Porträt 12.11.2010, 19:50 Uhr

Ein Unternehmen, das Leidenschaft atmet

Kerstin Hamann (47) ist die Leidenschaft für ihren Beruf in jeder Sekunde anzumerken. Die Ingenieurin leitet die Sektion Softwareentwicklung bei der Lübecker Drägerwerk AG im Unternehmensbereich Medizintechnik und verantwortet die Applikationen und Algorithmen. 2010 wird das Unternehmen wohl das beste Jahr in seiner Geschichte feiern können. Diese Firmengeschichte ist traditionsreich.

Dräger ist ein Unternehmen, das in fünfter Generation von der Gründerfamilie geführt wird. Und das macht sich auf dem Werksgelände in Lübeck überall ein wenig bemerkbar. Der Global Player mit insgesamt 11 000 Beschäftigten weltweit und etwa 4000 am Standort Lübeck hat das Kunststück vollbracht, bodenständig zu bleiben, keine Anonymität auszustrahlen und gleichzeitig durch Innovationen auf dem Weltmarkt zu punkten.

In der alten Hansestadt, der Keimzelle des Unternehmens, bilden alte und neue Gebäude auf dem Werksgelände eine Symbiose für eine angenehme Arbeitsumgebung, alter Baumbestand säumt die Gehwege für die Mitarbeiter, der Ort atmet Historie und ist gleichzeitig Forschungs-und Entwicklungszentrum für technische Produkte in der Medizin- und Sicherheitstechnik, die auf der ganzen Welt zu finden sind.

Auch Kerstin Hamann mag diese Atmosphäre und das ihrer Ansicht nach sehr gute Betriebsklima. Als sie vor eineinhalb Jahren die Führungsaufgabe übernahm, wollte sie beim Kick-off-Meeting einen Baum pflanzen. Der Vorstandsvorsitzende Stefan Dräger spendete die Pflanze. Eine kleine Geste, die aber doch etwas über den Umgang miteinander aussagt.

Und noch etwas gefällt Kerstin Hamann neben ihrer abwechslungsreichen beruflichen Laufbahn: Als ihre Tochter, die kürzlich ein Betriebspraktikum bei Dräger absolvierte, noch klein war, konnte sie ihre Arbeitszeiten ihrer familiären Situation anpassen. Family-Service inklusive Beratung hinsichtlich der Betreuung von Kindern oder der Pflege und Unterbringung von Angehörigen der Mitarbeiter, das gehört bei Dräger nach Auskunft von Sabina Ufferheide, verantwortlich für die Arbeitgebermarke, mit dazu. Zudem gibt es einen Betriebskindergarten.

„Technik für das Leben“, so lautet ja eben auch das Credo des Unternehmens, das Johann Heinrich Dräger 1889 gründete und sich auf den Vertrieb und die Einrichtung von beispielsweise Bierzapfanlagen spezialisierte. Dräger war ein Tüftler. Seine bahnbrechende Erfindung war das „Lubeca-Ventil“, es ermöglichte erstmals, einer Hochdruckflasche exakt regulierbare Kohlensäure zu entnehmen, bei deutlich reduziertem Gewicht des Ventils.

Zehn Jahre später entdeckte der Sohn des Gründers das Potenzial eines Marktes, der um die Jahrhundertwende durch technische Neuerungen gerade erst entsteht: Die Anwendung von komprimiertem Sauerstoff für Medizin und Sicherheit.

Das Unternehmen setzt Maßstäbe in beiden Bereichen, in Amerika heißt beispielsweise die Grubenwehr seit 1907 „Draegermen“. Und Edmund Hillary ist auf den Mount Everest mit einem Sauerstoffgerät von Dräger gestiegen.

Kerstin Hamann hatte schon immer Interesse an Medizin, wollte sogar zeitweise Medizinerin werden. Sie entschied sich letztendlich doch für die technische Seite und studierte an der TU Illmenau technische und biomedizinische Kypernetik. 1991 kam sie zur Dräger Medical GmbH. Ihre Leidenschaft für Medizin hat sie sich erhalten, sie hat auch schon mal in Lübeck an einer Vorlesung über die Anatomie der Lunge teilgenommen. „Beim Sezieren bin ich allerdings herausgegangen“, lacht sie. ^

Zusammen mit ihren Kollegen arbeitet Hamann beispielsweise daran, dass Beatmungs- und Anästhesiegeräte einfacher bedienbar sind, ein Trend, der notwendig sei, weil die ständige Reizüberflutung durch viele Apparate und Monitore, mit denen Ärzte konfrontiert seien, auch dazu führen könnte, dass der Arzt Prioritäten nicht klar erkennen kann. „Smart Therapy“ heißt der Trend, es geht um ein vereinfachtes Interface, intelligente Applikationen und Algorithmen, „die dem Arzt viel abnehmen“.

Hamann ist auch heute noch im Labor, doch ihr Arbeitsalltag hat sich als Führungskraft verändert. Mitarbeitergespräche führen, die Technologieentwicklung verantworten und weiterentwickeln, gehört dazu. Ihr Team aus 14 Männern arbeitet eng mit der Grundlagenentwicklung zusammen an Forschungsprojekten, die später in die Produktentwicklung überführt werden sollen. Sie ist mitverantwortlich dafür, dass das reibungslos verläuft.

Die Ingenieurin setzt dabei stets auf das Team und das Potenzial ihrer Mitarbeiter. „Ich möchte für meine Mitarbeiter die Voraussetzung schaffen, dass sie gern arbeiten und gute Leistung bringen. Deshalb versuche ich immer spannende Projekte hereinzuholen. Aktionstage wie der „Ventilation Day“ sind ebenfalls auf ihr Engagement zurückzuführen. Hier treffen sich die Firmenexperten und auch Kunden. „Ein Kollege war übrigens sogar selbst einmal Beatmungspatient.“

Die agile Frau hat noch ein anderes Steckenpferd, das sie mit Erfolg im Unternehmen implementiert hat: Die agile Softwareentwicklung. „Bei der klassischen Entwicklung schreibt man beispielsweise ein Lastenheft, was das Produkt alles können muss, und reicht das dann bei der Softwareentwicklung ein. Dann arbeitet jede Entwicklung für sich und am Ende zeigen wir es dem Kunden. Leider ist es dann nicht immer das, was der Kunde erwartet hat – das geschriebene Wort lässt eben auch viel Interpretation zu. Die Zeit ist abgelaufen und das Produkt soll auf den Markt. In dieser späten Phase sind Änderungen oft sehr teuer. Bei der agilen Entwicklung arbeiten alle Fachleute zusammen, wir haben mehr Kontakt zum Kunden, die Zyklen sind kürzer, und wir haben eine schnelle Rückmeldung und können notfalls korrigieren. Wir treffen uns alle 14 Tage im Labor und begutachten die Ergebnisse. So werden Missverständnisse verhindert.“

Zunächst seien die Produktmanager nicht begeistert gewesen, denn ihr Workflow habe sich dadurch stark verändert, doch letztendlich hätten alle gesehen, welche Vorteile diese Form der Softwareentwicklung bringt.

„Softwareentwicklung ist ein kreativer Prozess, das kann man nicht am Fließband oder im stillen Kämmerlein“, sagt Hamann. Teamfähigkeit sei daher eine Grundvoraussetzung, um bei Dräger erfolgreich zu sein. Auch in ihrem Team wird zurzeit noch eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter gesucht. „Er oder sie sollte eine Affinität zu Algorithmen haben. Informatiker, Fachleute für Regelungstechnik oder Automatisierungstechnik, Absolventen der Medizitechnik, sie hätten gute Chancen. Noch ist sie eine der wenigen weiblichen Führungskräfte bei Dräger. Im Januar wird es aber auch eine Frau im Vorstand geben: Carla Kriwet wechselt dann von der Linde AG zur Drägerwerk AG. C. HANTROP

  • Claudia Hantrop

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