Nervenbrücke aus Chitin 17.10.2013, 14:16 Uhr

Stoff aus Krabbenpanzern hilft gerissenen Nerven zu wachsen

Mit Chitin aus den Panzern von Krabben lassen sich verletzte Nerven wieder verbinden. Sogenanntes Chitosan dient als Brücke, die durchtrennten Nerven hilft, wieder zusammen zu wachen. Bislang überbrücken Mediziner getrennte Nervenbahnen mit anderen Nerven aus dem Körper des Patienten.

Fangfrische Krabben auf einem Kutter vor Husum: Das Chitin im Panzer der Tiere ist offenbar ein optimaler Stoff, um kleine Brücken zu bauen, die durchtrennten Nerven helfen, wieder zusammen zu wachsen.

Fangfrische Krabben auf einem Kutter vor Husum: Das Chitin im Panzer der Tiere ist offenbar ein optimaler Stoff, um kleine Brücken zu bauen, die durchtrennten Nerven helfen, wieder zusammen zu wachsen.

Foto: Carsten Rehder/dpa

Verletzungen der Nerven sind gar nicht so selten: Bei Unfällen in Haushalt, Freizeit oder auch im Beruf werden häufig auch Nerven durchtrennt. Gefühllosigkeit und auch Lähmungen sind die Folgen, wenn die Nerven nicht wieder verbunden werden. Die entstandenen Lücken überbrücken Chirurgen normalerweise mit Nerven aus anderen Körperteilen. Sie einfach aneinander zu nähen, geht nur sehr selten. Das Problem dieser Standardtherapie: Für das Überbrücken müssen wiederum Nerven an anderen Körperstellen verletzt werden. Außerdem steht nur begrenzt Ersatzmaterial aus dem eigenen Körper zur Verfügung.

Die Herstellung künstlicher Nervenleitschienen ist deshalb schon länger ein Ziel der medizinischen Forschung. An diesen Schienen entlang sollen die Nerven dann wieder zusammenwachsen. Bisher war der Erfolg aber nur mäßig – die getesteten künstlichen Nerven konnten mit den natürlichen aus dem Körper des Patienten nicht mithalten.

Natürlich abbaubar und gut verträglich

Mehr Erfolg versprechen jetzt die Forschungen an Chitosan, das aus Chitin von Krabbenpanzern stammt. Die Wahl des Materials bergünden die Forscher damit, dass Chitosan biologisch hoch verträglich und auch noch natürlich im Körber abbaubar ist. Ein europaisches Forscherteam unter der Leitung von Claudia Grothe von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) ist es gelungen, aus Chitosan kleine Röhrchen herzustellen, die als Leitschienen für durchtrennte Nerven dienen.  

Drei Versionen der Chitosan-Röhrchen verglichen die Wissenschaftler in Tierversuchen mit der Standardtherapie. „Eine war besonders geeignet, die gewebliche und funktionelle Wiederherstellung verletzter peripherer Nerven in vergleichbarem Ausmaß zu unterstützen wie die Standardtherapie“, sagt Claudia Grothe. Besonders nützlich: Die Chitosan-Röhrchen bauen sich wieder ab, wenn die Nerven nachgewachsen sind. Sie sind „kollapsstabil“, erläutert Kirsten Haastert-Talini von der MHH gegenüber ingenieur.de. Das bedeutet, sie brechen während des biologischen Abbaus nicht zusammen – das war bei früheren Forschungen ein Problem. „Außerdem sind sie durchsichtig und damit für die Chirurgen gut zu verarbeiten“, so Haastert-Talini.

Was aussieht wie ein Plastikröhrchen, wurde aus Krabbenpanzern gewonnen. In diesem Chitosan-Röhrchen sollen gerissene Nerven wieder zusammenwachsen.

Was aussieht wie ein Plastikröhrchen, wurde aus Krabbenpanzern gewonnen. In diesem Chitosan-Röhrchen sollen gerissene Nerven wieder zusammenwachsen.

Quelle: Medovent

Weitere Forschung zur Füllung der Röhrchen

Die Chitosan-Röhrchen sind jetzt der Ausgangspunkt für weitere Forschungen. Derzeit arbeiten die Wissenschaftler an der Füllung der hohlen Röhrchen: Sie gestalten die Chitosan-Röhrchen dreidimensional mit Hydrogelen aus und reichern sie mit regenerationsfördernden Substanzen und gentechnisch veränderten Zellen an. Füllungen, die das Nachwachsen der gerissenen Nerven fördern, seien bereits in früheren Studien entwickelt worden, erläutert Haastert-Talini.

Sie gehören zum euopäischen Chitosan-Forscherteam: Kirsten Haastert-Talini (links) und Claudia Grothe.

Sie gehören zum euopäischen Chitosan-Forscherteam: Kirsten Haastert-Talini (links) und Claudia Grothe.

Quelle: MHH/Kaiser

Diese weiterentwickelten bioartifiziellen Nervenleitschienen wollen sie jetzt darauf untersuchen, ob sie auch bei schweren Verletzungen geeignet sind. Können die künstlichen Nerven längerstreckige, großflächige Nervendefekte erfolgreich überbrücken? Diese Frage wollen die Forscher beantworten. Im nächsten Jahr sollen die Chitosan-Röhrchen außerdem in klinischen Studien am Menschen getestet werden.

Die Forscher veröffentlichten die bisherigen Ergebnisse in der Fachzeitschrift „Biomaterials“. Die Forschungen zu den künstlichen Nervenleitschienen werden von der Europäischen Union gefördert: Bis 2015 stellt sie dafür insgesamt 5,9 Millionen Euro zur Verfügung.

Ein Beitrag von:

  • Andrea Ziech

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