Reaktion auf schwachen Markt 20.11.2025, 12:32 Uhr

2300 Jobs weg: MAN richtet sich neu aus – IG Metall warnt

MAN streicht 2300 Stellen. Warum auch Salzgitter betroffen ist und wieso die IG Metall viel größere Risiken sieht.

MAN

Schwarze Wolken: MAN reagiert auf schwachen Markt. Gewerkschaft und Betriebsrat fürchten tiefere Einschnitte.

Foto: picture alliance/dpa | Peter Steffen

MAN greift zum Rotstift. Der Nutzfahrzeughersteller will in Deutschland über die nächsten zehn Jahre hinweg rund 2300 Stellen streichen. Der Prozess soll ohne Kündigungen und sozialverträglich laufen, wie das Unternehmen betont. Doch Gewerkschaft und Betriebsrat sehen das anders. Sie sprechen von einem schleichenden Rückzug aus deutschen Werken – und von Risiken, die weit über den aktuellen Schritt hinausgehen.

Langsamer Stellenabbau ohne Entlassungen, aber nicht ohne Folgen

Der geplante Abbau verteilt sich auf mehrere Standorte. München verliert laut MAN 1.300 Stellen, Salzgitter 600 und Nürnberg 400. Kündigungen soll es keine geben. Das Unternehmen setzt auf natürliche Fluktuation und verrentete Mitarbeitende. Gleichzeitig betont MAN, man bleibe ein „heimischer Nutzfahrzeughersteller“ und halte an allen deutschen Produktionsstandorten fest.

Ein Sprecher formuliert es so: „Wir gehen jetzt in eine Hochinvestitionsphase und müssen anhaltend Gewinne erwirtschaften, um unser Produktportfolio auszuweiten.“ Nach eigener Aussage will MAN weiterhin einstellen. Insgesamt sollen am Ende rund 13.000 Beschäftigte in Deutschland bleiben. Über die nächsten fünf Jahre will der Konzern eine Milliarde Euro in München, Nürnberg, Salzgitter und Wittlich investieren.

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IG Metall sieht größere Gefahr – und andere Zahlen

Die Gewerkschaft IG Metall bewertet die Lage deutlich kritischer. Ihre Einschätzung fällt härter aus – sowohl bei der Zahl der bedrohten Arbeitsplätze als auch beim Blick in die Zukunft. Für München rechnet sie langfristig mit bis zu 2000 Stellenverlusten, für Nürnberg mit rund 500. In Salzgitter decken sich die Erwartungen der Gewerkschaft in etwa mit den Angaben des Konzerns.

Die Differenz erklärt die IG Metall damit, dass sie nicht vom aktuellen Personalstand ausgeht, sondern vom höheren Niveau aus dem bestehenden Zukunftstarifvertrag. Zudem sorgen geplante Verlagerungen nach Polen für zusätzliche Unsicherheit.

Sybille Wankel von der IG Metall erläutert: „Niemand verliert heute seinen Arbeitsplatz, aber perspektivisch bedeutet die Entscheidung, dass der MAN-Truck der Zukunft in Polen gebaut wird und nicht in München.“ Sie fürchtet, dass mit der Zeit nicht nur einzelne Produktionsschritte, sondern komplette Wertschöpfungsketten nach Krakau abwandern.

Krakau als neues Zentrum und ein Problem für Forschung und Entwicklung?

Hintergrund ist der Aufbau eines neuen Produktionssystems im Traton-Konzern, zu dem MAN gehört. Krakau soll zentrale Komponenten für mittelgroße und schwere LKW fertigen. Die Plattform dafür entsteht aktuell in Polen. Aus Sicht der IG Metall hat dieser Schritt Folgen, die weit über die Produktion hinausreichen könnten. Die Gewerkschaft sieht auch Arbeitsplätze in Forschung und Entwicklung in Gefahr, die formal im Mutterkonzern Traton verankert sind.

Die Sorge des Betriebsrats richtet sich nicht nur gegen den heute sichtbaren Abbau, sondern gegen mögliche Zukunftsszenarien: Wenn alle Teile eines LKW in Polen gefertigt werden und München nur noch montiert, kann später auch die Montage infrage stehen.

Karina Schnur, Gesamtbetriebsratsvorsitzende, formuliert es deutlich: „Ich bin entsetzt über das Verhalten des Unternehmens. […] Das ist ein Schlag ins Gesicht der Menschen, die sich hier in München für ihre MAN tagtäglich mit voller Kraft einsetzen.“

Markt schwächelt und der Wettbewerb drückt

MAN begründet die Einschnitte mit dem Marktumfeld. Die Nachfrage nach LKW in Deutschland sinkt seit längerem. Dazu kommen hohe Energiepreise, steigende Personalkosten und wachsender Druck aus Asien. Das drückt auf die Rendite. Gleichzeitig muss MAN in die Elektrifizierung seiner Flotte investieren. Die Branche steht am Beginn einer weitreichenden Transformation, die hohe Investitionen erfordert.

Das Unternehmen argumentiert: Der Stellenabbau falle geringer aus als die Zahl der Mitarbeitenden, die in den kommenden Jahren regulär ausscheiden. Wachstum in einzelnen Bereichen ist also möglich, wenn Fähigkeiten oder Profile gebraucht werden.

IG Metall kündigt „Werkzeuge“ an – mögliche Eskalation

Der bayerische IG-Metall-Chef Horst Ott stellt klar, dass die Gewerkschaft nicht vor einer Auseinandersetzung zurückschreckt. Er sagt: „Das hochzueskalieren hilft keinem – aber er muss wissen, dass wir es tun.“

Wie eine Eskalation aussehen könnte, lässt Ott offen. Er betont aber, die IG Metall habe „für jedes Problem das richtige Werkzeug“. Gemeint sein dürften Demonstrationen, Arbeitsniederlegungen oder tarifpolitischer Druck.

Deutsche Industrie verliert 120.000 Jobs

MAN steht nicht alleine da in der Branche: Ende des dritten Quartals arbeiteten laut Statistischem Bundesamt rund 5,43 Millionen Menschen in der Industrie – ein Minus von 120.300 Jobs innerhalb eines Jahres. Das entspricht 2,2 %.

Die Zahlen zeigen, wo es brennt: Maschinenbau, Chemie, Elektrotechnik und vor allem Metall stehen unter Druck. In der Metallerzeugung und -bearbeitung gingen 5,4 % der Stellen verloren. Bei Herstellern von Datenverarbeitungs- und Optikgeräten waren es 3,0 %. Der Maschinenbau rutschte um 2,2 % auf 934.200 Beschäftigte ab. Chemie und elektrische Ausrüstung verzeichneten kleinere Rückgänge. Nur die Nahrungsmittelindustrie legt zu – um 1,8 % auf 510.500 Beschäftigte.

„Es ist noch nicht zu spät“

Sebastian Dullien, wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung, spricht trotz der schwachen Zahlen von einem „moderaten“ Abbau, gemessen an der Lage bei Produktion und Aufträgen. Sein Appell ist deutlich: „Es ist noch nicht zu spät, den Großteil der Jobs in der Industrie zu retten.“

Strategisch steht für ihn fest, dass Deutschland und die EU industriepolitisch nachziehen müssen. Die USA und China stärken gezielt ihre eigenen Schlüsselbranchen. „Das geht auf Kosten der deutschen Industrie“, warnt Dullien. Europa müsse eigene Prioritäten definieren und den Binnenmarkt einsetzen, um wichtige Wertschöpfung zu sichern.

(mit dpa)

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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