Bluttest soll Risiken für Frühgeborene erkennbar machen
Ein metabolischer Index aus Fersenblut könnte anzeigen, ob Frühgeborene kurz nach der Geburt schwere Komplikationen entwickeln. Ein US-Team beschreibt die Basis des Ansatzes – und welche Hürden vor dem klinischen Einsatz noch bleiben.
Bei Neugeborenen wird standardmäßig Blut aus der Ferse abgenommen. Neue Parameter sollen Krankheitsrisiken einschätzen.
Foto: SmarterPix/Antonio_Gravante
Bluttest: Ansatz aus dem Routine-Screening
Ein metabolischer Gesundheitsindex, berechnet aus sechs Stoffwechselprodukten im Fersenblut, könnte künftig abschätzen, ob Frühgeborene in den ersten Lebenswochen schwere Komplikationen erwarten und intensivmedizinische Betreuung benötigen.
Vor allem Frühgeborene vor der 32. Gestationswoche stehen vor erheblichen Gesundheitsrisiken. Bronchopulmonale Dysplasie kann die noch unreifen Lungen schädigen. Intraventrikuläre Blutungen das empfindliche Gehirn der Babys bedrohen. Nekrotisierende Enterokolitis kann Darmentzündungen verursachen, die lebensgefährlich werden können und eine Frühgeborenen-Retinopathie kann die Sehkraft dauerhaft beeinträchtigen.
Je früher die Geburt erfolgt, desto größer sind diese Bedrohungen für Mädchen und Jungen gleichermaßen.
Frühgeborene: Zahlen in Deutschland
In Deutschland werden jährlich etwa 10.000 bis 12.000 Kinder vor der 32. Woche geboren, was rund 0,7 Prozent aller Geburten ausmacht. Laut Robert Koch-Institut (RKI) stieg die Rate leichter Frühgeburten seit 2010 um fünf Prozent, mit Fokus auf Risikogruppen wie Mehrlingsschwangerschaften.
Das Statistische Bundesamt meldet für 2024 insgesamt 15.000 Frühgeborene unter 37 Wochen, wobei Komplikationsraten bei 30 bis 40 Prozent liegen. Diese Zahlen unterstreichen die Relevanz prädiktiver Tests. Solche Werkzeuge könnten die Belastung neonatologischer Stationen reduzieren.
Insgesamt machen Frühgeborene acht bis zehn Prozent aller Neugeborenen aus, mit steigenden Intensivpflegekosten. Präventive Ansätze wie der beschriebene Index gewinnen daher an Dringlichkeit. Die Integration in nationale Screenings könnte Leben retten.
Frühes Risiko bleibt schwer einschätzbar – Bluttest als neuer Ansatz
Dabei gilt: Je früher ein Kind geboren wird, desto größer ist im Allgemeinen das Risiko. Im einzelnen Fall lässt sich jedoch bislang nicht sicher vorhersagen, welches Neugeborene oder welche Neugeborene tatsächlich eine schwere Komplikation entwickeln wird.
Genau an diesem Punkt setzt der neue Bluttest an. Untersucht wird eine Fersenblutprobe, die schon heute routinemäßig entnommen wird, um seltene Stoffwechselerkrankungen früh zu erkennen. Künftig könnten daraus zusätzlich Hinweise auf drohende Komplikationen gewonnen werden.
Studienaufbau: Bluttest mit großer Datenbasis
Das Forschungsteam um Nima Aghaeepour von der Stanford Universität in Palo Alto entwickelte das Verfahren zunächst anhand von 13.536 Blutproben aus der California State Biobank. Anschließend wurde der Ansatz in einer kanadischen Screening-Kohorte geprüft.
Für diese Validierung wurden 3.299 Neugeborene aus der Provinz Ontario einbezogen. Ziel war es, zu testen, ob die aus den Stoffwechselwerten berechnete Kennzahl auch in einer unabhängigen Gruppe zuverlässig mit späteren Komplikationen zusammenhängt.
Bluttest: Stoffwechselmarker plus klinische Daten
Die stärkste Vorhersage lieferte ein „Metabolic Health Index“. Er wurde aus bestimmten Acylcarnitinen sowie einem Quotienten aus den Aminosäuren Ornithin und Citrullin berechnet. Acylcarnitine dienen als Transportformen von Fettsäuren in Mitochondrien.
Kombiniert wurde der Index mit klinischen Angaben: Gestationsdauer, Geburtsgewicht, Geschlecht des Säuglings oder der Säuglingin sowie dem Apgar-Score. Als Maß für die Trennschärfe nutzte das Team die ROC-Kurve und AUC-Werte.
AUC-Werte und mögliche klinische Folgen
Die erreichten AUC-Werte lagen bei 0,888 für bronchopulmonale Dysplasie und bei 0,885 für intraventrikuläre Blutungen. Für nekrotisierende Enterokolitis wurden 0,880 berichtet, und für Frühgeborenen-Retinopathie 0,819.
Damit bleibt der Bluttest unter dem Idealwert 1,0, der eine sichere Vorhersage bedeuten würde. Dennoch könnte der Index helfen, Ärztinnen und Ärzte gezielter auf eine sich anbahnende Komplikation aufmerksam zu machen, noch bevor erste Symptome auftreten.
Nutzen des Bluttests in der Praxis
Im praktischen Ablauf wäre denkbar, dass Frühgeborene bei auffälligem Bluttest frühzeitig auf die Intensivstation verlegt werden. Das dortige Personal könnte dann schneller reagieren, wenn sich der Verdacht bestätigt und sich eine Komplikation tatsächlich entwickelt.
Da Fersenblutproben ohnehin in den ersten Stunden nach der Geburt entnommen werden, wäre der zusätzliche Aufwand begrenzt: nötig wären vor allem ein schneller Transport ins Labor und eine zeitnahe Auswertung. Vor der klinischen Einführung sind jedoch weitere Studien nötig.
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