80-mal stärker als CO₂: Wie ein Start-up Methan im Kuhstall zerstört
Ein Schweizer Start-up will Methan dort zerlegen, wo es entsteht. Der erste Feldtest startet bald in einem Kuhstall. Wie die Technik funktioniert – und ob sie dem Klima etwas bringt.
Das Gründerteam von Sixteen44 bei der Analyse von Methanquellen.
Foto: Sixteen44
In einem Schweizer Stall geht noch in diesem Monat eine ungewöhnliche Anlage in Betrieb: Sie soll Methan, das Rinder bei der Verdauung ausstoßen, direkt vor Ort „zerstören“. Denn anders als CO₂ lässt sich Methan kaum aus der Luft filtern; dafür ist die Konzentration zu gering. Wo aber besonders viel davon austritt – an Deponien, in der Öl- und Gasförderung oder eben in Kuhställen –, will das Start-up Sixteen44 es aus dem Verkehr ziehen.
Im Zuge des Praxistests seiner Technologie installiert das Schweizer Unternehmen die nach eigenen Angaben erste Anlage weltweit, die Methan direkt an einem landwirtschaftlichen Betrieb zerlegt. Doch die Lösung hat einen Haken: Aus dem angefangenen Methan wird am Ende CO₂, ein rund 80-mal schwächeres, aber dafür langlebigeres Treibhausgas. Warum das Start-up trotzdem von seiner Lösung überzeugt ist – und wie genau sie funktioniert.
Inhaltsverzeichnis
Wer hinter der Idee steckt
2024 gründeten der Physiker Mario Michan, der Chemiker William Ramsay und der Investor Nelson Dumas Sixteen44. Michan ist zugleich Gründer und CEO von Daphne Technology aus Lausanne, einem Start-up, das Methanschlupf aus Schiffs- und Industriemotoren entfernt. Auch Ramsay kommt von Daphne.
Sixteen44 setzt auf dasselbe Prinzip – nicht-thermisches Plasma plus Katalysator, der Methan zu CO₂ und Wasser umsetzt –, wendet es aber nicht auf konzentrierte Motorabgase, sondern stark verdünntes Methan aus der Umgebungsluft an. Die beiden Lösungen ließen sich nach Unternehmensangaben nicht übertragen.

Was nun im Stall passiert
Bisher hat Sixteen44 seine Technologie nach eigenen Angaben nur im Labormaßstab nachgewiesen. Der technologische Reifegrad liegt bei 5; sie ist also validiert unter realitätsnahen Bedingungen, aber noch nicht im Dauerbetrieb.
Bei ihrem Praxistest im Juni gehen die Schweizer dabei so vor:
- Sixteen44 installiert die Anlage für einen mehrtägigen Testlauf in einem geschlossenen Stall. Dafür wird sie zum Beispiel an die bestehende Stalllüftung angeschlossen.
- Die Rinder geben das Methan bei der Verdauung an die Stallluft ab.
- Die Anlage zieht diese ein und baut das enthaltene Methan ab.
Der Ansatz funktioniert nur in geschlossenen Räumen, Rinder auf der Weide erreicht er nicht. Sixteen44 löst also nur einen Teil des durchaus großen Problems: Die FAO schätzt, dass Nutztiere wie Rinder, Ziegen und Schafe für rund 34,5 % aller nicht-natürlichen Methanemissionen verantwortlich sind. Rinder machen den mit Abstand größten Teil davon aus: Eine einzelne Mastkuh emittiert bis zu 500 l Methan pro Tag.
Bewährt sich die Anlage im Stall, will das Start-up sie auf noch größere Methanquellen übertragen, etwa Deponien sowie die Öl- und Gasindustrie.

So funktioniert das Verfahren
Im Kern handelt es sich um eine plasma-assistierte Katalyse. Neu ist dabei die Kombination aus Kaltplasma und dem patentierten Katalysator.
Vereinfacht läuft der Prozess so ab:
- Die Anlage erzeugt ein „kaltes“ Plasma, also elektrisch angeregtes Gas, das deutlich weniger Energie braucht als ein heißes.
- Das Plasma bildet hochreaktive Teilchen, vor allem Ozon (O₃) und Hydroxyl-Radikale (OH).
- An einem Katalysator reagieren diese mit dem Methan. Die Interaktion senkt die Aktivierungsenergie so weit, dass die Oxidation schon bei rund 40 bis 60 °C abläuft statt bei mehreren Hundert Grad (klassisch rund 400 °C) wie bei herkömmlichen Verfahren.
- Übrig bleiben laut Sixteen44 nur Kohlendioxid (CO₂) und Wasser.
Auf diese Weise soll sich Methan auch dort abgreifen lassen, wo andere Verfahren wie Abfackeln oder Abscheiden nicht praktikabel wären.

Abfackeln, Pyrolyse, Oxidation – welches Verfahren passt wann?
Ob sich Methan überhaupt behandeln lässt, entscheidet vor allem seine Konzentration. Die gängigen Ansätze decken dabei unterschiedliche Bereiche ab:
| Verfahren | Prinzip | Methankonzentration | Produkte | Typische Quellen |
| Abfackeln (Flaring) | Verbrennung | hoch, aber nur in engem Fenster | CO₂ + Wasser | Öl- und Gasförderung, starke Ströme |
| Methanpyrolyse | Plasmalichtbogen spaltet CH₄ | nahezu rein (~100 %) | Wasserstoff + fester Kohlenstoff | konzentrierte Methanströme |
| Regenerative thermische Oxidation (RTO) | selbsterhaltende thermische Oxidation | mittel; erst ab einer Mindestschwelle | CO₂ + Wasser | Grubengas-/Abluftströme, Industrieabluft |
| Sixteen44 (plasma-assistierte Katalyse) | Kaltplasma + Katalysator oxidieren | niedrig | CO₂ + Wasser | Deponien, Landwirtschaft, diffuse Quellen |
Tab. 1: Welches Verfahren passt zu welcher Methankonzentration?
Quellen: Sixteen44, eigene Recherche
CH₄ zu CO₂ – wie sinnvoll ist das?
Das Verfahren entfernt keinen Kohlenstoff aus dem Kreislauf, sondern wandelt ihn um: Aus dem CH₄ wird CO₂. Mit anderen Worten: Aus dem einen Treibhausgas wird ein anderes Treibhausgas. Pro Tonne Methan entstehen rund 2,75 t CO₂.
Dass das dem Klima trotzdem nützen kann, liegt an der enormen Kurzzeitwirkung von Methan. Es heizt die Atmosphäre, solange es in ihr ist, weit stärker auf als das CO₂, das bei seiner Zerstörung entsteht.
Entscheidend für die Klimabilanz ist daher der betrachtete Zeitraum:
- Über 20 Jahre ist Methan rund 80-mal so klimawirksam wie CO₂. Auf dieser Basis nennt das Unternehmen eine Reduktion der Klimawirkung um 97 %.
- Über 100 Jahre (Faktor rund 30, der Standard für offizielle Klimabilanzen etwa in der EU) liegt der Gewinn bei rund 90 %.
Für jedes vermiedene Kilo CO₂-Äquivalent benötigt Sixteen44 auf 20-Jahres-Basis nach eigenen Angaben rund 1,3 kWh Strom. Ebenfalls wichtig für die Klimabilanz ist dessen Herkunft: Sixteen44 rechnet mit dem nahezu CO₂-freien Schweizer Netz. Strom aus fossilen Quellen würde aufgrund seines eigenen CO₂ einen Teil des positiven Klimaeffekts der Methan-Zerstörung zunichte machen.
Wie sich das rechnen soll
Bislang finanziert sich das Start-up aus einer Mischung von Fördergeldern und Beteiligungen von Investoren. Zuletzt startete das Unternehmen zudem eine Crowdfunding-Kampagne.
Langfristig will sich Sixteen44 dann über zwei Hebel finanzieren:
- Regulierung: In der EU drohen – besonders der Öl- und Gasbranche – Vorgaben und Strafen für freigesetztes Methan. Solange die Anlage günstiger ist als die Bußgelder, entstehe ein Business Case, erklärt Mitgründer William Ramsay gegenüber Ingenieur.de.
- Zertifikate: Methan zu zerstören zählt als Emissionsminderung; daraus lassen sich Credits erzeugen. Gerade „Super-Pollutant“-Credits stoßen bei Käufern laut Ramsay auf wachsendes Interesse. Für Landwirte stellt das Unternehmen eine Erlösbeteiligung an solchen Zertifikaten in Aussicht, um die Hardware mitzufinanzieren.
Ein Ansatz mit Zukunft?
Offen bleibt mindestens eine technische Frage: Nicht-thermisches Plasma in stickstoffhaltiger Luft kann Stickoxide (NOₓ) bilden. Den Gründern ist das Thema vertraut; Michan und Ramsay haben 2025 einen Artikel zur Minderung von Methan und NOₓ aus Schiffsabgasen mitverfasst. Für den verdünnten Stall-Einsatz hat Sixteen44 allerdings bislang nicht beziffert, wie viel NOₓ dabei entsteht und wie es abgefangen wird.
Zudem arbeiten mehrere Unternehmen weltweit an dem Thema. Ob sich der Schweizer Ansatz gegenüber den anderen behauptet, wird sich erst nach dem Feld- beziehungsweise Stall-Einsatz zeigen. Das langfristige Ziel ist in jedem Fall ambitioniert: Bis 2035 will Sixteen44 1 Mio. t Methan beseitigen.
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