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350.000 Liter Öl: Das Rätsel um die Pipeline-Katastrophe in Brandenburg

12. Dezember 2025

350.000 Liter Öl: Das Rätsel um die Pipeline-Katastrophe in Brandenburg
Schwarzer Acker bei Gramzow: Bis zu 350.000 l Rohöl traten an der Schieberstation aus. Foto: picture alliance/dpa | Fabian Sommer
Bis zu 350.000 l Rohöl schießen in der Uckermark 20 m hoch in die Luft und verschmutzen eine Fläche von zwei Fußballfeldern. Was hat den Unfall verursacht?
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Es ist Mittwochnachmittag in der Uckermark. An einer Pumpstation bei Gramzow bereiten drei Mitarbeiter der PCK-Raffinerie einen routinemäßigen Sicherheitstest an der Pipeline Rostock–Schwedt vor.

Plötzlich lösen sich zwei Sicherungsbolzen an einer Schieberstation. Das Öl, das mit 20 bar durch die Leitung fließt, findet ein Ventil. Was folgt, ist die schwerste Öl-Havarie in Deutschland seit über drei Jahrzehnten.

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Inhaltsverzeichnis

Was genau ist passiert?

Es ist ein erschreckender Anblick: Zwischen 200.000 und 350.000 l Rohöl schießen bis zu 20 m hoch in die Luft und regnen auf einen Acker. Zwei der drei Arbeiter werden von der Ölfontäne übergossen. Sie bleiben unverletzt, müssen aber vom Rettungsdienst versorgt werden.

Erst Stunden später, gegen drei Uhr nachts, kann das Leck geschlossen werden. Da hat sich das Öl bereits auf 2 ha verteilt, einer Fläche von etwa zwei Fußballfeldern.

Rund 100 Feuerwehrleute und 25 PCK-Mitarbeiter sind vor Ort, fünf Saugwagen pumpen das Öl ab. Ölsperren verhindern ein Abfließen in die Welse, einen Nebenfluss der Oder. 20 bis 30 cm Erde werden abgetragen und zur Reinigung abtransportiert.

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Wie konnte das Öl so hoch schießen?

Für Ingenieure ist die Höhe der Fontäne keine Überraschung. Eine Faustformel aus der Hydraulik besagt: Ein Bar Druck entspricht etwa 10 m Wassersäule. Bei 20 bar könnte eine Wasserfontäne theoretisch 200 m hoch steigen.

Dass das Öl in Gramzow „nur“ 20 m erreichte, liegt an Reibungsverlusten, Verwirbelungen und seitlichem Entweichen der Energie. Die Kombination aus hohem Betriebsdruck und kleiner Leckage-Öffnung erzeugt einen Düseneffekt: Das Öl wird durch die enge Stelle gepresst und beschleunigt dabei massiv.

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Warum stand die Leitung unter Druck?

Das ist die zentrale Frage, die nun geklärt werden muss: Das Rätsel von Gramzow.

Der Kern des Unfalls liegt vermutlich in der Schieberstation. Schieberstationen regeln den Öldurchfluss: Der Absperrschieber kann die Leitung komplett stoppen oder freigeben. Das ermöglicht Wartungsarbeiten, ohne die gesamte Pipeline zu entleeren. Sicherungsbolzen fixieren dabei kritische Verbindungen. Lösen sie sich unter Druck, entweicht das Medium mit Wucht.

Bei Wartungsarbeiten wird der betroffene Abschnitt üblicherweise drucklos gemacht, um Unfälle auszuschließen. Warum das in Gramzow nicht geschah – oder nicht ausreichte –, ist unklar. Möglich wären menschliches Versagen, Materialermüdung, oder Verfahrensfehler.

Wie schlimm sind die Umweltschäden?

Darüber gehen die Einschätzungen auseinander.

Die optimistische Sicht – Feuerwehr:

Alexander Trenn, Feuerwehr-Abteilungsleiter und Gefahrstoffexperte, gab am Abend des Unfalls vorsichtige Entwarnung. Der Ackerboden sei durch den Regen sehr nass gewesen. Das Öl – leichter als Wasser – sei daher auf der Oberfläche geschwommen statt ins Erdreich einzudringen. Eine Grundwasserverunreinigung sei „zunächst unwahrscheinlich“.

Die skeptische Sicht – WWF:

„Öl enthält lösliche Stoffe, die sich in sandigen Böden wie der Uckermark schnell und unkontrolliert ausbreiten“, warnte Finn Viehberg, Leiter des WWF-Ostseebüros. Seine Prognose: „Die Grundwasser- und Bodenbelastung wird uns noch Jahre beschäftigen – mit Folgen für Landwirtschaft und Trinkwasser.“

Der Unglücksort liegt nur 30 km vom Nationalpark Unteres Odertal entfernt. Bodenproben sollen zeigen, ob tiefere Schichten betroffen sind.

Wann gab es zuletzt einen solchen Unfall?

Öl-Havarien dieser Größenordnung sind in Deutschland extrem selten. Die letzte vergleichbare Katastrophe liegt 32 Jahre zurück.

Weißenfels 1993

Die Erdölleitung von Schwedt nach Zeitz platzte bei Weißenfels in Sachsen-Anhalt auf etwa 2 m Länge. Die Ursache: Korrosion. Mehrere hunderttausend Liter Öl flossen in die Umgebung. Auf einer Seite der Autobahn 9 bildete sich ein 1.000 m² großer Ölsee.

Der entscheidende Unterschied zu Gramzow: 1993 versagte das Rohr durch Materialermüdung, die Armatur der PCK-Raffinerie versagte bei Wartungsarbeiten. Die Pipeline sei „nicht beschädigt“, betonte PCK-Geschäftsführer Ralf Schairer. Eine Wiederinbetriebnahme binnen ein bis zwei Tagen sei geplant.

Warum ist diese Pipeline so wichtig?

Die rund 200 km lange Leitung von Rostock nach Schwedt ist seit 2023 eine zentrale Versorgungsader. Das hat geopolitische Gründe.

Fast sechs Jahrzehnte lang bezog die PCK-Raffinerie ausschließlich russisches Öl über die „Druschba“-Pipeline. Die Raffinerie versorgt weite Teile Nordostdeutschlands und Berlin mit Benzin, Diesel, Heizöl und Kerosin, rund 10 % der bundesdeutschen Kapazität.

Nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine entschied die Bundesregierung 2022, auf russisches Pipeline-Öl zu verzichten. Seitdem läuft die Rostock-Schwedt-Leitung unter Volllast, obwohl sie vorher kaum ausgelastet war. Die Bundesregierung will sie für 400 Mio. € ertüchtigen, aber die EU-Genehmigung steht noch aus.

Die Havarie wirft Fragen auf: Ist die Infrastruktur dem erhöhten Durchsatz gewachsen? PCK betonte gegenüber der dpa, die Versorgung sei gesichert. Die Ölreserven reichten zur Überbrückung.

Was der Unfall zeigt

Umweltministerin Hanka Mittelstädt (SPD) zog eine gemischte Bilanz: „Es ist ein Umweltschaden entstanden, ohne Frage. Aber das Ausmaß wurde hier in Grenzen gehalten.“

Interessant ist, dass die Pipeline selbst hielt. Das Problem entstand erst bei den Wartungsarbeiten. Offen bleibt die zentrale Frage: Warum lösten sich die Sicherungsbolzen? Die Untersuchungen laufen.

Mit Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa)



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