Medizintechnik 02.07.2010, 19:47 Uhr

Plasma heilt Haut und Zähne

Plasma ist so etwas wie der Laser des 21. Jahrhunderts. Davon sind Forscher überzeugt. Schon heute werden damit Halbleiterstrukturen geätzt, Metallbauteile geschnitten und Brennstoffe auf einige Tausend Grad aufgeheizt, um eine energieliefernde Fusion nach dem Vorbild der Sonne in Gang zu bringen. Nun erobert sich das Plasma auch seinen Einsatz in der Medizin.

Die Anwendungen lassen ein brachiales Werkzeug vermuten. Das aber ist ein Irrtum: Seit wenigen Jahren gibt es neben Hochtemperaturplasmen auch kalte Plasmen, die mit 30 °C bis 40 °C ohne Verbrennungsgefahr auf den Menschen gerichtet werden können. „Das macht eine schonende Plasmamedizin überhaupt erst möglich“, erklärte Klaus-Dieter Weltmann, Physiker am Leibniz-Institut für Plasmaforschung und Technologie in Greifswald, gegenüber den VDI nachrichten.

Schon werden erste Plasmageneratoren in Nagelstudios eingesetzt. Das Plasma trifft wie ein warmer Wind auf die Nageloberfläche. Sie wird entfettet und ihre molekulare Oberflächenstruktur derart aktiviert, dass sie sich fester mit dem Lack verbindet. Die sonst übliche chemische Vorbehandlung entfällt.

Wolfgang Viöl, Physiker an der Göttinger Fachhochschule, und sein Sohn Christian Viöl sind die Väter des Verfahrens. Sie testeten das Plasma an Mutter und Schwester vor der Mani- und Pediküre. Die Göttinger Ausgründung Cinogy erprobt zurzeit ein entsprechendes Gerät in verschiedenen Nagelstudios.

Von der Kosmetik ausgehend könnte die Technik auf Arztpraxen übergreifen. „Der Einsatz des Plasmas ist ein Riesenthema. Klinische Anwendungen können folgen“, sagte Cinogy-Geschäftsführer Dirk Wandke. Das potenzielle Marktvolumen der Plasmatechnologie von Elektronik bis zur Kosmetik wird auf 500 Mrd. € weltweit beziffert.

Wie der Laser beruht auch das Plasma auf einem rein physikalischen Prinzip. Eine weißviolette Flamme tritt aus dem Generator aus, begleitet von einem leisen Sirren. Sie kann sowohl heiß als auch kalt sein sowie unterschiedlich lang und breit. Im Inneren des Gerätes wird ein Gas wie Helium oder Argon vollständig ionisiert und schießt als Strom geladener Teilchen heraus. Dies ist das eigentliche Werkzeug.

Schon länger ist bekannt, dass mit Plasmen Chirurgenbesteck wirksam desinfiziert werden kann. Das brachte den experimentierfreudigen Physiker Viöl auf die Idee, ein kaltes Plasma auch auf Mückenstiche oder kleine Hautentzündungen am Körper zu richten. „Der Juckreiz ließ nach“, erinnert er sich an die Selbstversuche. „Ein oder zwei Anwendungen genügten.“

Es sind solche Heilerfolge an einzelnen Personen, die sich häufen und die Hoffnungen auf eine hochpotente Plasmatherapie befeuern. In einigen Jahren werde sie in Praxen und Kliniken Einzug halten, erwartet Viöl. Denn Plasmen ließen bereits Warzen und Fußpilze verschwinden. Sie töten Krebszellen in der Kulturschale ab.

Neurodermitiker befreiten die Gasentladungen vorübergehend vom quälenden Juckreiz. Mit einem Plasma-Jet entfernten Forscher des Leipziger Leibniz-Instituts und der Universitätsklinik des Saarlandes Kariesbakterien. Wurzelkanäle wurden erfolgreich desinfiziert. Wunden schlossen sich, nachdem immer wieder die weißviolette Flamme über die Verletzung strich.

Doch all das sind nur einzelne Heilversuche, warnt Dermatologe Jürgen Lademann von der Berliner Charité. Klaus-Dieter Weltmann wird deutlicher: „Eine klipp und klare Absage an all die Scharlatane, die sich da im Internet tummeln und jetzt schon potenzielle Anwendungen in der Medizin versprechen.“

Klinische Studien fehlen bislang. Die einzige Phase-II-Studie, die weltweit durchgeführt wurde, wird deshalb gerne als Flaggschiff des Forschungszweigs vorgeführt. René Pompl vom Max-Planck-Institut für Extraterrestrische Physik in Garching untersuchte mit dem Dermatologen Wilhelm Stolz von der Klinik für Dermatologie, Allergologie und Umweltmedizin des Klinikum in Schwabing die Wirkung des Plasmas auf mehr 150 Patienten mit offenen Wunden. Ein bis zwei Mal am Tag strich die Plasmaflamme über die lädierte Haut, jeweils für 2 min bis 5 min. Die Zahl der Keime sank signifikant, so die Forscher. Sogar multiresistente Bakterien wurden beseitigt, da das Plasma im Unterschied zu Antibiotika nicht chemisch, sondern physikalisch wirkt. Die Teilnehmer vertrugen die Therapie nahezu ausnahmslos gut.

Wie gut tötet das Plasma tatsächlich Keime auf der menschlichen Haut? Dieser Frage geht nun auch Dermatologe Lademann in einer klinischen Studie mit Gesunden nach. Er vergleicht die Wirkung des neuen Instruments mit gebräuchlichen chemischen Desinfektionsmitteln, wie sie in Krankenhäusern zur Händedesinfektion verwendet werden. Aus Tests an Schweinehaut ahnt man, dass das Plasma den Chemikalien mindestens ebenbürtig ist. Die Ionenwolke dringt leichter in Nischen der Haut und in die Haarfollikel ein, in denen sich Bakterien und Pilze verstecken können, vermutet Lademann. Noch sind die Ergebnisse seiner Studie nicht veröffentlicht. Aber der Dermatologe sprüht vor Zuversicht. „Es sieht sehr gut aus. Wir sehen schon mit zehn Probanden einen eindeutigen Befund.“

Risiken der Plasmabehandlung sind noch abzuklären und die jeweils richtige Dosis zu ermitteln. Das Niedertemperaturplasma besteht aus einem Cocktail an Wirkfaktoren, so Weltmann: Aus UV-Strahlen, Radikalen, Licht, Temperatur und elektrischen Feldern sowie geladenen Teilchen. Die UV-Strahlung greift die Erbsubstanz von Bakterien an, Radikale ebenso. Die Temperatur regt die Durchblutung des Gewebes an. Alle drei zusammen können so das Abheilen von Wunden fördern. Aber wie alle sechs Komponenten zusammen wirken, ist nach wie vor unklar. S. DONNER

Ein Beitrag von:

  • Susanne Donner

    Susanne Donner ist studierte Chemikerin und schreibt als Wirtschaftsjournalistin über Technik- und Medizinthemen u.a für die Wirtschaftswoche, GEO, FAZ und ingenieur.de.

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