Aufbau des Ökosystems 27.01.2025, 14:00 Uhr

Wie Tierkot die Folgen der Gletscherschmelze abmildert

Die Gletscherschmelze sorgt für riesige Steinwüsten. Wilde Verwandte des Lamas helfen in den Anden dabei, dass sich ein Ökosystem entwickelt. Und das wesentlich schneller, als es auf natürliche Weise passieren würde.

Vikunjas

Diese wilden Verwandten der Lamas wissen nicht, wie wichtig sie für die Natur sind. In den Anden helfen sie bei den durch Gletscherschmelze entstandenen Steinwüsten dafür, dass sich ein Ökosystem aufbauen kann.

Foto: PantherMedia / ammmit

Der Klimawandel sorgt weltweit für das Schmelzen von Gletschern, was tiefgreifende Veränderungen in Ökosystemen zur Folge hat. Doch ein eher unscheinbarer Akteur, der wilde Verwandte des Lamas, das Vikunja, hilft den Ökosystemen der Anden, sich besser an diese Veränderungen anzupassen. Wie? Mit seinem Kot. Laut den Forschenden können sich Pflanzen dort dank des Vikunjakots bis zu ein Jahrhundert schneller ansiedeln.

Wie Vikunjas ihre Umwelt beeinflussen

Vikunjas, wilde Kameliden der Anden, sind vor allem für ihre Anpassungsfähigkeit in extremen Höhen bekannt. Sie leben in Gebieten, die oft über 5.000 Meter über dem Meeresspiegel liegen. Dort herrschen raue Bedingungen, die Pflanzenwachstum erschweren. Ein bemerkenswerter Aspekt ihres Verhaltens ist die Nutzung gemeinsamer Toilettenplätze, sogenannter Latrinen. Mehrere Tiere teilen sich diese Orte, wodurch gezielt Nährstoffe in einem konzentrierten Bereich angereichert werden.

Der Biologe Cliff Bueno de Mesquita erklärt: „Es ist interessant zu sehen, wie das Sozialverhalten dieser Tiere Nährstoffe in ein neues, sehr nährstoffarmes Ökosystem übertragen kann.“ Besonders in den entgletscherten Gebieten der Anden erweisen sich diese Latrinen als wahre Keimzellen neuen Lebens.

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Pflanzliche Inseln in einer Steinwüste

Steven Schmidt, einer der leitenden Autoren der Studie, erforscht seit zwei Jahrzehnten das Leben in den entgletscherten Hochlagen Perus. Die Böden dort sind extrem karg – wasser- und nährstoffarm, meist über Jahrzehnte pflanzenfrei. Doch Schmidts Team entdeckte kleine Pflanzeninseln, die alle in direktem Zusammenhang mit Vikunjakot standen.

Die Untersuchung von Bodenproben zeigte, dass Vikunjakot den Boden deutlich anreicherte. Ein Beispiel: Während der entgletscherte Boden nach 85 Jahren nur 1,5 % organische Substanz enthielt, wies der Boden in den Latrinen 62 % organische Substanz auf. Diese Anreicherung schuf ein Mikroklima, das weniger starken Temperaturschwankungen und Feuchtigkeitsverlusten ausgesetzt war. Schmidt erklärte: „Es ist wirklich schwer für Lebewesen, hier zu überleben, aber die organische Substanz sorgte dafür, dass die Temperaturen und Feuchtigkeitswerte nicht annähernd so stark schwankten.“

Beschleunigung des Ökosystemaufbaus

Die Forschung zeigte auch, dass der Vikunjakot nicht nur Nährstoffe, sondern auch Pflanzensamen aus tieferen Lagen enthält. Diese Samen können in den angereicherten Böden keimen und neue Pflanzen ansiedeln. Diese wiederum ziehen Tiere an, darunter auch seltene Arten und große Raubtiere wie Pumas.

Die Latrinen schaffen somit nicht nur Lebensraum für Pflanzen, sondern fördern ein komplexes Netzwerk von Organismen. Laut den Forschenden beschleunigt dieser Prozess die Besiedlung eines zuvor lebensfeindlichen Raums um Hunderte von Jahren.

Grenzen des natürlichen Ausgleichs

Trotz der positiven Effekte des Vikunjakots warnt das Team vor überzogenen Erwartungen. Bueno de Mesquita betont: „Die Vikunjas helfen wahrscheinlich einigen alpinen Organismen, aber wir können nicht davon ausgehen, dass es allen gut geht.“ Der aktuelle Klimawandel verläuft schneller, als sich viele Arten anpassen können. Zwischen 2000 und 2019 verlor die Erde jährlich 267 Milliarden Tonnen Gletschereis. Bleibt die Erwärmung auf diesem Niveau, könnte sie bis zu 68 % der Gletscher weltweit zerstören.

Besonders betroffen sind Regionen wie die Anden, wo die Menschen auf Gletscherschmelzwasser als lebenswichtige Ressource angewiesen sind. Laut einer Studie könnten bis zu einem Viertel der Weltbevölkerung Engpässe bei der Wasserversorgung drohen.

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Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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