Spezialmatratze für Corona-Patienten 01.12.2020, 07:01 Uhr

Endlich Hilfe für Pflegepersonal: Der Wende-Taco bringt Entlastung

Gerade Covid-19-Patienten müssen regelmäßig gedreht werden, um die Atmung zu erleichtern. Das nimmt viel Zeit in Anspruch, kostet Kraft und bindet mehrere Fachkräfte. Die Entwicklung eines Schweizer Forscherteams könnte deutliche Erleichterung bringen – mit dem „Wende-Taco“.

Julian Ferchow hat mit einem 20-köpfigen Forscherteam ein Wendesystem für Patienten entwickelt. 
Foto: Julian Ferchow / pdz

Julian Ferchow hat mit einem 20-köpfigen Forscherteam ein Wendesystem für Patienten entwickelt.

Foto: Julian Ferchow / pdz

Bei Patienten mit Covid-19 kommt es bei der Behandlung unter anderem darauf an, sie zweimal täglich vom Rücken auf den Bauch und umgekehrt zu drehen. Der Hintergrund: Die Bauchlage verbessert die Durchblutung der Lunge und reduziert gleichzeitig die Atemnot. Sie gehört zu den schwerwiegendsten Symptomen und ist wohl der Hauptgrund dafür, warum so viele Patienten sterben. Die Umlagerung ist sehr kraftintensiv. Aktuell sind fünf Fachkräfte für einen Patienten nötig. Besonders schwierig wird es, wenn die Patienten übergewichtig sind. Da beim Drehen und Lagern größte Sorgfalt gefragt ist, muss dies von Fachkräften erledigt werden.

Julian Ferchow, Doktorand an der ETH Zürich, war von den Bildern aus Italien während der ersten Corona-Welle im Frühjahr so geschockt, dass er seine Doktorarbeit erst einmal zur Seite legte. Stattdessen entwickelte er innerhalb von vier Wochen mithilfe virtueller Tools und mit einem 20-köpfigen Team ein effektives Wendesystem namens „Proning Taco“, das Fachkräfte maßgeblich dabei unterstützt, Intensivpatienten, die an Covid-19 erkrankt sind, einfacher zu lagern.

Mit dem Wende-Taco reduziert sich der Einsatz von Fachpersonal

Laut Angaben des Wissenschaftlers sei das Wendesystem technisch simpel, dabei sehr effektiv und kostengünstig. Es sei so gefertigt, dass es die Patienten stabilisiert und eine Drehbewegung mit geringem Widerstand ermöglicht. Dabei setzen die Forscher auf Matratzen. Sie bestehen aus einem dünnen sogenannten visko-elastischen Schaumstoff. Dieses Material eignet sich besonders gut, da es bei der Lagerung Druckstellen reduziert. Darüber hinaus haben sie noch den Vorteil, dass sie sich ergonomisch anpassen. „Die Matratzengröße ist einheitlich und passt für alle Patienten“, erklärt Ferchow.

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Das neu entwickelte Wendesystem reduziert die notwendige Anzahl an Fachkräften auf drei. Es funktioniert folgendermaßen: Der Patient liegt auf einer Matratze. Dann wickeln zwei Pflegekräfte eine zweite um ihn herum – vergleichbar mit einem Sandwich oder eben einem Taco. Anschließend ziehen sie die Laschen, die an den Seiten angebracht sind, zu sich heran. Dadurch wenden sie den Patienten und dieser liegt nun bäuchlings auf der Matratze. Währenddessen überwacht ein Arzt den Patienten, damit es zu keinerlei Schwierigkeiten kommt.

Unternehmen OBA AG will Produktion übernehmen

Der Wissenschaftler hat den Prototypen bereits im Frühjahr entwickelt und getestet. Der weitere Weg wäre ein Antrag beim Patentamt gewesen. Doch darauf verzichtete Ferchow und stellte die Produktbeschreibung lieber ins Internet, damit sie jeder kostenlos nutzen kann. „Daraufhin meldeten sich auch Spitäler aus Asien bei mir“, sagt Ferchow. Es ist nicht ausgeschlossen, dass bald auch außerhalb der Schweiz Intensivpatienten, die an Covid-19 erkrankt sind, mit diesem Taco-Prinzip der Forschergruppe gedreht werden.

Ein Unternehmen aus Basel, die OBA AG, möchte den sogenannten „Wende-Taco“ nun im größeren Maßstab produzieren. Die OBA AG ist unter anderem spezialisiert auf Matratzen für Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen, hier vor allem auf Produkte für die sogenannte Dekubitus-Therapie, bei der es darum geht, Druckstellen zu behandeln, beziehungsweise ihnen vorzubeugen. Mitte November fanden am Universitätsklinikum Zürich erste Tests mit einem Vorserienprototypen statt. Es erfolgen nun noch leichte Anpassungen, anschließend will das Unternehmen Kliniken das neue Produkt anbieten.

„Wende-Taco“ entstand im Rahmen der Initiative „helpfulETH“

„Uns ging es von Anfang an nur darum, etwas zu bewirken und der Gesellschaft in der Pandemie zu helfen“, sagt Ferchow. Den gleichen Ansatz hat auch die Initiative „helpfulETH“, die von Mirko Meboldt ins Leben gerufen wurde. Die gemeinsame Forschungsinitiative von der ETH Zürich und der EPF Lausanne hat das Ziel, Produkte und Dienstleistungen zu entwickeln, die im Alltag Anwendung finden und damit Problemstellungen lösen, die durch die aktuelle Covid-19-Pandemie entstanden sind. Der Fokus liegt auf Ingenieursleistungen, von denen Patienten ebenso profitieren wie Ärzte und Pflegepersonal.

Julian Ferchow forscht eigentlich zur Produkt- und Prozessentwicklung im 3D-Druck. Sein fachliches und methodisches Know-how half ihm dabei, den „Wende-Taco“ zu entwickeln und dafür Kompetenzen aus seinem Forschungsbereich darauf zu übertragen. Bei der Konstruktion haben ihn Mediziner des Universitätsklinikums Zürich, Produktentwickler, Designer und Vertreter aus der Industrie unterstützt.

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Ein Beitrag von:

  • Nina Draese

    Nina Draese hat unter anderem für die dpa gearbeitet, die Presseabteilung von BMW, für die Autozeitung und den MAV-Verlag. Sie ist selbstständige Journalistin und gehört zum Team von Content Qualitäten. Ihre Themen: Automobil, Energie, Klima, KI, Technik, Umwelt.

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