Adaptive Werkstoffe 18.03.2026, 15:22 Uhr

Materialdesign neu gedacht: Steifigkeit per Schall steuern

Schall verschiebt Defekte im Material – und verändert so gezielt die Steifigkeit. Ein neuer Ansatz für adaptive Werkstoffe.

Anhand dieses Modells eines eindimensionalen Materials zeigen Forscher einen neuen Weg auf, wie sich die Steifigkeit eines Materials mithilfe von Schallwellen aus der Ferne verändern lässt

Anhand dieses Modells eines eindimensionalen Materials zeigen Forscher einen neuen Weg auf, wie sich die Steifigkeit eines Materials mithilfe von Schallwellen aus der Ferne verändern lässt.

Foto: UC San Diego Jacobs School of Engineering

Materialien sind in der Regel festgelegt. Nach der Herstellung ändern sich ihre mechanischen Eigenschaften kaum noch. Genau hier setzt eine neue Studie an. Ein Forschungsteam aus den USA und Frankreich zeigt, dass sich die Steifigkeit eines Materials gezielt beeinflussen lässt – nicht durch chemische Eingriffe, sondern durch Schall.

Die Ergebnisse, veröffentlicht in Nature Communications, drehen die Perspektive im Materialdesign. Entscheidend ist nicht mehr nur, woraus ein Material besteht, sondern wie seine innere Struktur organisiert ist.

Verschiebbare Defekte bestimmen die Eigenschaften

Im Zentrum stehen sogenannte mechanische Knicke. Gemeint sind Grenzbereiche zwischen zwei strukturellen Zuständen innerhalb eines Materials. Beide Bereiche bestehen aus denselben Bausteinen, unterscheiden sich aber in ihrer räumlichen Anordnung.

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Diese Unterschiede wirken sich direkt auf das mechanische Verhalten aus. Ein Bereich kann weich reagieren, ein anderer deutlich steifer. Der Übergang dazwischen – der „Knick“ – entscheidet, wo sich ein Material verformt.

Solche Defekte sind in der Materialwissenschaft bekannt. Sie treten etwa bei plastischer Verformung von Metallen oder bei molekularen Prozessen in der DNA auf. Neu ist hier der Ansatz, ihre Position gezielt zu kontrollieren.

Struktur statt Zusammensetzung

Das Team um Nicholas Boechler, Xiaoming Mao und Georgios Theocharis entwickelte dafür ein Modellmaterial mit ungewöhnlichen Eigenschaften. Die Struktur ist so aufgebaut, dass sich der Knick nahezu ohne energetische Hürde verschieben lässt.

Das System gehört zur Klasse mechanischer Metamaterialien. Hier bestimmen Geometrie und Anordnung die Eigenschaften – nicht primär die chemische Zusammensetzung.

Im konkreten Fall ist die Region um den Knick weich, während die Steifigkeit mit zunehmender Entfernung ansteigt. Verschiebt sich der Knick, verschiebt sich auch dieses Profil. Das Material bleibt gleich aufgebaut, zeigt aber ein anderes Verhalten.

„Die Idee dahinter ist, dass wir im Grunde einen akustischen Traktorstrahl geschaffen haben, der eine Knickstelle verschiebt und die Beschaffenheit eines Materials – unter Erzeugung von Steifigkeitsgradienten – nach Bedarf verändert“, sagt Boechler.

Schall als gerichteter Impulsgeber

Die Steuerung erfolgt über gezielte Schallimpulse. Diese liefern Impuls an den Knick und bewegen ihn entlang der Struktur. Entscheidend ist, dass die Bewegung nicht zufällig abläuft, sondern reproduzierbar.

Kurze Impulse verschieben den Knick schrittweise. Längere Signale führen zu einer kontinuierlichen Bewegung. Dabei zeigt sich ein klarer Effekt: Der Knick wandert in Richtung der Schallquelle.

„Wir haben gezeigt, dass, wenn man von einer Seite aus Schallwellen einspeist, diese die Knickstelle tatsächlich in Richtung der Schallquelle ziehen“, so Boechler. „Man kann einen kleinen Impuls senden, und die Knickstelle bewegt sich ein wenig.“

Physikalisch handelt es sich dabei nicht um ein „Ziehen“ im klassischen Sinn. Vielmehr überträgt die Welle Impuls auf die Defektstruktur. Ein Teil der Welle wird reflektiert, ein Teil durchgelassen. Die resultierende Wechselwirkung sorgt für die gerichtete Bewegung.

Ein wichtiger Punkt: Nicht jede Frequenz funktioniert. Nur bestimmte Schallfrequenzen koppeln effizient an den Knick. Das deutet auf resonanzartige Effekte hin, die für die Steuerung entscheidend sind.

Experiment im Makromaßstab

Um das Konzept zu testen, entwickelte das Team ein mechanisches Modell. Es besteht aus einer Kette rotierender Scheiben, verbunden durch Federn. Die Scheiben stehen für Atome, die Federn für Bindungen.

Eine einzelne Scheibe ist bewusst anders orientiert. Sie repräsentiert den Knick. Wird das System akustisch angeregt, wandert diese Störung entlang der Kette.

Mit jedem Impuls verschiebt sich der Knick um einige Elemente. Gleichzeitig ändert sich die Verteilung von weichen und steifen Bereichen. Das System lässt sich so gezielt umkonfigurieren.

Potenzial und Grenzen

Mögliche Anwendungen liegen auf der Hand: Materialien mit anpassbarer Steifigkeit, robotische Systeme, die ihre mechanischen Eigenschaften verändern, oder Implantate, die sich an ihre Umgebung anpassen.

Gleichzeitig ist klar: Der Weg zur praktischen Umsetzung ist lang. Es braucht geeignete Materialsysteme, stabile Defektstrukturen und kontrollierbare Kopplung an Schallfelder.

„Im Moment ist dies ein Spielzeugmodell“, sagt Boechler. „Wenn so etwas in ein echtes Material umgesetzt werden könnte, könnte man sich Strukturen vorstellen, die sich spontan anpassen.“

Hier geht es zur Originalpublikation

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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