Körperteile aus dem Labor 10.04.2014, 12:17 Uhr

Eine Nase aus Zucker, Salz und Stammzellen

Die Nachbildung einer Nase oder eines Ohrs war für Patienten bisher mit schmerzhaften Operationen verbunden, da die Struktur aus körpereigenen Knorpeln und Rippenstücken bestand. Das geht jetzt auch sanfter: Ein britisches Forscherteam hat eine Methode entwickelt, Körperteile vollständig im Labor zu züchten. Die Zutatenliste liest sich ein wenig wie ein Backrezept. 

Ein Ohr aus dem 3D-Drucker haben US-Forscher entwickelt.

Ein Ohr aus dem 3D-Drucker haben US-Forscher entwickelt.

Foto: Screenshot ingenieur.de

Aus dem Mund des federführenden Forschers klingt das Verfahren, eine Nase im Labor herzustellen, nahezu profan: „Das ist wie Kuchenbacken“ zitiert die Welt Alexander Seifalian, Wissenschaftler am University College in London. Seifalian züchtet mit seinen Mitarbeitern Körperteile wie Nasen, Ohren und Blutgefäße im Labor eines Londoner Krankenhauses. „Wir brauchen nur eine andere Form des Ofens“. Zum Rezept, das Seifalian zum Patent angemeldet hat, gehören Salz und Zucker – und Stammzellen.

Das neue Körperteil nimmt seinen Anfang in einer Glas-Form, die dem ursprünglichen Körperteil nachempfunden ist. Diese wird mit einem salz- und zuckerhaltigen Material in bienenwabenähnlicher Struktur ausgekleidet. Das so entstandene Gerüst besiedeln die Wissenschaftler mit Stammzellen, die sie dem Körperfett des Patienten entnehmen. In einer speziellen Nährlösung reift das Körperteil schließlich heran. Damit haben die Forscher eine deutlich schonendere Methode entwickelt, als fehlende Nasen und auch Ohren wie bisher aus Knorpelmaterial zu formen, das sie in schmerzhaften Operationen den Rippen des Patienten entnommen haben.

Warten auf grünes Licht der Behörden

In den Augen der Wissenschaftler steht das Verfahren inzwischen auf sicheren Füßen. Derzeit arbeiten sie an einer Nase für einen Briten, dessen Gesicht durch eine Krebserkrankung zerstört wurde. Bis sie die an ihre vorgesehene Stelle verpflanzen können, haben sie sie zunächst in den Arm des Empfängers implantiert. So erreichen sie, dass innerhalb von etwa drei Monaten Haut über das noch junge Fleisch wächst. Die Nase bleibt dort, bis die Behörden grünes Licht für die Verpflanzung geben.

Alexander Seifalian im Labor

Alexander Seifalian im Labor

Foto: UCL

Alexander Seifalian glaubt, dass sein Verfahren bald serienreif ist. „Eine Nase ist etwas, das wir eines Tages als Massenware wie in einer Fabrik produzieren können“, prophezeit der Wissenschaftler. Nasen seien gar nicht so individuell und persönlich, wie viele denken. „Wenn die Menschen nicht so wählerisch wären, könnten wir Nasen in verschiedenen Größen herstellen“, erklärt er.

Dann würden die Kosten auch dramatisch sinken. Rund zehn Millionen Pfund – umgerechnet gut zwölf Millionen Euro – hat die Forschungsarbeit nach Seifalians Schätzung seit 2005 bisher gekostet.

Zukünftig Körperteile für kleines Geld

Wenn es  nicht bei dem Einzelstück für den derzeitigen Patienten bleibt, könne der Preis für ein künstliches Körperteil aus Stammzellen irgendwann auf ein paar hundert Pfund sinken. Bei Nasen soll es zudem nicht bleiben: Auch Ohren und Blutgefäße stehen auf der To-do-Liste der Forscher. Unter Laborbedingungen hat das Team auch diese Körperteile bereits hergestellt. Wenn sie sich ebenfalls in der Praxis bewähren, ist der Schritt in Richtung ganzer Körperorgane die logische Folge. Die allerdings sind deutlich komplizierter als knorpelbasierte Nasen und Ohren, weil sie aus unterschiedlichen Gewebearten aufgebaut und von zahlreichen Blutgefäßen durchzogen sind. 

Von Judith Bexten

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