Klimaforschung 04.03.2026, 17:40 Uhr

Der Meeresspiegel steigt – und könnte höher sein als gedacht

Der Meeresspiegel steigt durch den Klimawandel. Ein Studie zeigt auf, dass die Forschung sich verrechnet haben könnte. Vielleicht ist er schon höher als gedacht.

Sturmflut an der Nordsee in Dagebüll

Sturmflut an der Nordsee in Dagebüll. Einer neuen Studie zufolge könnte der Meeresspiegel schon mehr gestiegen sein, als bisher gedacht.

Foto: picture alliance / Caro | Seeberg

Da sich das Klima wandelt und die Temperatur unserer Erde wärmer wird, steigt auch der Meeresspiegel schneller. Das wird Küstenregionen weltweit beeinflussen. Daher sind verlässliche Informationen über die Höhenlage der Landoberfläche und des Wasserspiegels eine zentrale Voraussetzung für den Küstenschutz. Katharina Seeger und Philip Minderhoud von der Universität Wageningen in den Niederlanden haben jetzt 385 Studien der Jahre 2009 bis 2025 ausgewertet und wollen nun festgestellt haben, dass die Höhe des Meeresspiegels an Küsten bislang systematisch unterschätzt wurde,

Demnach solle der Meeresspiegel an Küsten im weltweiten Durchschnitt etwa 20 cm bis 30 cm höher liegen als bislang angenommen. Die größten Abweichungen stellten die beiden in Südostasien und dem Indopazifik fest, wo der Meeresspiegel an den Küsten bis zu 1 m höher sein soll als bislang angenommen.

Ist der Meeresspiegel jetzt höher als erwartet – oder doch nicht?

Hat sich die weltweite Wissenschaft jetzt also tatsächlich vertan, was den Meeresspiegel angeht. Das Science Media Center in Köln wollte das nicht ungefragt publizieren und hat seinerseits Expertinnen und Experten gefragt, wie sie die Erkenntnisse von Katharina Seeger und Philip Minderhoud einordnen. Fazit:

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  • in vielen Studien wurde der lokale Meeresspiegel an Küsten offenbar unterschätzt
  • Küsten sind besonders vulnerable Regionen; eine präzise Quantifizierung von Überflutungsrisiken ist zentral für wirksame Anpassungsmaßnahmen
  • Experten halten einige Schlussfolgerungen für zu weitreichend, betonen jedoch, dass Risikoeinschätzungen auf Basis satellitengestützter Höhendaten differenzierter ausgewertet werden sollten

Hauptansatzpunkt der beiden aus Wageningen ist dabei die genutzten Höhendaten. In den berücksichtigten Studien zum Küstenschutz wurden satellitengestützte Höhendaten genutzt. Seeger und Minderhoud stellten dabei fest, dass der lokale Meeresspiegel in 90 % der berücksichtigten Studien nur auf Basis von Landhöhenmessungen referenziert wurde. Diese beziehen sich auf ein globales Referenzniveau, bekannt als Geoidmodell.

Wie die beiden schreiben, werde dadurch die Höhe des lokalen Meeresspiegels unterschätzt. Um diese Diskrepanz zu klären, legen die Forschenden eigene Berechnungen vor und sprechen von einem bislang übersehenen blinden Fleck. Demnach sei ein grundlegender Wandel im Umgang mit Daten zum lokalen Meeresspiegel in Küstenregionen erforderlich.

Forschende decken Fehler in Riskobewertung auf

„Die Studie korrigiert nicht die Meeresspiegelprognosen, sondern einen grundlegenden Fehler in der bisherigen Risikobewertung“, präzisiert Ingo Sasgen, Wissenschaftler in der Sektion Glaziologie im Fachbereich Geowissenschaften am Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Bremerhaven. Sie zeige im Wesentlichen, „dass die meisten bisherigen Bewertungen der Auswirkungen des Meeresspiegelanstiegs auf der Grundlage von Satellitendaten wahrscheinlich sowohl die Gefährdung durch schwerwiegende Risiken als auch die Geschwindigkeit, mit der diese Risiken in Zukunft zunehmen werden, systematisch unterschätzt haben“, ergänzt Bill Hare, Geschäftsführer und leitender Wissenschaftler beim Thinktank Climate Analytics in Berlin.

Die beiden Forschenden aus den Niederlanden klammern in ihrer aktuellen Übersichtstudie den globalen Meeresspiegel und Prognosen zu dessen Anstieg explizit aus. Folgende Fakten sind in diesem Zusammenhang gut zu wissen:

  • Der Synthesebericht des sechsten Sachstandsberichts des Weltklimarates IPCC geht je nach Emissionsszenario davon aus, dass der globale Meeresspiegel bis zum Jahr 2100 im Vergleich zum Zeitraum 1995 bis 2014 um mehrere Dezimeter, in Extremfällen sogar um bis zu 1m ansteigen könnte.
  • Im Jahr 2024 stieg der globale Meeresspiegel um 0,59 cm im Vergleich zum Vorjahr
  • seit 1880 beläuft sich der Anstieg des Meeresspiegels insgesamt auf rund zwischen 21 cm bis 24 cm.
  • Neben der thermischen Ausdehnung des Meerwassers infolge der globalen Erwärmung spielen auch höhere Schmelzwasserzuflüsse aus Inlandsvereisungen und Gletschern eine Rolle beim Anstieg des globalen Meeresspiegels.

Kritik an Studienergebnis

Die vom SMC befragten Experten haben sich das Papier aber durchaus kritisch angesehen, obwohl der Ansatz als wichtig gewertet wird. „Das ist vermutlich die erste quantitative Metastudie auf diesem Gebiet. Sie bestätigt eine Wahrnehmung, die ich habe und die sicher auch in der Community geteilt wird, dass diesem Aspekt meist wenig Beachtung geschenkt wird. Das ist für sich schon ein wichtiges, aber eigentlich erwartetes Ergebnis“, sagt Jürgen Kusche, Professor für Astronomische, Physikalische und Mathematische Geodäsie am Institut für Geodäsie und Geoinformation der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn.

„Problematisch ist natürlich, dass die Autoren der aktuellen Studie annehmen, dass die Berechnung fehlerhaft vorgenommen wurde, wenn spezifisch dieser Aspekt in einer Arbeit nicht ausreichend dokumentiert wird“, merkt er an. „Das grundlegende Problem bei dieser Studie ist aber, dass die absolute Höhe der Küstenlinie, deren unzureichende Berechnung die Autoren der aktuellen Arbeit an der Qualität der Geoid-Modelle und auch dem blinden Fleck vieler Studienautoren festmachen, für Bewertungen der Auswirkungen eines Meeresspiegelanstiegs in keiner Weise relevant ist.“

Kusche erklärt das am Beispiel: „Um zu verstehen, wie ein Flussdelta von einem zukünftigen Meeresspiegelanstieg von beispielsweise x Metern in ökologischer und ökonomischer Hinsicht betroffen sein wird, benötigt man die absolute Höhe nicht. Man wird also die Auswirkung von x Metern Anstieg relativ zur momentanen Küstenlinie berechnen, die in aller Regel, auch im Globalen Süden, durch eine Pegelstation operationalisiert ist.“

Expertenstreit um Relevanz der Studie

Für Martin Horwath, Professor für Geodätische Erdsystemforschung am Institut für Planetare Geodäsie der Technischen Universität Dresden scheint „diese Meta-Analyse in diesem Umfang“ „neu und wegbereitend zu sein“. Die Studie weist „sehr zurecht“ darauf hin, dass Verfeinerungen zur herkömmlichen Methodik von Impact Assessments etabliert werden sollten.

Dabei, so Horwath, sei es nicht Gegenstand der Studie zu bewerten, inwieweit die aufgedeckten Ungenauigkeiten die Schlussfolgerungen der durchgesehenen Impact Assessments beeinflussen oder wie gewichtig diese Ungenauigkeiten im Vergleich zu anderen Unsicherheitsquellen solcher Studien sind.“

Hauptaussagen der Meeresspiegelstudie „besorgniserregend“

Diese Studie kommt zu einem recht besorgniserregenden Ergebnis: Viele der Prognosen unterschätzen sowohl die derzeit gemessenen Werte als auch die zu erwartenden zukünftigen Entwicklungen“, so Gabriel Mara, der für Climate Analytics Anpassung und Verluste und Schäden im Pazifikraum analysiert und derzeit in Tuvalu ansässig ist. Die Folge sei, dass Überflutungsrisiken vielerorts unterschätzt werden – besonders im Globalen Süden, wo Satellitendaten oft die einzige verfügbare Grundlage sind“, ergänzt Gabriel David, Leiter der Nachwuchsforschungsgruppe „Future Urban Coastlines“, am Leichtweiß-Institut für Wasserbau der TU Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig

„Als Kernbotschaft gilt festzuhalten, dass die Zeitfenster zur erfolgreichen Anpassung an die Folgen des Klimawandels noch kürzer sind als bisher angenommen und sich die Gefährdungslagen in exponierten, tiefliegenden Küstenräume noch einmal deutlich verschärft haben“, so Torsten Schlurmann, geschäftsführender Direktor des Franzius-Instituts für Wasserbau, Ästuar- und Küsteningenieurwesen an der Gottfried Wilhelm Leibniz Universität in Hannover.

Ein Beitrag von:

  • Stephan W. Eder

    Stephan W. Eder ist Technik- und Wissenschaftsjournalist mit den Schwerpunkten Energie, Klima und Quantentechnologien. Grundlage hierfür ist sein Studium als Physiker und eine anschließende Fortbildung zum Umweltjournalisten.

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