Windgeschwindigkeiten von rund 295 km/h 29.10.2025, 06:25 Uhr

Hurrikan Melissa zerstört Jamaika – Physik eines Monstersturms

Rekordsturm über Jamaika: Hurrikan Melissa offenbart die gewaltige Physik tropischer Wirbelstürme und Folgen des Klimawandels.

Hurrikan Melissa

Hurrikan Melissa: Satellitenbilder lassen Schlimmes für Jamaica befürchten. Schon jetzt gilt er als schlimmster Sturm des Jahres weltweit.

Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com | NOAA/NESDIS/STAR

Einer der stärksten Hurrikane der letzten 170 Jahre traf Jamaika mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 295 km/h. Das entspricht einem Schnellzug, der quer über die Insel rast – nur unaufhaltsam und in alle Richtungen zugleich.

Das US-Hurrikanzentrum NHC stufte Melissa als Hurrikan der Kategorie 5 ein, die höchste Stufe auf der Saffir-Simpson-Skala. Diese Skala beschreibt die zerstörerische Energie tropischer Wirbelstürme, basierend auf ihrer Windgeschwindigkeit.

Die Physik eines Monsters

Ein Hurrikan wie Melissa ist im Kern ein Wärmekraftwerk. Über den tropisch warmen Gewässern der Karibik – aktuell rund 30 Grad Celsius – verdunstet Wasser, steigt auf und kondensiert. Dabei wird Energie freigesetzt: sogenannte latente Wärme. Sie treibt die gewaltige Rotation an, die durch die Corioliskraft – also die Ablenkung der Luftbewegung durch die Erdrotation – weiter verstärkt wird.

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Je wärmer das Wasser, desto mehr Energie steht dem Sturm zur Verfügung. Forschende beobachten seit Jahren, dass Hurrikane zwar nicht häufiger auftreten, aber deutlich intensiver werden. Melissa ist ein Paradebeispiel: Innerhalb von nur 36 Stunden verwandelte sich ein Tropensturm in einen Hurrikan der höchsten Kategorie – eine der schnellsten gemessenen Intensivierungen überhaupt.

Drei Kräfte, eine Katastrophe

Meteorologinnen und Meteorologen sprechen bei Hurrikanen von einer gefährlichen Dreifachwirkung:

  • Orkanartige Winde, die ganze Häuser abdecken, Strommasten umknicken und Bäume entwurzeln.
  • Sturmfluten, die an Jamaikas Südküste meterhohe Wellen auf das Land drücken.
  • Regenmassen, die innerhalb weniger Stunden Wassermengen bringen, die sonst eine ganze Regenzeit benötigen würde.

In der Region St. Elizabeth stieg das Wasser stellenweise über zwei Meter hoch. Straßen versanken, Brücken wurden weggespült, Stromleitungen rissen. Mehr als eine halbe Million Menschen saßen zeitweise ohne Strom da. Premierminister Andrew Holness erklärte: „Wir müssen verhindern, dass in dieser schwierigen Zeit jemand die Not der Bürger ausnutzt.“ Er rief den gesamten Inselstaat zum Katastrophengebiet aus.

Technik am Limit

Melissa ist ein Lehrbeispiel für das Versagen technischer Systeme unter Extrembedingungen. Jamaikas Stromnetz ist dezentral und anfällig. Sobald Transformatoren überflutet werden, schalten sich ganze Regionen automatisch ab. Auch Mobilfunk und Internet brechen bei Windgeschwindigkeiten über 250 km/h schnell zusammen, weil Sendemasten auf Schwingung ausgelegt sind – nicht auf pure Windlast.

Selbst Gebäude, die nach internationalen Hurrikanstandards errichtet wurden, hielten dem Druck oft nicht stand. In den Küstenregionen lösten sich ganze Dachflächen, obwohl sie mit Stahlseilen verankert waren. Der Wind erzeugt bei solchen Geschwindigkeiten einen Unterdruck, der Dächer regelrecht absaugt.

In vier großen Krankenhäusern wurden Dächer und Notstromsysteme beschädigt. Eines musste evakuiert werden. 75 Patientinnen und Patienten wurden in Sicherheit gebracht.

Klimawandel als Brandbeschleuniger

Hurrikan Melissa war nicht nur ein Naturereignis – er war ein Symptom. Die Wassertemperaturen im karibischen Meer lagen laut Satellitendaten 1,5 bis 2 Grad über dem langjährigen Mittel. Diese zusätzliche Wärme wirkt wie Treibstoff. Mit jeder Tonne CO₂, die in die Atmosphäre gelangt, steigt das Risiko, dass sich Stürme dieser Stärke bilden.

Forschende betonen, dass nicht die Zahl der Hurrikane zunimmt, sondern ihre Energie. Melissa setzte nach Schätzungen rund 10^17 Joule frei – mehr, als alle Kraftwerke der Welt in einem Jahr produzieren. Diese Energie entlädt sich in Wind, Regen und Sturmfluten – und trifft auf Infrastrukturen, die dafür nicht ausgelegt sind.

Zwischen Trümmern und Hoffnung

Trotz der Katastrophe zeigen die Menschen auf Jamaika bemerkenswerte Stärke. Über 15.000 Personen suchen derzeit Schutz in Notunterkünften. Hilfskräfte arbeiten rund um die Uhr, um Straßen freizuräumen und Stromleitungen zu reparieren.

„St. Elizabeth ist komplett unter Wasser“, sagte Desmond McKenzie vom Katastrophenrat. Dennoch ist Erleichterung spürbar: Der Sturm schwächt sich ab, zieht weiter Richtung Kuba und wird dort nur noch als Kategorie 3 erwartet. Sieben Todesopfer sind bislang bestätigt, weitere Verletzte werden versorgt.

 

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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