84 % der Städte zeigen nachts dasselbe Hitzemuster, was steckt dahinter?
Nächtliche Hitze ist in Städten ungleich verteilt. KIT-Forschende finden ein auffälliges Muster – andere Studien liefern Hinweise auf mögliche Ursachen.
Thermografie macht stark aufgeheizte Fassaden und Straßenflächen sichtbar. Wie warm die Luft für Menschen tatsächlich ist, lässt sich daraus jedoch nicht direkt ableiten.
Foto: picture alliance/KEYSTONE | GAETAN BALLY
Hitze verteilt sich innerhalb einer Stadt nicht gleichmäßig. Eine neue Studie des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) zeigt, wie deutlich die Unterschiede ausfallen können: In 84,2 % der untersuchten Städte war die nächtliche Luft dort signifikant wärmer, wo der Anteil von Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit höher war.
Warum gerade dort? Die Studie selbst beantwortet diese Frage nicht. Andere Untersuchungen liefern aber Hinweise auf einen möglichen Mechanismus: Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit leben häufiger in zentralen und weniger grünen Quartieren. Dichte Bebauung, wenig Vegetation und – je nach Viertel – ein hoher Versiegelungsgrad beeinflussen wiederum das Stadtklima.
Das ist noch kein Kausalbeweis. Der Befund lenkt den Blick aber auf einen Aspekt, der bei stadtweiten Durchschnittswerten leicht verloren geht: Nicht nur wie heiß eine Stadt wird, ist relevant, sondern auch, wo die Wärme nachts bleibt.
Wie extrem die Ausgangslage inzwischen werden kann, zeigte der Sommer 2026. Nach der Qualitätsprüfung der Messdaten liegt der deutsche Allzeitrekord nun bei 41,8 °C, gemessen am 27. Juni in Möckern-Drewitz in Sachsen-Anhalt. Für die Belastung in Städten ist allerdings mindestens ebenso wichtig, was nach Sonnenuntergang geschieht.
Inhaltsverzeichnis
- Warum Städte nachts Wärmeinseln bilden
- Auch Kaltluft kann nachts zur Abkühlung beitragen
- In 84,2 % der Städte zeigt sich nachts dasselbe Muster
- Das Ruhrgebiet liefert einen ersten Hinweis
- Bei der Temperatur wird das Bild uneinheitlich
- Weniger Grün – selbst innerhalb derselben Stadt
- Eine Modellrechnung macht die Größenordnung greifbar
- Die Lage innerhalb der Stadt spielt ebenfalls eine Rolle
- Eine plausible Erklärung, aber noch kein Kausalbeweis
- Satelliten und Thermometer zeigen nicht dasselbe
- Auch die Lufttemperatur allein reicht nicht
- Viel Asphalt, wenig Platz für Kühlung
- Schwammstadt: Regenwasser als Teil des Hitzeschutzes
- Stadtbäume: Die Stückzahl allein sagt wenig
- Aus Klimadaten müssen Planungshinweise werden
- Was Städte daraus ableiten können
- Fazit: Nicht jede Straße einer Stadt ist gleich heiß
Warum Städte nachts Wärmeinseln bilden
Stadtgebiete können insbesondere nachts wärmer bleiben als ihr weniger bebautes oder ländliches Umland. Fachleute sprechen vom städtischen Wärmeinseleffekt oder Urban Heat Island Effect.
Mehrere Prozesse wirken zusammen:
- Wärmespeicherung: Beton, Ziegel, Asphalt und andere Baustoffe nehmen tagsüber Energie auf und geben sie zeitversetzt wieder ab.
- Versiegelung: Auf befestigten Flächen steht weniger Wasser für Verdunstung zur Verfügung.
- Vegetation: Bäume verschatten Straßen und Fassaden. Pflanzen können zusätzlich durch Evapotranspiration kühlen.
- Stadtgeometrie: Gebäude beeinflussen Sonneneinstrahlung, langwellige Wärmeabstrahlung und Luftströmungen.
- Abwärme: Verkehr, Gebäude und technische Anlagen tragen zusätzliche Wärme in den Stadtraum ein.
Gerade nachts spielt die Geometrie eines Quartiers eine wichtige Rolle. In engen Straßenschluchten ist weniger freier Himmel sichtbar. Der sogenannte Sky View Factor beeinflusst unter anderem, wie gut Oberflächen langwellige Wärmestrahlung an den Himmel abgeben können.
Eine hohe bauliche Dichte ist dabei nicht automatisch ein Planungsfehler. Kompakte Städte ermöglichen kurze Wege und einen vergleichsweise geringen Flächenverbrauch. Problematisch wird Dichte vor allem dort, wo sie mit starker Versiegelung, wenig Vegetation und ungünstigen Bedingungen für die nächtliche Abkühlung zusammentrifft.
Auch Kaltluft kann nachts zur Abkühlung beitragen
Eine weitere Größe ist die Zufuhr kühlerer Luft aus Freiflächen oder dem Umland. Damit beschäftigt sich die im April 2026 erschienene VDI 3787 Blatt 5 „Umweltmeteorologie – Lokale Kaltluft“. Unter windschwachen und wolkenarmen Bedingungen kann lokal entstandene Kaltluft in Siedlungsbereiche strömen und dort die nächtliche Lufttemperatur senken.
Die Richtlinie beschreibt die physikalischen Grundlagen solcher Kaltluftprozesse und eine Methodik, mit der ihre Bedeutung für die Raum- und Umweltplanung abgeschätzt werden kann. Für die Stadtplanung stellen sich damit zwei Fragen: Wo entsteht Kaltluft – und auf welchen Wegen erreicht sie die Bebauung?
Gerade bei Nachverdichtungen entsteht ein Zielkonflikt. Zusätzliche Gebäude schaffen Wohnraum und können Flächenverbrauch am Stadtrand vermeiden. Je nach Lage und Gebäudegeometrie können sie aber auch lokale Strömungsverhältnisse verändern.
In 84,2 % der Städte zeigt sich nachts dasselbe Muster
Die neue KIT-Studie untersucht solche räumlichen Temperaturunterschiede deutschlandweit. Jayati Chawla, Philipp Keller und Susanne Benz analysierten Luft- und Landoberflächentemperaturen aller Landkreise und kreisfreien Städte. Verwendet wurden die Sommermonate der Jahre 2021 bis 2023, getrennt nach Tag und Nacht.
Um den zusätzlichen Temperatureffekt der Urbanisierung zu bestimmen, verglich das Team die Werte vor Ort mit topografisch ähnlichen ländlichen Gebieten in der Umgebung. Anschließend wurden die Ergebnisse mit Daten des Zensus 2022 verknüpft.
Betrachtet wurden drei Merkmale:
- der Anteil der Bevölkerung ohne deutsche Staatsangehörigkeit,
- der Anteil der Menschen ab 65 Jahren,
- die Miete pro Person als möglicher Indikator für den sozioökonomischen Status.
Am deutlichsten war der Zusammenhang bei der nächtlichen Lufttemperatur: In 84,2 % der untersuchten Städte war sie in Gebieten mit einem höheren Anteil von Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit signifikant wärmer.
Bei Menschen ab 65 Jahren zeigte sich ein anderes Muster. Gebiete mit einem höheren Anteil älterer Menschen waren im Mittel eher kühler. Für die Miete ergab sich kein eindeutiger Zusammenhang.
Das bedeutet allerdings nicht, dass ältere Menschen einem geringeren gesundheitlichen Hitzrisiko ausgesetzt sind. Die Studie untersucht hier die räumliche Exposition gegenüber höheren Temperaturen. Davon zu unterscheiden ist die Vulnerabilität – also beispielsweise, wie empfindlich ein Mensch gesundheitlich auf Hitze reagiert.
Was die 84,2 % nicht bedeuten
Die Zahl lässt sich leicht falsch verstehen. Sie sagt nicht, wie viel wärmer die betreffenden Viertel waren. Die 84,2 % beschreiben, in welchem Anteil der untersuchten Städte ein statistisch signifikanter Zusammenhang festgestellt wurde. Statistisch signifikant bedeutet ebenfalls nicht automatisch, dass ein Unterschied groß ist.
Und die Untersuchung weist keine Ursache nach. Das KIT betont, dass aus den Daten nicht hervorgeht, welche sozialen, wirtschaftlichen, historischen oder städtebaulichen Faktoren die Unterschiede verursachen. Andere Studien zeigen allerdings, welche Mechanismen dahinterstehen könnten.

Das Ruhrgebiet liefert einen ersten Hinweis
Eine Untersuchung der TU Dortmund aus dem Jahr 2023 analysierte 275 Stadtteile in acht Ruhrgebietsstädten. Betrachtet wurden:
- die Landoberflächentemperatur,
- die Vegetationsdichte,
- die soziale Struktur.
Als sozialen Indikator verwendeten die Forschenden den Anteil der Bevölkerung ohne deutsche Staatsangehörigkeit. In ihrem Datensatz korrelierte dieser stark mit dem SGB-II-Anteil. Das ist eine methodische Näherung und keine Gleichsetzung von Staatsangehörigkeit und sozialer Lage.
Bei der Vegetation zeigte sich ein bemerkenswert einheitliches Ergebnis: In allen acht Städten bestand ein negativer Zusammenhang zwischen dem Anteil der Bevölkerung ohne deutsche Staatsangehörigkeit und der Vegetationsdichte. Gleichzeitig galt: Je mehr Vegetation ein Quartier aufwies, desto niedriger war seine Landoberflächentemperatur.
Bei der Temperatur wird das Bild uneinheitlich
Beim direkten Vergleich von Bevölkerungsstruktur und Temperatur sah es anders aus. In Bochum, Bottrop und Gelsenkirchen war der Zusammenhang zwischen dem Anteil nichtdeutscher Bevölkerung und der Landoberflächentemperatur nicht statistisch signifikant. In anderen untersuchten Städten fiel er deutlicher aus.
Hinzu kommt eine methodische Grenze: Die Ruhrgebietsstudie betrachtet Landoberflächentemperaturen. Der besonders auffällige KIT-Befund betrifft dagegen die nächtliche Lufttemperatur.
Die ältere Studie erklärt die 84,2 % deshalb nicht. Sie zeigt aber, dass Bevölkerungsverteilung, Vegetation und thermische Eigenschaften von Quartieren räumlich miteinander zusammenhängen können.
Weniger Grün – selbst innerhalb derselben Stadt
Eine erheblich größere Untersuchung von Christian König vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung stützt einen Teil dieses Befunds. Analysiert wurden 243.607 städtische Nachbarschaften in Deutschland. Eine dieser kleinräumigen Einheiten umfasste im Mittel rund 65 Haushalte.
Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit lebten häufiger in Nachbarschaften mit weniger Grün und stärkerer Exposition gegenüber industrieller Luftverschmutzung.
Beim Stadtgrün blieb der Zusammenhang bestehen, nachdem unter anderem Einkommen, Alter und Haushaltsstruktur statistisch berücksichtigt worden waren. Er verschwand auch nicht, wenn nur Quartiere innerhalb derselben Stadt miteinander verglichen wurden.
Eine Modellrechnung macht die Größenordnung greifbar
In den grünsten Nachbarschaften derselben Stadt lag der vorhergesagte Anteil der Bevölkerung ohne deutsche Staatsangehörigkeit rund neun Prozentpunkte niedriger als in den am wenigsten grünen.
Das beweist noch nicht, dass fehlendes Grün die höheren nächtlichen Lufttemperaturen erklärt. Es zeigt aber, dass Stadtgrün innerhalb deutscher Städte sozialräumlich ungleich verteilt ist.
Wie wenig eine reine Baumzahl über den tatsächlichen Hitzeschutz aussagt, zeigt auch unser Beitrag „Viele Bäume, kaum Schatten: Was deutsche Städte beim Hitzeschutz übersehen“. Dort wird deutlich: Für die Wirkung zählen unter anderem Kronengröße, Standort und die Frage, ob Schatten tatsächlich dort entsteht, wo Menschen unterwegs sind.
Die Lage innerhalb der Stadt spielt ebenfalls eine Rolle
Eine 2026 veröffentlichte Studie von Christian König, Katja Salomo und Marcel Helbig untersuchte Umweltungleichheiten in 69 deutschen Agglomerationszentren. Analysiert wurden unter anderem Luftverschmutzung, Lärm und Grünflächen – keine Temperaturen.
Für die Hitze-Frage ist dennoch ein Befund interessant: Nicht allein das allgemeine Ausmaß sozialer oder ethnischer Segregation erklärte die Unterschiede zwischen den Städten besonders gut. Aussagekräftiger war, wie stark benachteiligte Bevölkerungsgruppen in dicht besiedelten, typischerweise zentralen Quartieren konzentriert waren.
Die Autoren verweisen auch auf historisch gewachsene Wohnstrukturen. Gerade in westdeutschen Städten fanden viele Zugewanderte seit den späten 1960er-Jahren zunächst vergleichsweise günstigen Wohnraum in älteren innerstädtischen Quartieren, während Teile der Mittelschicht stärker in suburbane Lagen zogen. Solche räumlichen Muster können sich lange halten, auch wenn sich einzelne Viertel inzwischen verändern.
Eine plausible Erklärung, aber noch kein Kausalbeweis
Die bisherigen Befunde sprechen damit für einen möglichen Mechanismus:
- Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit leben häufiger in zentralen und weniger grünen Quartieren.
- Zentrale Quartiere sind häufig dicht bebaut.
- Dichte Bebauung, wenig Vegetation und – je nach Quartier – starke Versiegelung beeinflussen Wärmeaufnahme und nächtliche Abkühlung.
Das passt zum KIT-Befund. Für einen Kausalnachweis müssten allerdings dieselben kleinräumigen Gebiete gleichzeitig anhand von Bebauungsdichte, Vegetation, Versiegelung, Gebäudegeometrie, Kaltluftversorgung und sozialen Faktoren analysiert werden.
Erst dann ließe sich bestimmen, welcher Anteil des beobachteten Zusammenhangs beispielsweise durch fehlendes Grün oder die Bebauungsstruktur erklärt werden kann.
Satelliten und Thermometer zeigen nicht dasselbe
Die KIT-Studie liefert noch eine zweite wichtige Erkenntnis: Eine heiße Oberfläche bedeutet nicht automatisch entsprechend heiße Luft. Satellitendaten können zeigen, wie stark sich Straßen, Dächer oder andere Oberflächen erwärmen. Die Lufttemperatur in etwa zwei Metern Höhe ist eine andere Messgröße.
Gerade nachts können dadurch unterschiedliche räumliche Muster entstehen. Das KIT stellte fest, dass Landoberflächen- und Lufttemperaturen soziale Unterschiede nicht immer an denselben Orten sichtbar machen.
Auch die Lufttemperatur allein reicht nicht
Allerdings ist auch die Lufttemperatur kein vollständiges Maß dafür, wie stark Hitze einen Menschen belastet. Genau hier setzt VDI 3787 Blatt 2 an. Die Richtlinie beschreibt Verfahren, mit denen komplexe thermische Umweltbedingungen auf Basis der Wärmebilanz des Menschen bewertet werden können.
Neben der Lufttemperatur spielen unter anderem weitere meteorologische Einflussgrößen eine Rolle:
- Strahlungsbedingungen,
- Wind,
- Luftfeuchtigkeit.
Zu den in VDI 3787 Blatt 2 beschriebenen Indizes gehören unter anderem die Physiologisch Äquivalente Temperatur (PET) und die Gefühlte Temperatur. Der VDI stellt dafür auch Rechenprogramme bereit; diese Programme selbst sind allerdings kein verbindlicher Bestandteil der Richtlinie.
Damit wird verständlich, warum zwei Orte bei derselben Lufttemperatur thermisch sehr unterschiedlich wirken können. Ein unverschatteter Platz mit aufgeheizten Fassaden belastet die menschliche Wärmebilanz anders als ein schattiger Standort.
Genau dieses Problem greift auch unser Fachbeitrag „Hitze-Check bewertet 190 Städte – jetzt kritisieren Forscher das Verfahren“ auf. Die Autoren kritisieren dort, dass ein Index aus Oberflächentemperatur, Versiegelung, Grünvolumen und Bevölkerungsdichte die menschliche Wärmebilanz nicht direkt abbildet.
Für die Planung folgt daraus: Eine Satellitenkarte mit heißen Oberflächen ist noch keine vollständige Karte der menschlichen Hitzebelastung.
Viel Asphalt, wenig Platz für Kühlung
Viele heutige Stadtstrukturen sind über Jahrzehnte entstanden. Ein wesentlicher Faktor war die starke Ausrichtung auf den Autoverkehr. Straßen wurden verbreitert, Kreuzungen aufgeweitet und große Flächen für Parkplätze reserviert. Damit entstanden versiegelte Flächen, auf denen kein Wasser versickert und nur begrenzt Vegetation Platz findet.
Die Lösung kann trotzdem nicht darin bestehen, Städte einfach weniger dicht zu bauen. Stadtplanung muss Bebauungsdichte, Mobilität, Grün, Wasser und Luftaustausch gemeinsam betrachten.
Gerade bei Nachverdichtungen entstehen Zielkonflikte: Zusätzlicher Wohnraum reduziert den Flächenverbrauch am Stadtrand, kann lokal aber Grünflächen, Versickerungsmöglichkeiten oder Luftströmungen unter Druck setzen.
Schwammstadt: Regenwasser als Teil des Hitzeschutzes
Auch beim Regenwasser hat sich das planerische Leitbild verändert. Niederschlag soll nicht mehr grundsätzlich möglichst schnell über die Kanalisation aus dem Quartier verschwinden. Beim Schwammstadt-Prinzip wird Wasser zurückgehalten, gespeichert, versickert oder für Vegetation verfügbar gemacht.
Das bringt mehrere Funktionen zusammen:
- Starkregenabflüsse können gedämpft werden.
- Wasser bleibt für Bäume und andere Pflanzen verfügbar.
- Verdunstung kann lokal zur Kühlung beitragen.
- Der natürliche Wasserhaushalt wird weniger stark verändert.
Welche technischen Lösungen dafür bereits eingesetzt werden, zeigt unser Fachbeitrag „Den Umgang mit Regenwasser neu denken“. Dort geht es unter anderem um Baumrigolen, dezentrale Speicher, Retentionsgründächer und Versickerung.
Auch Berlin testet neue Ansätze. Auf dem ehemaligen Flughafengelände Tegel werden regenwassergespeiste Verdunstungsbeete untersucht. Die Erkenntnisse sollen später in die Planung des Schumacher Quartiers einfließen.
Wie unterschiedlich Klimaanpassung auf Quartiersebene aussehen kann, zeigt außerdem „Fußballplatz heizt, Freizeitpark kühlt: So baut Berlin gegen die Hitze um“.
Stadtbäume: Die Stückzahl allein sagt wenig
Bäume sind ein wichtiges Element des sommerlichen Hitzeschutzes im Straßenraum. Sie verschatten Menschen und Oberflächen und können durch Verdunstung zusätzlich kühlen. Für ihre Wirkung zählt aber nicht nur die Anzahl. Relevant sind beispielsweise:
- Kronengröße,
- Standort,
- Verschattung von Gehwegen und Aufenthaltsflächen,
- Wurzelraum,
- Wasserangebot,
- langfristige Entwicklungsmöglichkeiten.
Ein junger Straßenbaum ersetzt thermisch deshalb nicht sofort einen großen Altbaum. Mehr Grün ist außerdem nicht unabhängig von der Umgebung automatisch besser. In engen Straßenschluchten kann Vegetation auch lokale Strömungen beeinflussen. Stadtklimaplanung muss daher Verschattung, Verdunstung und Durchlüftung gemeinsam bewerten.
Aus Klimadaten müssen Planungshinweise werden
Wo sich eine Stadt aufheizt, lässt sich inzwischen mit Messungen, Fernerkundung und Modellen sehr detailliert untersuchen. Für die Planung reicht eine Temperaturkarte allein aber nicht.
Der Entwurf VDI 3787 Blatt 1 „Umweltmeteorologie – Klima und Planung“ beschreibt, wie stadtklimatische Informationen erfasst, bewertet und für die räumliche Planung nutzbar gemacht werden können. Dazu gehören Messungen, Simulationsmodelle, Klimakarten und daraus abgeleitete Planungshinweise. Der Entwurf nennt ausdrücklich auch Klimaanpassungs- und Hitzeaktionspläne als Anwendungsfelder.
Für Kommunen ergeben sich daraus konkrete Fragen:
- Welche Quartiere bleiben nachts besonders warm?
- Wo entsteht Kaltluft und auf welchen Wegen gelangt sie in die Bebauung?
- Wo fehlen Schatten und Vegetation?
- Welche Flächen lassen sich entsiegeln?
- Wo leben besonders viele exponierte oder vulnerable Menschen?
Gerade der letzte Punkt ist wichtig: Ein besonders warmes Quartier ist nicht automatisch das Quartier mit dem höchsten gesundheitlichen Risiko. Dafür müssen Exposition und Vulnerabilität gemeinsam betrachtet werden.
Was Städte daraus ableiten können
Aus Forschung und Regelwerken lassen sich sechs zentrale Anforderungen ableiten:
- Hitze kleinräumig analysieren, statt nur stadtweite Mittelwerte zu betrachten.
- Oberflächentemperatur, Lufttemperatur und human-biometeorologische Belastung unterscheiden.
- Kaltluftentstehung und Strömungswege bei Neubau und Nachverdichtung berücksichtigen.
- Bestandsgrün erhalten und neues Grün gezielt dort schaffen, wo Verschattung und Kühlung benötigt werden.
- Regenwasser lokal bewirtschaften, damit es auch für Vegetation und Verdunstung zur Verfügung steht.
- Exposition und Vulnerabilität gemeinsam betrachten, bevor Quartiere und Maßnahmen priorisiert werden.
Auch auf Gebäudeebene endet der Hitzeschutz nicht. Fensterflächen, Sonnenschutz, Speichermassen und Nachtlüftung entscheiden mit darüber, wie stark sich Innenräume erwärmen. Mehr dazu lesen Sie in „Sommerlicher Wärmeschutz: Räume vor Hitze schützen“.
Fazit: Nicht jede Straße einer Stadt ist gleich heiß
Der neue deutsche Temperaturrekord von 41,8 °C zeigt, welche Spitzenwerte inzwischen auftreten können. Für Städte ist jedoch mindestens ebenso wichtig, wo die Wärme nach Sonnenuntergang bleibt. Das KIT findet in 84,2 % der untersuchten Städte höhere nächtliche Lufttemperaturen in Gebieten mit einem höheren Anteil von Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit.
Warum genau, ist bislang nicht nachgewiesen. Andere Untersuchungen liefern aber Hinweise auf einen plausiblen Mechanismus: Bevölkerungsgruppen wohnen unterschiedlich häufig in zentralen und weniger grünen Quartieren. Stadtstruktur und Vegetation beeinflussen wiederum das lokale Temperaturregime.
Die VDI-Regelwerke zeigen zugleich, wie differenziert Hitzeschutz geplant werden muss. Lokale Kaltluft kann für die nächtliche Abkühlung relevant sein. Eine einzelne Temperaturgröße beschreibt den menschlichen Hitzestress nicht vollständig. Und aus Klimadaten müssen räumliche Planungshinweise werden.
Die Frage lautet deshalb nicht nur, wie eine Stadt insgesamt kühler wird. Sondern in welchen Quartieren Maßnahmen den größten Nutzen bringen – und welche Maßnahmen dort tatsächlich wirken.
Quellen
- Karlsruher Institut für Technologie (KIT): Hitzeexposition in Städten unterscheidet sich zwischen Bevölkerungsgruppen, 25.08.2026.
- Environmental Research Letters: Jayati Chawla, Philipp Keller, Susanne Benz: Comparing land surface temperature and air temperature for assessing socio-demographic inequalities in urban heat exposure: evidence from Germany, 2026.
- Heliyon: Florian Klopfer, Antonia Pfeiffer: Determining spatial disparities and similarities regarding heat exposure, green provision, and social structure of urban areas, 2023.
- Urban Studies: Christian König: Neighbourhood structure and environmental quality: A fine-grained analysis of spatial inequalities in urban Germany, 2024.
- Urban Studies: Christian König, Katja Salomo, Marcel Helbig: Understanding variation in neighbourhood environmental inequalities, 2026.
- VDI: VDI 3787 Blatt 5 – Umweltmeteorologie: Lokale Kaltluft, April 2026.
- VDI: VDI 3787 Blatt 2 – Human-biometeorologische Bewertung der thermischen Komponente des Klimas, Juni 2022.
- VDI: VDI 3787 Blatt 1 – Klima und Planung, Entwurf November 2024.
Ein Beitrag von: