Supraleiter erstaunt 19.11.2025, 19:13 Uhr

Etwas Unmögliches passiert in diesem Metall: Physiker rätseln

Ein Metall überrascht die Physik: PtBi₂ zeigt eine Supraleitung, die gängigen Modellen widerspricht und neue Fragen aufwirft.

PtBi₂

Das Material PtBi₂ (unterer Metallblock) hat eine supraleitende Oberfläche (blau). Dort, wo sich die Elektronen an dieser Oberfläche paaren, was durch die Höhe der blauen Welle angezeigt wird, bewegen sie sich ohne Widerstand. Genau wie andere Supraleiter kann PtBi₂ dadurch einen Magneten über seiner Oberfläche schweben lassen (schwebende Scheibe). Interessanterweise gibt es sechs Richtungen, in denen sich die Elektronen nicht paaren können, was PtBi₂ zu einem Supraleiter macht, der sich von allen anderen unterscheidet.

Foto: think-design | Jochen Thamm

In einem Labor in Dresden stoßen Forschende auf ein Verhalten, das sie selbst überrascht. Das Material heißt PtBi₂ – äußerlich nur ein grauer Kristall aus Platin und Wismut. Doch wenn man ihn stark abkühlt und unter dem Mikroskop betrachtet, zeigt er ein Muster, das nicht zu den üblichen Regeln der Supraleitung passt.

Normalerweise bilden Elektronen bei tiefen Temperaturen Paare und gleiten gemeinsam durch ein Material. In PtBi₂ passiert das nur an der Oberfläche, während das Innere normal metallisch bleibt. Ungewöhnlich – aber noch nicht das eigentliche Rätsel.

Das Rätsel ist die Art der Paarbildung: Die Elektronen folgen einem Muster, das so bisher nirgends gemessen wurde.

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Supraleitung nur im Mantel

Das Team vom IFW Dresden und vom Exzellenzcluster ct.qmat fand heraus: PtBi₂ besitzt einen supraleitenden Mantel, der ein leitfähiges Inneres umschließt. Dieses Bild lässt sich gut erklären. Doch in diesem Mantel verhalten sich die Elektronen nicht so, wie man es erwarten würde.

Bei den Messungen zeigte sich: Auf der Oberfläche gibt es sechs Richtungen, in denen die Elektronen sich nicht paaren wollen. Genau dort fällt die supraleitende Energielücke auf Null. Diese sechs Richtungen ergeben sich aus der geometrischen Ordnung des Kristalls – man kann sich das wie ein Rad mit sechs Speichen vorstellen.

Physikalisch nennt man das eine i-Wellen-Paarung. Sie wurde theoretisch diskutiert, aber noch nie so klar beobachtet. Die Dresdner Gruppe nutzte besonders hochauflösende Laserexperimente, um die Elektronenbewegungen sichtbar zu machen. Das Ergebnis: Die Supraleitung besitzt sechs eindeutige Knoten – ein neues, bislang unbekanntes Muster.

Die Bühne: eine topologische Oberfläche

PtBi₂ gehört zu den sogenannten Weyl-Halbleitern. Diese Materialien besitzen an ihrer Oberfläche spezielle elektronische Zustände – die sogenannten Fermi-Bögen. Sie sind robust gegenüber Störungen und entstehen durch die innere Symmetrie des Materials.

Wenn diese Fermi-Bögen supraleitend werden, bilden sich an den Kanten automatisch Majorana-Zustände. Diese exotischen Quasiteilchen gelten als potenziell nützlich für Quantencomputer, weil sie besonders stabil sind.

Bemerkenswert ist, dass PtBi₂ diese Zustände einfach von selbst erzeugt. Viele andere Labore müssen dafür aufwendige Nanostrukturen bauen.

Warum passiert das?

Trotz der klaren Messdaten bleibt die zentrale Frage offen: Warum bildet PtBi₂ diese spezielle i-Wellen-Paarung aus? Viele unkonventionelle Supraleiter benötigen starke Wechselwirkungen zwischen Elektronen.

Doch PtBi₂ zeigt kaum solche Signale. Die Elektronen wirken eher frei beweglich. Die Forschenden rätseln: „Wir verstehen noch nicht, wie diese Paarung zustande kommt.“

Stellschrauben für die Zukunft

Experimente zeigen, dass sich PtBi₂ gezielt verändern lässt:

  • Dünnere Proben könnten das störende metallische Innere ausschalten.
  • Magnetfelder können die Majoranas auf der Oberfläche verschieben.
  • Künstlich erzeugte Stufenkanten könnten mehr Majoranas erzeugen.

Solche Eingriffe wären wichtig, wenn das Material später technisch eingesetzt werden soll.

Ein Anfang ohne fertige Antwort

Ob PtBi₂ eines Tages Bauteile für Quantencomputer ermöglicht, ist völlig offen. Die Temperaturen sind niedrig, und die Oberfläche muss noch besser kontrolliert werden.

Doch der Kern der Entdeckung ist ein anderer: In Dresden wurde ein supraleitendes Verhalten gemessen, das es so bisher nicht gab.

Hier geht es zur Originalpublikation

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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