Fernsehen 29.04.2011, 19:53 Uhr

3-D-TV mit Risiken und Nebenwirkungen

Zwischen 5 % und 15 % der Menschen – so vermuten Wissenschaftler – empfinden bei 3-D-Effekten im Kino und bei den neuen 3-D-Fernsehern keine Freude. Sie können diese Effekte schlichtweg nicht sehen. Doch es geht noch schlimmer: Einige Menschen reagieren mit heftigen Kopfschmerzen, manche sogar mit Übelkeit und Migräneattacken.

Für die Bitkom Akademie war es eine Thematik, die abseits des üblichen Mainstreams liegt: Neben Vorträgen zum Thema 3-D aus technologischer, industrieller und wirtschaftlicher Sicht ging es bei einem Workshop im Berliner Theseus Innovationszentrum des Fraunhofer HHI vor allem auch um gesundheitliche und psychologische Aspekte.

Peter Höh, ärztlicher Leiter des Karlsruher Augen-Laser-Zentrums und des Migräne-Kopfschmerz-Zentrums der Augenklinik Höh, blätterte die komplette Palette augenbedingter Kopfschmerzen auf – und zeigte Wege zu ihrer Therapie.

Höh ist seit 20 Jahren niedergelassener Augenarzt und hat vor 15 Jahren eine private Augenklinik gegründet, beschäftigt sich seit dieser Zeit mit Kopfschmerzen aller Art sowie den Ursachen ihrer Entstehung – egal ob Spannungskopfschmerz oder Migräne. Mit der einen oder anderen Tablette könne man symptomatisch was dagegen tun, doch entscheidender sei die Behandlung der Ursachen – auch um die Akzeptanz von 3-D zu erhöhen.

Laut Höh spielt das Auge eine zentrale Rolle bei der Schmerzentstehung. „Das Auge ist funktionell eng angebunden ans Gehirn und dessen Hauptdatenlieferant.“ 80 % aller Daten, die im Gehirn verarbeitet werden, würden bei Sehenden primär aus den Augen stammen. Andere Organe spielen demnach eine relativ untergeordnete Rolle.

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„Die beidäugige Betrachtung führt zu einer Tiefenwahrnehmung, und das ist ein Lernprozess. Jedes Auge hat einen gering abweichenden Winkel zu seinem Objekt. In der Ferne sind die Augen parallel, in der Nähe rücken sie zueinander. Und auch parallel wird ein Akkommodationsprozess aktiv, d. h. die Linsen stellen den Strahlengang auf die entsprechende Entfernung ein. All diese Fähigkeiten erlernen wir während der ersten Lebensjahre.“ Dazu würden zwei funktionierende Augen mit hoher Auflösung und Muskeln, die die Augen in die richtige Position drehen, benötigt. Wichtig ist auch das Sehzentrum im Gehirn, das diesen dreidimensionalen Eindruck wahrnehmen kann.

Ralf Schäfer vom Fraunhofer HHI sieht das Grundproblem der durch 3-D bedingten Kopfschmerzen darin, „dass Akkommodations- und Konvergenzebene nicht übereinstimmen“. Er meint damit, dass die Augen immer auf die Leinwand fokussieren, aber das dargestellte Objekt sich scheinbar davor befindet. „Das kann das Auge im gewissen Maße tolerieren, aber je übertriebener produziert wird und je stärker und häufiger die Effekte sind, desto mehr Stress gibt es für Auge und Gehirn. Das Gehirn muss ausgleichen. Der eine verträgt es mehr, der andere weniger. Da liegt das Problem.“ Ob das eines Tages durch Holografie gelöst wird, bleibt abzuwarten. Also sollten Produzenten einfach drauf achten, dass mit Stresseffekten relativ sparsam umgegangen wird.

Der Mechanismus, der in der Wirklichkeit die Räumlichkeit erkennen lässt, entspricht also nicht demjenigen, wie er beim 3-D-Film oder 3-D-Fernsehen genutzt wird. Die Augenmuskeln müssen sich auf diesen Prozess einstellen und das Gehirn übernimmt die Steuerung der Augen und die Verarbeitung der jeweils empfangenen Informationen. „Diese besondere Anstrengung kann bei Personen Kopfschmerzen und sogar Übelkeit verursachen, nämlich bei jenen Betroffenen, die eh eine Neigung dazu aufweisen, vor allem Menschen mit Kopfschmerz- und Migräneneigung“, erklärt Höh.

Ein weiterer Faktor, warum beim 3-D-Fernsehen Kopfschmerz entstehen kann: Das Muskelgleichgewicht und die Bewegungsaktivität der 6 Augenmuskeln können physiologisch in gewissen Grenzen beeinträchtigt sein und Blickbewegungen auf eine große Leinwand oder TV-Fläche mühsam gestalten. „Latentes Schielen kann in einer künstlichen Räumlichkeit leichter entgleisen und bisher ungewohnte Muskelstellungen provozieren – Kopfschmerzen und Übelkeit sind da nicht ausgeschlossen. Die Beweglichkeit der Augen lässt sich testen und bei Bedarf fördern“, so Höh. Kopfschmerzpatienten reagierten eben offenbar auf „3-D-Probleme“ besonders sensibel.

Ursachen für eine Störung des räumlichen Sehens gibt es viele, entsprechend gilt es, die Bedingungen, unter denen 3-D-Filme angesehen werden, zu optimieren. Dazu gehören die Verbesserung der Sehschärfe, die Reduktion von Blendquellen, die Optimierung des Muskelgleichgewichts der Augen und die Vermeidung zusätzlicher Irritationen der Augen.

Laut Höh können aber auch allgemeine Faktoren wie Blutdruck, mangelnde Durchblutung oder auch Grunderkrankungen wie Diabetes oder Kreislaufstörungen eine Rolle bei der Kopfschmerzentstehung spielen. Vor allem sollten Sehfehler, egal ob Weit-, Kurz-, Stabsichtigkeit oder Anisometropie (unterschiedliche Fehlsichtigkeiten), Schielen, trockene Augen (Sicca), Grauer Star, Makuladegeneration usw., frühzeitig erkannt und behandelt werden.

Nicht gut angepasste Brillen verursachen Druckstellen an der Nase oder hinter dem Ohr – weitere Punkte für Entstehung von Kopfschmerz. Und nicht nur für Kinder gilt: Wasser trinken. „Viele Kinder trinken nur Cola und Säfte, wodurch es zu einer Gefäßverengung, Durchblutungsstörung und chronischen Kopfschmerzen kommen kann.“ Andererseits gehen die wenigsten Mütter mit ihren Kindern zum Augenarzt. Dazu Höh: „Der Kinderarzt macht die Vorsorge, der Kinderarzt findet nichts, weil er kein Augenarzt ist, aber die Kinder haben ein Problem.“ Kinder haben zudem einen deutlich geringeren Augenabstand als Erwachsene, erleben 3-D besonders intensiv, was ebenfalls Ängste und Kopfschmerzen verursachen kann. Deshalb sollten entsprechende Warnhinweise nicht unbeachtet bleiben.

Wer Probleme beim 3-D-Erleben hat, sollte sich einem Check beim Augenarzt unterziehen. Zusammen mit einem guten Optiker können dann passende 3-D-Sehhilfen gefunden werden – bis hin zu individuellen Gleitsichtgläsern. Schließlich möchten Industrie und Handel in diesem Jahr hierzulande rund 1 Mio. 3-D-TV-Geräte absetzen, wie Jürgen Boyny vom Marktforschungsunternehmen GfK kürzlich während der IFA Global Press Conference in Spanien mitteilte.

Ein Beitrag von:

  • Rainer Bücken

    Freier Fachjournalist in Berlin. Seit über 40 Jahren widmet sich Rainer Bücken mit profunden Fachkenntnissen allen Themen rund um Medien, gewissermaßen von der Quelle bis zur Senke. So begleitete er die Einführung von HDTV in Deutschland von den Anfängen bis zum Regelbetrieb und blickt gespannt auf die Entwicklungen bei 4K sowie 8K. Dabei spielen die Digitalisierung der TV-Landschaft und die Einführung neuer Technologien in allen Stufen der Medienverbreitung, vor allem der Glasfasertechnik, zentrale Rollen. Rainer Bücken studierte Nachrichtentechnik der Ingenieurakademie der Deutschen Bundespost Berlin und anschließend Publizistik an der FU Berlin.

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