Startschuss für Milliardenprojekt 12.03.2026, 11:36 Uhr

KI braucht Strom: Microsoft startet Hyperscale-Projekt in NRW

Microsoft baut im Rheinischen Revier ein großes KI-Rechenzentrums-Cluster. Milliardenprojekt soll Cloud-Kapazitäten und digitale Infrastruktur stärken.

Agnes Heftberger, Vorsitzende der Geschäftsleitung von Microsoft Deutschland

Agnes Heftberger, Vorsitzende der Geschäftsleitung von Microsoft Deutschland, spricht bei einer Feier zum symbolischen Spatenstich für ein neues Microsoft-Rechenzentrum im Rheinischen Revier, in der Region sollen noch zwei weitere entstehen.

Foto: picture alliance/dpa | Wolf von Dewitz

Mit dem ersten Spatenstich in Bergheim beginnt der Bau eines großen Rechenzentrums-Clusters von Microsoft im Rheinischen Revier. Die Anlagen entstehen in Bergheim, Bedburg und Elsdorf und sollen künftig Cloud-Dienste und KI-Anwendungen für Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Verwaltung bereitstellen.

Für Nordrhein-Westfalen ist das Projekt ein wichtiger Baustein im Strukturwandel. Jahrzehntelang prägte der Braunkohleabbau die Region. Nun entsteht dort Infrastruktur für datenintensive Technologien.

Infrastruktur für datenintensive Anwendungen

Moderne Anwendungen der Künstlichen Intelligenz benötigen enorme Rechenleistung. Das Training großer Sprachmodelle, industrielle Simulationen oder die Analyse großer Datenmengen laufen meist auf spezialisierten Grafikprozessoren in großen Serverclustern.

Solche Systeme werden in sogenannten Hyperscale-Rechenzentren betrieben. Diese Anlagen bündeln tausende bis hunderttausende Server in mehreren Hallen. Die Rechenleistung wird anschließend über Cloud-Plattformen bereitgestellt. Microsoft sieht darin einen strategischen Schritt für den deutschen Markt.

Agnes Heftberger, Vorsitzende der Geschäftsführung von Microsoft Deutschland, sagte beim Spatenstich: „Heute ist ein großer Tag – für uns als Unternehmen genauso wie für unsere Kunden und Partner. Wir helfen mit, dass Deutschland Rechenzentrumsland wird.“

Die neuen Standorte sollen zusätzliche Cloud-Kapazitäten schaffen und die Nutzung von KI-Anwendungen erleichtern.

Strukturwandel im Rheinischen Revier

Politisch wird das Projekt eng mit dem Strukturwandel der ehemaligen Braunkohleregion verknüpft. Mit dem Kohleausstieg sucht das Rheinische Revier nach neuen industriellen Perspektiven.

NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst formulierte es so: „Mit dem Spatenstich für die Microsoft Hyperscaler-Rechenzentren beginnt im Rheinischen Revier die neue digitale Zeitrechnung.“

Auch Bundesdigitalminister Karsten Wildberger sieht darin ein Signal für den Standort Deutschland: „Wir freuen uns, dass internationale Top-Unternehmen wie Microsoft mit Milliardeninvestitionen in Deutschland bauen.“

Deutschland versucht derzeit, sich stärker als europäischer Standort für Cloud- und Rechenzentrumsinfrastruktur zu positionieren. Hintergrund ist der stark steigende Bedarf an Rechenleistung für KI, Datenanalyse und digitale Dienstleistungen.

Strombedarf und Netzinfrastruktur

Große Rechenzentren zählen zu den energieintensivsten Industrieanlagen der digitalen Wirtschaft. Ein Hyperscale-Campus kann Anschlussleistungen von mehreren hundert Megawatt benötigen – vergleichbar mit dem Strombedarf einer mittelgroßen Stadt.

Um diese Leistung bereitzustellen, baut der Netzbetreiber Westnetz in Bergheim eine neue Umspannanlage. Sie soll die Anlagen an das Hochspannungsnetz anbinden und ausreichend Kapazität für rechenintensive Anwendungen bereitstellen.

Der Vorstandsvorsitzende der Westenergie AG, Robert Denda, erklärte dazu: „Die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands hängt maßgeblich von starken Stromnetzen ab.“

Das Rheinische Revier gilt aus energiewirtschaftlicher Sicht als geeigneter Standort. In der Region existieren leistungsfähige Netzanschlüsse aus der Zeit der großen Braunkohlekraftwerke.

Kühlung ohne Verdunstungsverlust

Ein technisches Thema beim Bau moderner Rechenzentren ist die Kühlung der Server. Klassische Anlagen nutzen häufig Verdunstungskühlung, bei der große Mengen Wasser benötigt werden. Microsoft setzt bei den neuen Anlagen auf ein geschlossenes Kühlsystem. Dabei zirkuliert das Kühlwasser in einem geschlossenen Kreislauf. Verdunstungsverluste treten kaum auf.

Der Vorteil: Der Wasserverbrauch sinkt deutlich. Gleichzeitig lassen sich hohe Abwärmemengen aus Serverclustern effizient abführen. Mit steigender Leistungsdichte moderner KI-Hardware wird die Kühlung zunehmend zu einem entscheidenden Faktor im Rechenzentrumsdesign.

Ausbau erneuerbarer Energien

Auch die Stromversorgung spielt eine zentrale Rolle. Microsoft setzt weltweit auf Stromabnahmeverträge mit Betreibern erneuerbarer Energieanlagen.

Nach Angaben des Unternehmens wurde der globale Strombedarf 2025 bilanziell vollständig über solche Power Purchase Agreements (PPA) gedeckt. Seit 2020 hat Microsoft entsprechende Verträge mit einer Leistung von rund 40 GW abgeschlossen.

Diese Anlagen speisen zusätzliche erneuerbare Energie ins Stromnetz ein und sollen langfristig zur Dekarbonisierung beitragen.

Qualifizierung für die KI-Wirtschaft

Neben Infrastruktur investiert Microsoft auch in Bildungsprogramme rund um Künstliche Intelligenz. Ziel ist es, Fachkräfte auf neue Anforderungen in der digitalen Arbeitswelt vorzubereiten.

Ein Beispiel ist das Programm „KI-Skilling.NRW“, an dem bereits rund 10.000 Lehrkräfte teilgenommen haben. Langfristig sollen etwa 200.000 Lehrkräfte im Bundesland Grundlagenwissen über KI-Technologien erhalten.

Auch Auszubildende sollen künftig stärker einbezogen werden. Für sie plant das nordrhein-westfälische Arbeitsministerium neue Schulungsangebote zu KI-Kompetenzen. Eine Pilotphase startet im Frühjahr. Darüber hinaus haben Beschäftigte der nordrhein-westfälischen Finanzverwaltung entsprechende Onlinekurse bereits rund 25.000-mal gebucht.

Bedeutung für Industrie und Forschung

Für Unternehmen in Deutschland könnte der Ausbau lokaler Rechenzentren mehrere Vorteile bringen. Kürzere Datenwege reduzieren die Latenzzeiten bei Cloud-Anwendungen. Gleichzeitig können Firmen große Datenmengen schneller verarbeiten.

Mona Neubaur, Wirtschaftsministerin von Nordrhein-Westfalen, betonte beim Spatenstich: „Rechenzentren sind die Grundlage für Clouds, Daten und Künstliche Intelligenz – und damit auch für Innovation in Wirtschaft, Verwaltung und Gesellschaft.“

Vor allem Industrieunternehmen setzen zunehmend auf datenintensive Anwendungen. Dazu zählen digitale Zwillinge von Produktionsanlagen, Simulationen komplexer Prozesse oder KI-basierte Qualitätskontrollen.

Chancen und offene Fragen

Der Ausbau großer Rechenzentren wird jedoch auch kritisch diskutiert. Neben dem Strombedarf stehen Flächenverbrauch, Netzausbau und regionale Energiepreise im Fokus.

Ob sich das Rheinische Revier tatsächlich zu einem wichtigen Standort für digitale Infrastruktur entwickelt, hängt daher von mehreren Faktoren ab. Dazu zählen Energiepreise, Netzkapazitäten und die Verfügbarkeit qualifizierter Fachkräfte.

Mit dem Baustart in Bergheim beginnt nun ein Projekt, das den Wandel der Region deutlich sichtbar macht: vom traditionellen Energiestandort hin zu einem Zentrum der digitalen Infrastruktur.

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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