrzeuge in Hannover 2032 und 2034 bei Audi in Neckarsulm.
In den von Schließung betroffenen Produktionsstätten arbeiten in Summe rund 46.000 Beschäftigte. Doch der Stellenabbau geht darüber hinaus: In der Technischen Entwicklung stehen weitere 15.000 Stellen akut auf der Kippe, die Zahl der Managementpositionen soll von derzeit weltweit 21.500 auf 16.000 abgebaut werden. Auch wenn genaue Zahlen noch nicht öffentlich bekannt gegeben werden, gehen laut Bild-Zeitung interne Planungen von weltweit rund 140.000 Arbeitsplätzen aus, die betroffen sein könnten. Ein Großteil von ihnen sind durch die Werksschließungen in Deutschland betroffen, der Volkswagen-Konzern beschäftigte Ende 2024 knapp 300.000 Mitarbeitende im Bundesgebiet.
Kontroversen auch in VW-Aufsichtsrat
Es ist davon auszugehen, dass die Entscheidungen auch im VW-Aufsichtsrat durchaus kontrovers diskutiert worden sind. Dieser besteht aus 20 Mitgliedern, zur Hälfte aus Vertretern der Anteilseigner, zwei davon aus dem Land Niedersachsen. Die andere Hälfte des Aufsichtsrats besteht aus Arbeitnehmervertretern, wovon sieben von den Beschäftigten gewählte Arbeitnehmer sind.
Mitte Juni jedoch nahm überraschend und kurzfristig Aufsichtsrätin Susanne Wiegand, Ex-CEO des Rüstungskonzerns Renk, ihren Hut, als das Thema „Kostensenkung“ auf der Agenda des Aufsichtsrats stand. Dem Nachrichtenmagazin Spiegel begründete sie ihren Schritt mit den Worten: „Ich habe nach gründlicher Abwägung der Gesamtumstände entschieden, nicht zu kandidieren.“
Wiegand galt als die einzige unabhängige Kontrolleurin in dem Gremium. Das erlaubt zumindest theoretisch Rückschlüsse darauf, dass Wiegand den eingeschlagenen Kurs von VW wohl nicht mittragen wollte. In wie weit Wiegands Weggang die Beschlussfähigkeit des VW-Aufsichtsrats einschränkt, wird sich zeigen.
Proteste gegen VWs Sparpläne
An allen Standorten des VW-Konzerns kam es im Tagesverlauf zu Kundgebungen von Arbeitnehmern, IG-Metall und Betriebsrat. Ihre Proteste richten sich natürlich gegen Werksschließungen und den massiven Stellenabbau. An den von Schließung betroffenen Standorten waren die Proteste besonders laut. Hannover mit rund 15.000 Beschäftigten setzt zumindest noch einen Funken Hoffnung in das Batteriefertigungswerk, das VW dort gerade hochzieht und aller Voraussicht nach weiter betreiben wird.
An anderen Standorten sieht es noch düsterer aus, z.B. in Zwickau. VW ist der größte Industriearbeitgeber in Sachsen mit 8000 Beschäftigten, weitere 20.000 arbeiten bei Zulieferern. Fallen deren Gehälter weg, betrifft das auch den Einzelhandel und das Gaststättengewerbe. „Für die Region wären die Folgen enorm“, sagte Sachsens Wirtschaftsminister Dirk Panter (SPD) gegenüber der Tagesschau. „Eine Schließung wäre für die Region unvorstellbar und deshalb kämpfen wir auch dagegen. Mit allem, was wir haben.“
Die Region Emden kämpft ums Überleben
Ähnlich sieht es in dem eher strukturschwachen Emden aus. VW ist dort mit knapp 8000 VW-Mitarbeitern der größte Arbeitgeber und hat zahlreiche Zulieferer, die direkt von VW abhängig sind. Experten gehen sogar davon aus, dass bei einem VW-aus in Emden fast alle Zulieferer von der sofortigen Insolvenz betroffen sein könnten. So macht etwa der Wolfsburger Systemdienstleister Schnellecke knapp 70 % seines Jahresumsatzes von 1,3 Mrd. € mit VW. Fällt zumindest ein großer Teil davon weg, steht auch dieses Unternehmen vor Problemen. Focus Finanzen schrieb bereits im August 2024: „Das Schicksal Emdens hängt von der Entwicklung bei Volkswagen ab wie ein Säugling von der Muttermilch.“
Die Stadt Emden konnte bislang mit etwa 30 Mio. € bis 35 Mio. € Gewerbesteuereinahmen von VW und dessen Zulieferern rechnen. Fallen diese Einnahmen aus, wird es knapp im Stadtsäckel. Der Gürtel muss enger geschnallt werden, was wiederum auch die Bürger der Stadt und ihrer Umgebung zu spüren bekommen, die dann auf einige Investitionen und bislang gesponserte Veranstaltungen verzichten müssen. Einen Vorteil hat Emden jedoch gegenüber anderen VW-Standorten: Im Gegensatz zu diesen hatte Emden auf eine Vorauszahlung der Gewerbesteuern durch den Autobauer verzichtet, die Stadt muss deshalb nichts zurückzahlen.

Doch der Jubel darüber dürfte sich in Grenzen halten, denn da ist ja noch der Emdener Hafen. Rund 10.000 Menschen arbeiten dort, die vor allem eines machen: VW-Teile von den Schiffen und auf die Schiffe laden. Dafür hat die Stadt hat eigens einen Zulieferpark gebaut, wo sie den VW-Zulieferern günstig Flächen überlässt. Der würde dann brach liegen, Einnahmen daraus würden wegbrechen. Und viele Hafenarbeiter hätten plötzlich viel weniger zu tun.
Zudem ist der Hafen doppelt gebeutelt, denn auch dem zweitgrößten Arbeitgeber der Region – der Mayer-Werft im 60 km entfernten Papenburg – geht es längst nicht so gut wie noch vor der Corona-Krise. Auch für die Mayer-Werft war und ist der Emdener Hafen ein Umschlagsplatz für Zubehörteile für den Schiffbau. Doch seit der Krise im Schiffbau sinkt auch in Papenburg die Zahl der Neubauverträge. Und damit sinken auch die Hafenumschläge. Und die Steuereinnahmen.
Werksschließungen und Massenentlassen kein Selbstläufer
Die Pläne des VW-Konzerns dürften alles andere als ein Selbstläufer werden, dafür sind die Widerstände selbst im Aufsichtsrat zu groß. Die Hälfte des Aufsichtsrats besteht aus Arbeitnehmervertretern, die den Plänen naturgemäß wenig gewogen sein dürften. Die IG-Metall-Chefin Christiane Brenner ist sogar stellvertretende Vorsitzende des VW-Aufsichtsrats. In einer gemeinsamen Stellungnahme mit dem VW-Betriebsrat sagte sie vorab: „Sollten solche Pläne vorangetrieben werden, würden wir sie mit aller Macht verhindern. Angriffe auf das VW-Gesetz, die Mitbestimmung und unsere Standorte sind unverantwortliche Drohungen.“
Und dann gibt es ja noch die Vertreter des Landes Niedersachsen – das mit 20 % der Stimmrechte an VW beteiligt ist und bei wichtigen Entscheidungen ein Veto-Recht besitzt – die ebenfalls im Aufsichtsrat sitzen. Das Land Niedersachsen werde keiner Entwicklung zustimmen, die auf Werksschließungen als vermeintlich einfache Lösung setze oder die bewährte Mitbestimmung infrage stelle, teilte Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) und seine Stellvertreterin Julia Willie Hamburg (Grüne) vor der Aufsichtsratssitzung mit. Damit steht der VW-Konzern vor dem Problem, dass im Aufsichtsrat die Gegner der Sparmaßnahmen in der Überzahl sind.
„Endgegner“ Porsche/Piëch
Doch der „Endgegner“ ist die Familie Porsche/Piëch. Sie ist die mächtigste Familie in der deutschen Autoindustrie, sitzt in den Aufsichtsräten von Porsche und VW und ohne ihre Zustimmung kann keine wesentliche Entscheidung getroffen werden. Im Wolfsburger Volkswagenkonzern verfügt die börsennotierte Holding Porsche SE, in der die Familien das Sagen haben, heute über 53 % der Stimmrechte. Doch noch haben Porsche/Piëch ihre mächtige Stimme nicht erhoben.
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