Medizintechnik 06.07.2001, 17:30 Uhr

Gummipuppe mit Innenleben

Dass frisch gebackene Medi­ziner mit ihrem Stethoskop gleich heraushören, ob sich bei einem Patienten eine Angina Pectoris anbahnt, dürfte eher unwahrscheinlich sein – zu ähnlich sind sich oft „kranke“ und „gesunde“ Herztöne. An der Universität Göttingen werden deshalb seit kurzem angehende Mediziner an einem Simulator trainiert.

Spätestens beim dritten Mal sagen in aller Regel unsere angehenden Ärzte, dass sie jetzt den Unterschied hören“, hat Christiane Hennecke vom Referat Lehre am Fachbereich Humanmedizin der Universität Göttingen festgestellt. Denn wer räumt schon gerne bei der Chefarztvisite am Krankenbett seine Unfähigkeit ein.

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Doch in der Realität wird allzu oft geschummelt. Dabei ist es eigentlich erstaunlich, was ein Arzt beim Abhören mit dem Stethoskop alles an Rasseln und Pfeifen zu hören bekommt. Grob lassen sich etwa 27 verschiedene Herzerkrankungen unterscheiden, von Herzklappendefekten über Herzmuskelerkrankungen bis hin zu Herzrhythmusstörungen. Bei letzteren ist offensichtlich, dass es einiges zu lauschen gibt: Bei der Tachykardie etwa schlägt das Herz zu schnell. Der Puls steigt auf über 100 Schläge pro Minute. Die Bradykardie hingegen bedeutet ein zu langsames Schlagen des Herzens – unter 60 Schlägen in der Minute. Irgendwann im Laufe seines Lebens hat der Allgemeinmediziner dann genügend Menschen untersucht, um das jeweils charakteristische Bumm-di-Bumm zu erkennen.

„So lange wollten wir unsere Mediziner eigentlich nicht warten lassen“, meint Hennecke. Deshalb liegt er nun also dort im neuen Lernstudio Herz-Kreislauf-Gefäße des Göttinger Klinikums: Harvey Cardialis. Der lebensgroße Torso mit den Glupschaugen und mit einer durchaus anfassbaren Gummihaut bildet die Schnittstelle nach außen über eine ausgeklügelte Feinmechanik, die ihn atmen lässt und an den richtigen Stellen für ganz unterschiedliche Pulsschläge sorgt.

Der Hightech-Patient simuliert nämlich Kardiopathien, wie die Mediziner sagen, und das äußerst realistisch. Dafür sorgt eine Batterie von exzentrischen Scheiben und Antriebsriemen, die bewirken, dass zum Beispiel am Hals der Puls oder unter den Rippen das Herz unterschiedlich klopft.

Der Simulator kann die verschiedenen Herzerkrankungen nachahmen und lässt bis zu 60 Studenten gleichzeitig unterschiedliche Herztöne und Geräusche hören. Außerdem können sie Puls und Herzbewegungen direkt an der Puppe ertasten.

„Harvey leistet einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung des Medizinstudiums und gibt außerdem neue Impulse für die ärztliche Aus- und Weiterbildung“, versichert Wissenschaftsminister Thomas Oppermann, der Ende April das Göttinger Lernzentrum eröffnete.

„Das bedeutet, es kommen nicht nur Studierende in unser Lernzentrum. Auch jeder niedergelassene Arzt etwa aus der Region Südniedersachsen hat die Möglichkeit, sich noch einmal richtig ‚einzuhören’ und sein Wissen an über 40 verschiedenen pathologischen und physiologischen Befunden zu überprüfen“, erläutert Christiane Hennecke, die das Konzept des Lernstudios erarbeitet hat.

Die „Herztöne“ werden dabei nicht echt abgehört. Entsprechend der zuvor eingestellten Herzkrankheit werden im Lautsprecher des „Abhörgeräts“ die passenden Töne aus dem Speicherchip abgerufen und gleichzeitig auf Funkkopfhörer übertragen.

Nur der Puls ist „echt“ dafür sorgt eben die Mechanik unter der Gummihaut. Bei der Darstellung der Diagnose helfen zusätzliche Daten wie EKG-Befund, Röntgenaufnahmen und Laborwerte des Kunstpatienten, die von einer CD-ROM auf jedem beliebigen Computer aufgerufen werden können.

Erfinder Harveys ist Prof. Michael Gordon, Direktor des Forschungszentrums für Medizinische Ausbildung an der University of Miami – School of Medicine. Die Anschaffungskosten belaufen sich auf immerhin rund 200 000 DM sie wurden aus dem Lehrpool des Bereichs Humanmedizin aufgebracht. Nachwuchsmediziner und Praktizierende wissen inzwischen die dezenten Klopf- und Rasselgeräusche des Torsos auf dem Krankenbett zu schätzen – „und die meisten heben erst einmal das Tuch in der Leistengegend hoch“, weiß Hennecke zu berichten. „Doch da ist nichts.“ Ab der Gürtellinie wurde auf die Simulation verzichtet. Der Diagnose tut das keinen Abbruch. ULRICH SCHMITZ

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