Gesundheit 28.10.2025, 18:00 Uhr

Blutzuckermesssysteme für Gesunde: Ist Monitoring sinnvoll?

Kontinuierliche Blutzuckermesssysteme sind für Menschen mit Diabetes oft unverzichtbar. Doch immer mehr Gesunde nutzen die Geräte, um ihren Zuckerspiegel zu überwachen und Schwankungen zu vermeiden. Experten vom Deutschen Diabetes-Zentrum erklären, warum das meist unnötig ist, welche Risiken es birgt und mit welchen Strategien man den Blutzucker auch ohne Technik im Gleichgewicht hält.

Ein Arm mit einem dauerhaften Blutzucker-Messsystem und einem Smartphone im Vordergrund.

Immer mehr gesunde Menschen greifen zu kontinuierlichen Blutzuckermesssystemen.

Foto: SmarterPix/AndreyPopov

Blutzuckermesssysteme – Segen für Diabetiker, Unsinn für Gesunde?

Kontinuierliche Blutzuckermesssysteme, kurz CGM, revolutionieren die Behandlung von Diabetes mellitus Typ 1. Ein Sensor unter der Haut überwacht den Glukosegehalt in der Gewebsflüssigkeit und überträgt die Messwerte an ein Empfangsgerät oder Smartphone. Manche Systeme steuern sogar automatisch eine Insulinpumpe an, um die Zufuhr des Hormons bei Bedarf anzupassen.

Für Patientinnen und Patienten mit insulinpflichtigem Diabetes sind CGM-Systeme ein wahrer Segen: Sie warnen frühzeitig vor drohenden Unter- oder Überzuckerungen, erleichtern die Abstimmung der Insulindosis und beugen somit gefährlichen Komplikationen vor. Doch brauchen auch stoffwechselgesunde Menschen solche High-Tech-Geräte, um ihren Blutzucker im Auge zu behalten?

Immer häufiger greifen Gesunde zu Blutzuckermesssystemen

Da CGM-Systeme rezeptfrei erhältlich sind, erfreuen sie sich wachsender Beliebtheit als Gesundheits-Gadget. Ziel ist es, den Blutzuckerspiegel zu überwachen und durch gezielte Ernährung möglichst konstant zu halten. Doch Kálmán Bódis, Oberarzt und stellvertretender Leiter des Klinischen Studienzentrums am Deutschen Diabetes-Zentrum (DDZ), gibt Entwarnung:

„Moderate Blutzuckerschwankungen sind bei Gesunden völlig normal und unbedenklich. Es gibt keine Belege, dass eine kontinuierliche Kontrolle für sie einen medizinischen Nutzen hätte.“ Stattdessen warnt der Experte vor möglichen Fehlinterpretationen: „Harmlose Ausschläge können plötzlich bedrohlich wirken. Das verleitet zu übertriebenen Diäten, Verboten und einer ungesunden Fixierung auf Essen und Messwerte.“

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Schwankungen sind Teil eines gesunden Stoffwechsels

Der Blutzuckerspiegel steigt, sobald die Kohlenhydrate aus der Nahrung während der Verdauung in Glukose zerlegt und ins Blut abgegeben werden. Die Bauchspeicheldrüse produziert daraufhin Insulin, damit der Zucker in die Zellen gelangt und dort als Energielieferant oder Speicher dient. Die Stärke und Dauer des Blutzuckeranstiegs variiert von Mensch zu Mensch.

„Selbst bei gleichen Mahlzeiten können die Blutzuckerkurven zweier gesunder Personen stark voneinander abweichen“, betont der DDZ-Experte. Einflussfaktoren seien unter anderem die Gene, die Darmflora, die Tageszeit sowie körperliche Aktivität und Stress. Das sei aber kein Krankheitszeichen, sondern spiegele die natürliche Individualität des Stoffwechsels wider.

Dennoch ist es sinnvoll, starke und häufige Blutzuckerausschläge zu vermeiden. Denn sie können akut zu Müdigkeit und Heißhungerattacken führen. Auf Dauer fördern sie zudem Erkrankungen wie Typ-2-Diabetes, Gefäßschäden oder Herz-Kreislauf-Leiden. Doch auch ohne Blutzuckermesssysteme lassen sich extreme Schwankungen eindämmen: nämlich durch ausgewogene Ernährung, regelmäßige Bewegung und eine alltagstaugliche Mahlzeitenstruktur.

Ballaststoffe und Eiweiß: Bausteine einer blutzuckerfreundlichen Ernährung

Julia Schweinitzer, Ernährungsexpertin und Diabetesberaterin am DDZ, empfiehlt das Tellermodell für eine ausgewogene Mahlzeitengestaltung: „Gemüse sollte die Hälfte des Tellers füllen, denn die enthaltenen Ballaststoffe verlangsamen die Aufnahme von Kohlenhydraten und bremsen so einen steilen Blutzuckeranstieg.“ Etwa ein Viertel der Portion sollten Eiweißlieferanten wie Fisch, Hülsenfrüchte oder mageres Fleisch ausmachen.

„Proteine fördern die Sättigung und können die Kohlenhydrataufnahme zusätzlich verzögern“, sagt die Ernährungswissenschaftlerin. Das restliche Viertel bleibt für kohlenhydrathaltige Beilagen wie Kartoffeln, Reis oder Nudeln, am besten als Vollkornvarianten. Auch Pseudocerealien wie Quinoa oder Buchweizen eignen sich. Hochwertige Fette aus Nüssen, Samen, Avocado oder Pflanzenölen runden das Gericht ab.

Blutzuckerfreundliches Frühstück – ohne Kontrolle durch Blutzuckermesssysteme

Auch beim Frühstück sollte man Kohlenhydrate (Vollkornbrot, Haferflocken), Eiweiß (Eier, Joghurt) und gesunde Fette (Nüsse, Olivenöl) kombinieren. Eine Portion Obst oder Gemüse wie Beeren, Gurke oder Paprika liefern zusätzliche Ballaststoffe und Vitamine. „Als Durstlöscher eignen sich Wasser, ungesüßter Tee oder Kaffee, während stark gezuckerte Getränke den Blutzucker in die Höhe treiben“, erklärt Schweinitzer.

Körperliche Aktivität ist ein weiterer Schlüssel für stabile Blutzuckerwerte. Denn Muskeln nehmen während und nach dem Training verstärkt Glukose auf. Schon ein Verdauungsspaziergang nach dem Essen kann Blutzuckerspitzen abfangen und Heißhungerattacken vorbeugen. Regelmäßige Bewegung im Alltag, Ausdauertraining und Kraftübungen sind ideale Blutzuckersenker – ganz ohne technische Hilfsmittel.

Blutzuckermesssysteme gehören in die Hand von Diabetikern, nicht von Gesunden

Kontinuierliche Blutzuckermesssysteme sind zweifellos ein Meilenstein für Menschen mit insulinpflichtigem Diabetes. Für Gesunde hingegen ist der Nutzen fragwürdig. „Statt ständiger Selbstüberwachung empfehle ich lieber einen gelassenen, genussvollen Umgang mit Essen“, resümiert Bódis vom DDZ. „Mit einer ausgewogenen, abwechslungsreichen Ernährung und regelmäßiger Bewegung hält man den Blutzucker auch ohne Technik im grünen Bereich.“

Für die meisten Menschen ohne Diabetes sind CGM-Systeme medizinisch unnötig und potenziell kontraproduktiv. Sie lenken die Aufmerksamkeit auf natürliche Schwankungen, die keinen Krankheitswert besitzen. Stattdessen ist es sinnvoller, auf eine nachhaltig gesunde Lebensweise mit ausgewogener Kost und viel Bewegung zu setzen. So lässt sich der Blutzucker im Gleichgewicht halten – ganz ohne digitale Hilfsmittel wie Blutzuckermesssysteme.

Ein Beitrag von:

  • Julia Klinkusch

    Julia Klinkusch ist seit 2008 selbstständige Journalistin und hat sich auf Wissenschafts- und Gesundheitsthemen spezialisiert. Seit 2010 gehört sie zum Team von Content Qualitäten. Ihre Themen: Klima, KI, Technik, Umwelt, Medizin/Medizintechnik.

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