Waldbrand im Hürtgenwald: Wie Weltkriegsmunition das Löschen erschwert
Im Hürtgenwald detoniert alte Weltkriegsmunition. Warum Feuerwehrleute nicht überall löschen können und Hubschrauber an technische Grenzen stoßen.
Rund 300 ha Wald sind im Hürtgenwald betroffen. Weltkriegsmunition verhindert den direkten Löschangriff und erschwert selbst den Einsatz aus der Luft.
Foto: picture alliance/dpa | Federico Gambarini
Ein extrem dynamischer Waldbrand hält die Einsatzkräfte im nordrhein-westfälischen Hürtgenwald in Atem: Was am Donnerstagnachmittag nahe Großhau und Gey auf rund 25 Hektar begann, hat sich rasch auf über 300 Hektar ausgeweitet. Der Ortsteil Gey musste evakuiert werden, der Krisenstab des Kreises Düren ist im Dauereinsatz.
Doch die eigentliche technologische und taktische Hürde liegt hier tief unter der Erde: Altlasten aus dem Zweiten Weltkrieg. Was das für die Feuerwehr bedeutet, wie gefährlich Wipfelfeuer technisch sind und warum selbst modernste Löschhubschrauber an physikalische Grenzen stoßen, habe ich für dich zusammengefasst.
Inhaltsverzeichnis
Waldbrand im Hürtgenwald: Das ist bisher bekannt
- Rund 300 ha Waldfläche sind von dem Brand betroffen.
- Der Ortsteil Gey wurde vollständig evakuiert.
- Zeitweise breitete sich das Feuer als Kronen- beziehungsweise Wipfelfeuer aus.
- Im Brandgebiet befindet sich noch Munition aus dem Zweiten Weltkrieg; während des Feuers kam es bereits zu Detonationen.
- Deshalb können Feuerwehrkräfte nicht in allen Bereichen mit Löschrucksäcken und Handwerkzeugen vorgehen.
- Löschhubschrauber, schwere Bundeswehrfahrzeuge und Forsttechnik unterstützen den Einsatz.
- Schneisen und Kontrolllinien sollen dem Feuer brennbares Material entziehen und seine Ausbreitung bremsen.
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Branddynamik: Was ein Wipfelfeuer so gefährlich macht
In der Nacht kämpften die Einsatzkräfte zeitweise gegen ein extremes Kronen- beziehungsweise Wipfelfeuer. Wer sich mit der Physik von Vegetationsbränden beschäftigt, weiß: Das ist der Worst Case.
- Bodenfeuer vs. Kronenfeuer: Beim normalen Bodenbrand brennen vor allem Unterholz, Laub und Gras. Greift das Feuer auf die Baumkronen über, können Brandausbreitungsgeschwindigkeit und Brandintensität erheblich zunehmen.
- Wind als Beschleuniger: Wechselnde Winde tragen die Flammen im Kronenbereich rasend schnell weiter. Die Feuerfront wird unberechenbar.
- Einschlussgefahr: Landrat Ralf Nolten berichtete, dass sich die Trupps in der Nacht zurückziehen mussten, um nicht von den Flammen abgeschnitten zu werden.
Das Munitions-Dilemma: Wenn der Waldboden zur Feuerfalle wird
Normalerweise basiert die klassische Vegetationsbrandbekämpfung auf dem direkten Bodenangriff: Einsatzkräfte rücken mit Löschrucksäcken direkt an die Flammenwurzel vor. Sie nutzen Feuerpatschen, Äxte und Spezialwerkzeuge, um Glutnester freizulegen, oder schlagen Wundstreifen bis auf den Mineralboden, um dem Feuer den Brennstoff zu entziehen.
Im Hürtgenwald befinden sich bis heute Kampfmittel aus dem Zweiten Weltkrieg im Boden. Welche Arten und Mengen innerhalb der aktuellen Brandfläche liegen, ist aus den veröffentlichten Angaben nicht ersichtlich. Fest steht: Während des aktuellen Feuers ist bereits Munition detoniert. Dadurch ist ein Einsatz von Feuerwehrleuten zu Fuß in belasteten Bereichen mit erheblichen Risiken verbunden.

Schneisen und schwere Fahrzeuge sollen die Ausbreitung bremsen
Um die Ausbreitung ohne Bodenpersonal an der Front zu stoppen, setzt die Einsatzleitung auf schwere Forsttechnik und militärisches Gerät.
- Schneisenschlagen: Zwei schwere Kettenfahrzeuge der Bundeswehr sowie Spezialmaschinen lokaler Forstunternehmen schlagen massive Schneisen in den Wald.
- Prinzip Brennstoffentzug: Über eine ausreichend breite, von Vegetation befreite Zone hinweg kann das Feuer mangels Nachschub gestoppt werden.
- Gepanzerter Schutz: Anders als herkömmliche Löschfahrzeuge bieten gepanzerte Räumfahrzeuge den Besatzungen Schutz vor Splitterwirkung und Detonationen. Der Deutsche Feuerwehrverband sieht bei Bränden auf Munitionsverdachtsflächen Bedarf an mehr geschützten beziehungsweise gepanzerten Fahrzeugen. Solche Fahrzeuge können Einsätze ermöglichen, bei denen ungeschützte Kräfte einem zu hohen Risiko ausgesetzt wären.
Das Problem dabei: Dreht der Wind und entsteht starker Funkenflug, können Glutpartikel diese Kontrolllinien schlicht überspringen.

Löschhubschrauber: Hoffnungsträger mit physikalischen Grenzen
Da der Bodenangriff ausfällt, liegt die Hauptlast auf der Luftunterstützung. Hubschrauber von Bundeswehr und Polizei nehmen Löschwasser aus nahen Talsperren und Speicherbecken auf. Doch die Brandbekämpfung aus der Luft ist kein Allheilmittel.
Physikalisches Dilemma beim Luftabwurf:
Auf Munitionsverdachtsflächen können große Sicherheitsabstände auch den Löscheinsatz aus der Luft einschränken. Nach Angaben des Deutschen Feuerwehrverbandes liegen die erforderlichen Flughöhen dort häufig über 500 m. Aus solchen Höhen sind Wasserabwürfe in der Regel kaum wirksam, weil sich der Wasserstrahl stark verteilt und ein Teil des Wassers verdunstet. Die konkret erforderliche Sicherheits- und Abwurfhöhe legt der zuständige Kampfmittelexperte fest.
Zudem gilt für das Kronendach:
- Abschirmung: Dichter Baumbewuchs fängt das Wasser ab, sodass kaum Feuchtigkeit an den eigentlichen Brandherd am Boden gelangt.
- Extremthermik: Der DFV warnt zudem vor Abwürfen auf Bäume im Vollbrand mit Flammenhöhen von mehr als 20 m. Aus einer für den Wasserabwurf wirksamen Höhe seien solche Einsätze für langsam fliegende Hubschrauber in der Regel zu gefährlich und wegen der hohen Brandintensität häufig wenig effektiv.
Fazit: Eine komplexe ingenieurtechnische Herausforderung
Der Brand im Hürtgenwald zeigt drastisch, wie historische Altlasten die moderne Gefahrenabwehr blockieren. Löschhubschrauber und Räumpanzer sind unverzichtbare Werkzeuge, um die Brandintensität zu dämpfen und das Feuer einzudämmen. Die endgültige Ablöschung von Glutnestern erfordert jedoch fast immer Handarbeit am Boden – und genau die wird durch die Altmunition im Waldboden zu einem unkalkulierbaren Risiko.
Quellen
- Kreis Düren: Aktuelle Informationen zum Waldbrand in Hürtgenwald-Gey
- WDR: Liveticker zum Waldbrand und zur Evakuierung von Gey
- ZDFheute/dpa: Weltkriegsmunition erschwert Löscharbeiten
- Deutscher Feuerwehrverband: Fachempfehlung zum Luftfahrzeugeinsatz bei Vegetationsbränden
- Landesfeuerwehrverband Brandenburg: Handbuch zur Vegetationsbrandbekämpfung
- Bundesarchiv: Einsatzkarten und Hintergrund zur Schlacht im Hürtgenwald
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