Weltweit erster Praxistest 08.06.2026, 16:21 Uhr

80-mal stärker als CO₂: Wie ein Start-up Methan im Kuhstall zerstört

Ein Schweizer Start-up will Methan dort zerlegen, wo es entsteht. Der erste Feldtest startet bald in einem Kuhstall. Wie die Technik funktioniert – und ob sie dem Klima etwas bringt.

Start-up bei der Arbeit

Das Gründerteam von Sixteen44 bei der Analyse von Methanquellen.

Foto: Sixteen44

In einem Schweizer Stall geht noch in diesem Monat eine ungewöhnliche Anlage in Betrieb: Sie soll Methan, das Rinder bei der Verdauung ausstoßen, direkt vor Ort „zerstören“. Denn anders als CO₂ lässt sich Methan kaum aus der Luft filtern; dafür ist die Konzentration zu gering. Wo aber besonders viel davon austritt – an Deponien, in der Öl- und Gasförderung oder eben in Kuhställen –, will das Start-up Sixteen44 es aus dem Verkehr ziehen.

Im Zuge des Praxistests seiner Technologie installiert das Schweizer Unternehmen die nach eigenen Angaben erste Anlage weltweit, die Methan direkt an einem landwirtschaftlichen Betrieb zerlegt. Doch die Lösung hat einen Haken: Aus dem angefangenen Methan wird am Ende CO₂, ein rund 80-mal schwächeres, aber dafür langlebigeres Treibhausgas. Warum das Start-up trotzdem von seiner Lösung überzeugt ist – und wie genau sie funktioniert.

Wer hinter der Idee steckt

2024 gründeten der Physiker Mario Michan, der Chemiker William Ramsay und der Investor Nelson Dumas Sixteen44. Michan ist zugleich Gründer und CEO von Daphne Technology aus Lausanne, einem Start-up, das Methanschlupf aus Schiffs- und Industriemotoren entfernt. Auch Ramsay kommt von Daphne.

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Sixteen44 setzt auf dasselbe Prinzip – nicht-thermisches Plasma plus Katalysator, der Methan zu CO₂ und Wasser umsetzt –, wendet es aber nicht auf konzentrierte Motorabgase, sondern stark verdünntes Methan aus der Umgebungsluft an. Die beiden Lösungen ließen sich nach Unternehmensangaben nicht übertragen.

Blauer Anlagencontainer mit Rohranschlüssen auf einer Industrieplattform am Meer
Plasmabasierte Methan-Abgasreinigung im industriellen Umfeld. Ähnliche Anlagen entfernen Methanschlupf aus Schiffsmotoren, dasselbe Prinzip nutzt Sixteen44. Foto: Sixteen44

Was nun im Stall passiert

Bisher hat Sixteen44 seine Technologie nach eigenen Angaben nur im Labormaßstab nachgewiesen. Der technologische Reifegrad liegt bei 5; sie ist also validiert unter realitätsnahen Bedingungen, aber noch nicht im Dauerbetrieb.

Bei ihrem Praxistest im Juni gehen die Schweizer dabei so vor:

  • Sixteen44 installiert die Anlage für einen mehrtägigen Testlauf in einem geschlossenen Stall. Dafür wird sie zum Beispiel an die bestehende Stalllüftung angeschlossen.
  • Die Rinder geben das Methan bei der Verdauung an die Stallluft ab.
  • Die Anlage zieht diese ein und baut das enthaltene Methan ab.

Der Ansatz funktioniert nur in geschlossenen Räumen, Rinder auf der Weide erreicht er nicht. Sixteen44 löst also nur einen Teil des durchaus großen Problems: Die FAO schätzt, dass Nutztiere wie Rinder, Ziegen und Schafe für rund 34,5 % aller nicht-natürlichen Methanemissionen verantwortlich sind. Rinder machen den mit Abstand größten Teil davon aus: Eine einzelne Mastkuh emittiert bis zu 500 l Methan pro Tag.

Bewährt sich die Anlage im Stall, will das Start-up sie auf noch größere Methanquellen übertragen, etwa Deponien sowie die Öl- und Gasindustrie.

Rinderherde auf einer grünen Alpweide vor Bergkulisse in der Schweiz.
Rinder auf einer Schweizer Weide. Das bei der Verdauung entstehende Methan entweicht im Freien ungehindert – Sixteen44 setzt deshalb im geschlossenen Stall an. Foto: Unsplash/Xavier von Erlach

So funktioniert das Verfahren

Im Kern handelt es sich um eine plasma-assistierte Katalyse. Neu ist dabei die Kombination aus Kaltplasma und dem patentierten Katalysator.

Vereinfacht läuft der Prozess so ab:

  • Die Anlage erzeugt ein „kaltes“ Plasma, also elektrisch angeregtes Gas, das deutlich weniger Energie braucht als ein heißes.
  • Das Plasma bildet hochreaktive Teilchen, vor allem Ozon (O₃) und Hydroxyl-Radikale (OH).
  • An einem Katalysator reagieren diese mit dem Methan. Die Interaktion senkt die Aktivierungsenergie so weit, dass die Oxidation schon bei rund 40 bis 60 °C abläuft statt bei mehreren Hundert Grad (klassisch rund 400 °C) wie bei herkömmlichen Verfahren.
  • Übrig bleiben laut Sixteen44 nur Kohlendioxid (CO₂) und Wasser.

Auf diese Weise soll sich Methan auch dort abgreifen lassen, wo andere Verfahren wie Abfackeln oder Abscheiden nicht praktikabel wären.

Reaktor auf Müllhalde
Eine Version des Reaktors soll auch auf Deponien zum Einsatz kommen. Visualisierung: Sixteen44

Abfackeln, Pyrolyse, Oxidation – welches Verfahren passt wann?

Ob sich Methan überhaupt behandeln lässt, entscheidet vor allem seine Konzentration. Die gängigen Ansätze decken dabei unterschiedliche Bereiche ab:

Verfahren Prinzip Methankonzentration Produkte Typische Quellen
Abfackeln (Flaring) Verbrennung hoch, aber nur in engem Fenster CO₂ + Wasser Öl- und Gasförderung, starke Ströme
Methanpyrolyse Plasmalichtbogen spaltet CH₄ nahezu rein (~100 %) Wasserstoff + fester Kohlenstoff konzentrierte Methanströme
Regenerative thermische Oxidation (RTO) selbsterhaltende thermische Oxidation mittel; erst ab einer Mindestschwelle CO₂ + Wasser Grubengas-/Abluftströme, Industrieabluft
Sixteen44 (plasma-assistierte Katalyse) Kaltplasma + Katalysator oxidieren niedrig CO₂ + Wasser Deponien, Landwirtschaft, diffuse Quellen

Tab. 1: Welches Verfahren passt zu welcher Methankonzentration?

Quellen: Sixteen44, eigene Recherche

CH₄ zu CO₂ – wie sinnvoll ist das?

Das Verfahren entfernt keinen Kohlenstoff aus dem Kreislauf, sondern wandelt ihn um: Aus dem CH₄ wird CO₂. Mit anderen Worten: Aus dem einen Treibhausgas wird ein anderes Treibhausgas. Pro Tonne Methan entstehen rund 2,75 t CO₂.

Dass das dem Klima trotzdem nützen kann, liegt an der enormen Kurzzeitwirkung von Methan. Es heizt die Atmosphäre, solange es in ihr ist, weit stärker auf als das CO₂, das bei seiner Zerstörung entsteht.

Entscheidend für die Klimabilanz ist daher der betrachtete Zeitraum:

  • Über 20 Jahre ist Methan rund 80-mal so klimawirksam wie CO₂. Auf dieser Basis nennt das Unternehmen eine Reduktion der Klimawirkung um 97 %.
  • Über 100 Jahre (Faktor rund 30, der Standard für offizielle Klimabilanzen etwa in der EU) liegt der Gewinn bei rund 90 %.

Für jedes vermiedene Kilo CO₂-Äquivalent benötigt Sixteen44 auf 20-Jahres-Basis nach eigenen Angaben rund 1,3 kWh Strom. Ebenfalls wichtig für die Klimabilanz ist dessen Herkunft: Sixteen44 rechnet mit dem nahezu CO₂-freien Schweizer Netz. Strom aus fossilen Quellen würde aufgrund seines eigenen CO₂ einen Teil des positiven Klimaeffekts der Methan-Zerstörung zunichte machen.

Wie sich das rechnen soll

Bislang finanziert sich das Start-up aus einer Mischung von Fördergeldern und Beteiligungen von Investoren. Zuletzt startete das Unternehmen zudem eine Crowdfunding-Kampagne.

Langfristig will sich Sixteen44 dann über zwei Hebel finanzieren:

  • Regulierung: In der EU drohen – besonders der Öl- und Gasbranche – Vorgaben und Strafen für freigesetztes Methan. Solange die Anlage günstiger ist als die Bußgelder, entstehe ein Business Case, erklärt Mitgründer William Ramsay gegenüber Ingenieur.de.
  • Zertifikate: Methan zu zerstören zählt als Emissionsminderung; daraus lassen sich Credits erzeugen. Gerade „Super-Pollutant“-Credits stoßen bei Käufern laut Ramsay auf wachsendes Interesse. Für Landwirte stellt das Unternehmen eine Erlösbeteiligung an solchen Zertifikaten in Aussicht, um die Hardware mitzufinanzieren.

Ein Ansatz mit Zukunft?

Eine naheliegende technische Frage betrifft Stickoxide (NOₓ). Nicht-thermisches Plasma in stickstoffhaltiger Luft kann sie grundsätzlich bilden. Das Thema ist den Gründern vertraut – Michan und Ramsay haben 2025 einen Artikel zur Minderung von Methan und NOₓ aus Schiffsabgasen mitverfasst. Auf Anfrage erklärt das Unternehmen, man bewege sich weit außerhalb des Bereichs, in dem NOₓ entsteht, und habe das mit Messungen während des Betriebs bestätigt.

Offener ist hingegen das ökonomische Potential. An der Oxidation von Methan arbeiten mehrere Firmen weltweit, etwa Ambient Carbon. Ob sich der Schweizer Ansatz behauptet, dürfte sich im Zuge des Stall-Einsatzes zeigen. Perspektivisch ließe sich zudem eine weitere Einkommensquelle erschließen: Laut Ramsay könnte der im entstehenden CO₂ gebundene Kohlenstoff weiterverwendet werden, sofern er sich abscheiden lässt.

Unabhängig davon hat sich Sixteen44 bereits ein Ziel für die nächsten Jahre gesetzt: Bis 2035 will das Start-up insgesamt 1 Mio. t Methan zerstören.

Ein Beitrag von:

  • Magnus Schwarz

    Magnus Schwarz schreibt zu den Themen Wasserstoff, Energie und Industrie. Nach dem Studium in Aachen absolvierte er ein Volontariat und war mehrere Jahre als Fachredakteur in der Energiebranche tätig. Seit Oktober 2025 ist er beim VDI Verlag.

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