Warum MXene erst als Rolle zeigen, was sie können
Von 2D zu 1D, offene Röhren statt flacher Schichten: MXene gewinnen neue Funktionen für Batterien, Sensoren und Textilien.
Forscher der Drexel University haben ein Verfahren zur Herstellung von 1D-Nanorollen entwickelt, bei dem MXene als Ausgangsmaterial verwendet wird. Die Rollen könnten als Komponenten zur Verbesserung der Biosensorik, Energiespeicherung und Wearable-Technologie eingesetzt werden.
Foto: Drexel University
| Das Wichtigste in Kürze |
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US-Forschende haben MXene erstmals kontrolliert von zweidimensionalen Flocken in eindimensionale Nanoscrolls überführt. Das Material erhält dadurch ganz neue Eigenschaften. Das Nanomaterial kann Polymere oder Metalle verstärken oder den Ionenfluss in einer Batterie mit viel weniger Widerstand lenken. Anwendungen reichen von Energiespeichern, Sensorik und funktionalen Textilien bis hin zu flexiblen Verbundwerkstoffen. Potenzial für Supraleitung.
Inhaltsverzeichnis
MXene als Hoffnungsträger
MXene gelten seit Jahren als Hoffnungsträger der Materialforschung. Dünn, leitfähig, chemisch vielseitig. Doch sie hatten einen strukturellen Nachteil: In ihrer klassischen Form als zweidimensionale Flocken blockieren sie sich oft selbst. Ionen kommen nur mühsam voran, aktive Oberflächen bleiben schlecht erreichbar. Genau hier setzt eine Arbeit von Forschenden der Drexel University an. Das Team hat MXene gezielt von flachen Schichten in eindimensionale Nanoscrolls überführt – kontrolliert, reproduzierbar und in relevanten Mengen.
Das Ergebnis ist ein Material, das sich seiner ursprünglichen Logik widersetzt. Statt dichter Stapel entstehen offene Röhren. Statt Engstellen entstehen Transportwege. Und statt reiner Grundlagenforschung rücken konkrete Anwendungen in Reichweite.
Von der Flocke zur Rolle
MXene bestehen aus hauchdünnen Übergangsmetall-Carbiden oder -Nitriden. In 2D-Form liegen sie wie Kartenstapel übereinander. Das ist mechanisch stabil, aber funktional oft hinderlich. Ionen und Moleküle müssen sich durch enge Zwischenräume zwängen. Für Batterien, Sensoren oder Membranen ist das ein klarer Nachteil.
Die Drexel-Forschenden lösen dieses Problem mit einem gezielten chemischen Trick. Sie verändern die Oberflächenchemie der MXene-Flocken so, dass innerhalb der Schichten Spannungen entstehen. Diese sogenannte Janus-Reaktion erzeugt eine Asymmetrie. Die Folge: Die Flocken rollen sich selbsttätig zu Nanoscrolls auf. Das Team konnte den Prozess mit sechs verschiedenen MXene-Typen reproduzieren und rund 10 g Material herstellen.
Warum 1D oft besser ist als 2D
„Die zweidimensionale Morphologie ist in vielen Anwendungen sehr wichtig. Es gibt jedoch Anwendungen, in denen die 1D-Morphologie überlegen ist“, sagt Yury Gogotsi. Der Materialwissenschaftler ist korrespondierender Autor der Studie, die in Advanced Materials erschienen ist.
Der Vergleich ist anschaulich: Bleche eignen sich für Karosserien. Rohre und Stäbe dagegen für Verstärkung, Transport oder Strömung. Genau das leisten die MXene-Scrolls im Nanomaßstab. Sie sind zehntausendmal dünner als ein Wasserrohr, aber strukturell stabil und hochleitfähig.
Freie Bahn für Ionen
Der entscheidende Vorteil liegt im Inneren der Röhren. In klassischen MXene-Stapeln blockieren sich die Schichten gegenseitig. „Bei herkömmlichen 2D-MXenen liegen die Flocken flach übereinander, wodurch ein begrenzter Raum entsteht“, erklärt Teng Zhang, Postdoktorand und Mitautor. „Durch die Umwandlung von 2D-Nanoschichten in 1D-Rollen verhindern wir diesen Nano-Einschränkungseffekt.“
Die offene Geometrie wirkt wie eine Autobahn für Ionen. Der elektrische Widerstand sinkt, Transportprozesse werden schneller und gleichmäßiger. Für Batterien, Superkondensatoren oder Entsalzungsmembranen ist das ein klarer funktionaler Gewinn.
Sensoren profitieren von offener Oberfläche
Auch die Sensorik könnte stark profitieren. In gestapelten 2D-Strukturen sind viele aktive Stellen schlicht nicht erreichbar. Große Moleküle kommen gar nicht erst heran. Die Nanoscrolls ändern das grundlegend.
„Die offene, hohle Struktur der Scrolls löst dieses Problem“, sagt Gogotsi. Analyten erhalten direkten Zugang zur leitfähigen Oberfläche. Das verbessert Signalstärke und Stabilität. Anwendungen reichen von Biosensoren über Gassensoren bis zu elektrochemischen Bauteilen.
Verstärkung für flexible Materialien
Ein weiteres Einsatzfeld sind Verbundwerkstoffe. In weichen Polymeren können sich die starren Nanorollen mechanisch verankern. Gleichzeitig bilden sie ein stabiles leitfähiges Netzwerk. Das ist relevant für Wearables, funktionale Textilien oder dehnbare Elektronik.
Besonders interessant: Die Ausrichtung der Nanoscrolls lässt sich mit elektrischen Feldern steuern. Damit können sie gezielt entlang von Fasern ausgerichtet werden. Leitfähige Beschichtungen werden haltbarer, gleichmäßiger und reproduzierbarer.
Unerwarteter Effekt: Supraleitung
Am überraschendsten ist jedoch ein Effekt, den selbst die Forschenden nicht primär im Fokus hatten. Bei Niobkarbid-Scrolls beobachtete das Team erstmals Supraleitung in flexiblen, freistehenden Folien.
„Bislang war die Supraleitung in dieser Klasse von MXenen auf gepresste Pellets beschränkt“, sagt Gogotsi. Der Rollvorgang erzeugt eine spezifische Gitterverformung und Krümmung. Diese tritt bei flachen Schichten nicht auf. Offenbar stabilisiert genau diese Kombination den supraleitenden Zustand.
Der physikalische Mechanismus ist noch nicht vollständig geklärt. Klar ist aber: Die Struktur selbst verändert die quantenphysikalischen Eigenschaften des Materials.
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