Risiken für Mensch und Umwelt 30.03.2026, 06:30 Uhr

Atom-Folgen: Allein der Abbau von Uran birgt weltweite Gefahr

Uran ist für die Produktion von Atomwaffen und den Betrieb von Kernkraftwerken unbedingt notwendig, doch seine Gewinnung birgt erhebliche Risiken für Mensch und Umwelt.

Abraumhalde des Uranabbaus in Namibia

Diese Halden im Westen Namibias weisen vorhandene Uranminen hin (Foto aus 2016).

Foto: picture alliance / zb / Reinhard Kaufhold

Am 10. März 2026 nannte Ursula von der Leyen auf dem Pariser Nukleargipfel Deutschlands vollzogenen Atomausstieg einen „strategischen Fehler“. Laut der EU-Kommissionspräsidentin hat die Bundesrepublik „einer zuverlässigen, bezahlbaren Quelle für emissionsarmen Strom den Rücken“ gekehrt. Entweder hatte sie bis dahin den wenige Tage zuvor veröffentlichten neuen Uran-Atlas noch nicht gelesen – oder bewusst ignoriert. Auf jeden Fall fehlt bei ihrer Atomkraftbewertung der Blick auf die Schäden, die dieses Schwermetall angerichtet hat oder anrichten kann.

Uranbergbau richtet gerade in Afrika Schäden an

Beispiel Niger: Bis 2024 haben 158.472 t Uran das Land verlassen. Auf den aktuellen Weltmarktpreis hochgerechnet, sind dafür fast 24,5 Mrd. $ geflossen. Doch trotzdem gehört Niger weiterhin zu den ärmsten Ländern der Welt. Gleichzeitig liegen 20 Mio. t radioaktiver Abraum offen und ungeschützt aufgetürmt rund um die Minen. Nachzulesen ist das im „Uranatlas“ 2026. Deshalb ist „die Hintergrundstrahlung 200-fach erhöht“. Zudem werde „auch die Lebensgrundlage der Tuareg in Niger durch den Abbau zerstört“. Gerade afrikanische Länder seien die Leidtragenden solch „strahlender Hinterlassenschaft“. Aber auch die Ureinwohner im größten Uranproduktionsland – Kanada – seien schwer betroffen. Sie wurden schlichtweg nicht über die Abbaugefahren aufgeklärt, wie Horst Hamm bei der Vorstellung des Berichts am 3. März berichtete.

Hamm ist geschäftsführender Vorstand der Nuclear Free Future Foundation (NFFF) und Projektleiter für die Erstellung des Uranatlas. Dieser wird als Kooperationsprojekt von NFFF, der Rosa-Luxemburg-Stiftung, der Umweltstiftung Greenpeace, dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), die NGO .ausgestrahlt sowie IPPNW (Internationalen Ärztinnen für die Verhütung des Atomkrieges/Ärztinnen in sozialer Verantwortung) herausgegeben. Nach 2019 und 2022 inzwischen in der dritten Auflage – und wiederum auf den neuesten Stand gebracht, wie Hamm ausdrücklich erklärt: „Ein Viertel ist geblieben, alles andere ist umgeschrieben und mit neuen Infos versehen.“

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Rosatoms Rolle in der globalen Wertschöpfungskette des Urans ist prominent

Völlig neu sei beispielsweise jener Abschnitt, der sich mit dem russischen Staatskonzern Rosatom beschäftigt. Die Firma treibe – über den Staatshaushalt finanziert – nicht nur weltweit den AKW-Ausbau massiv voran, sondern „schafft Abhängigkeiten beim Handel mit Uran und Brennelementen“. Zum Beweis nennt der Uranatlas die sechs Atomkraftwerke (AKW), die Rosatom in Russland baut, „doch außerhalb des Landes sind es fast dreimal so viel“. Ein anderer Aspekt: „Der Konzern kontrolliert 45 % der weltweiten Urananreicherung und 22 % der weltweiten Brennelementekapazität. Ohne Rosatom geht praktisch nichts auf dem weltweiten Atom- und Uranmarkt.“

Einen erheblichen Teil des Uranatlas nimmt der Zusammenhang zwischen friedlicher und militärischer Atomnutzung ein. In der Pressekonferenz zur Vorstellung der Neuauflage erklärte Hamm ausdrücklich: „Wer abgebrannte Brennelemente hat, kann damit eine Plutoniumbombe bauen. Neue Staaten können in den Besitz von Atomwaffen gelangen.“ Nicht nur für ihn, sondern für alle am Uranatlas Beteiligten steht jedenfalls fest: „Atomkraft hat immer das Potenzial für die Atombombe. Nahezu alle neuen Atomkraftwerke werden von oder in Atomwaffenstaaten gebaut. Das Bauen neuer AKW ist meist nur heiße Luft.“ Was zum Beispiel mit Blick auf China nachvollziehbar scheint: Dort werden so viele Erneuerbare-Energiesysteme neu installiert, dass es Atomkraft gar nicht mehr zur Stromerzeugung bräuchte.

Goldabbau macht Südafrika zum größten Uranproduzenten Afrikas

Im Atlas zu finden ist beispielsweise auch die Tatsache, dass seit 1952 in Südafrika Uran aus der Tiefe der Erde an die Oberfläche gefördert wird – wenn auch als Nebenprodukt von Goldminen. Das habe aber gereicht, „um Südafrika zum wichtigsten Uranproduzenten Afrikas zu machen“. Seit Beginn des südafrikanischen Goldrauschs in Johannesburg am Ende des 19. Jahrhunderts liege das Schwermetall in der ganzen Stadt als strahlender Abfall; andere Regionen kamen später dazu. Ignoriert werde offensichtlich bis heute die Gefahr, die von den Abraumbergen ausgeht. Denn schon zu Zeiten des Apartheid-Regimes wurde vielen „Arbeiter*innen mit verdächtigen Krankheitssymptomen ein letzter Monatslohn gegeben und sie wurden entlassen“.

Rohstoffressourcen in Afrika am Beispiel von Niger: Das Land gilt als viertgrößter Uranproduzent weltweit. Der Uranbergbau ist mit einem „U“ auf grünem Grund gekennzeichnet. Foto: picture alliance / Visually / Peter Hermes Furian

Doch nicht nur im Stammland, gerade auch im bis 1990 ebenfalls zu Südafrika zählenden Namibia, wird Uran abgebaut: über und unter Tage. Natürlich nicht für eigene, sondern für französische oder chinesische Konzerne. Das russische Staatsunternehmen Rosatom wiederum hat „Pläne, in Tansania eine Pilotaufbereitungsanlage am Mkuju-River zu bauen“. „Projekte wie diese sind für den russischen Staatskonzern auch ein geopolitisches Werkzeug.“

Uranabbau endete in Deutschland weitgehend mit der Wiedervereinigung

Auch in Deutschland gab es bekanntlich Uranabbau: Schon im Dritten Reich waren die Uranbergwerke im Erzgebirge gegründet worden – das Ziel war der Bau einer Atombombe. Später wurde in der DDR weiter nach Uran gegraben – wenn auch verbrämt unter dem Begriff „Wismut“. Doch in dieser Zeit sei der Uranbergbau ausdrücklich von der dortigen Strahlenschutzverordnung ausgenommen gewesen, erfährt man aus dem Uranatlas. Und auch: „Der Rohstoff ging fast 20 Jahre ausschließlich in das Atombombenprogramm der Sowjetunion.“

Mit dem Ende der DDR war zwar damit Schluss. Was jedoch kaum öffentlich wahrgenommen wird: „Die Hinterlassenschaft der Wismut wurde nach der deutsch-deutschen Vereinigung damit nicht dem Atomrecht der Bundesrepublik unterstellt, sondern dem Strahlenschutzrecht der DDR aus dem Jahr 1984. Ein einfacher gesetzgeberischer Trick reichte damit aus, um unzählige Milliarden bei der Sanierung einzusparen.“ Trotzdem: Während in Sachsen die Abraumhalden gesichert sind, wurden „die alten Goldhalden in Südafrika durchgesucht, weil dort mehr Uran drin ist als sonst irgendwo“: Diese Zusatzinformation gab Studienleiter Hamm in der Pressekonferenz preis.

Und dann gibt es laut dem Uranatlas-Projektleiter ja auch noch zwei ebenfalls völlig offene Atom-Kern-Punkte: „Das Wohin mit der bedrohlichen Ewigkeitslast Atommüll ist ungeklärt, Ausgang ungewiss. Und schauen wir nach Tschernobyl: Bis heute können die geschmolzenen Reaktorkerne nicht geborgen werden. Beides hätte nach Meinung der Atomindustrie nie passieren dürfen.“ Deshalb nannte Hamm die „Atomkraft, die gefährlich ist und bleibt, eine Verschwendung zweistelliger Milliardengelder“. Geht es aber nach Ursula von der Leyen, dann kommen wohl bei der Atomkraft noch einige Milliarden öffentlicher Gelder hinzu.

Ein Beitrag von:

  • Heinz Wraneschitz

    Freier Fachjournalist in der Metropolregion Nürnberg. Der Ingenieur für Elektrische Energietechnik arbeitet viele Jahre in der Industrie, u.a. Zentrumsleiter für ein herstellerunabhängiges Solarberatungsunternehmen. Seit 2005 ist er mit dem Redaktionsbüro bildtext.de hauptberuflich journalistisch tätig. Seine Themen sind Umwelt, Energie und Wirtschaft.

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