Neuartige Wasserstoff-Heizung: Wo sie Sinn macht – und wo nicht
In Offenbach läuft die weltweit erste katalytische H₂-Heizung. Hat die flammenlose Technik eine Zukunft?
Das laut Hyting erste katalytische Wasserstoff-Luftheizsystem weltweit soll Maßstäbe in der Heiztechnik setzen.
Foto: HYTING
Im hessischen Offenbach läuft seit Kurzem eine Heizung, die es so noch nie gab: Sie verbrennt keinen Brennstoff, braucht keinen Strom und stößt weder CO₂ noch Stickoxide aus. Ihr einziges Abfallprodukt ist Wasserdampf.
Das Wiesbadener Start-up Hyting hat die weltweit erste katalytische Wasserstoff-Heizung Anfang Februar bei dem Pumpenhersteller Flusys gestartet. Die Anlage liefert seitdem Wärme für dessen 1000 m³ großen Produktionsbereich – flammenlos, emissionsfrei und ohne brennbare Gasgemische.
Wie genau funktioniert das? Und kann die Technologie mehr sein als eine Nischenlösung?
Inhaltsverzeichnis
Warum Gewerbe und Industrie?
Hyting zielt nicht auf das Einfamilienhaus. Mit der Flusys GmbH steht die erste Heizung bei einem Unternehmen, das bereits Erfahrung im Umgang mit Wasserstoff hat. Die 10-kW-Einheit übernimmt dort die sogenannte Spitzenlast, also den zusätzlichen Wärmebedarf an besonders kalten Tagen oder bei hoher Auslastung.
Der Grund: Gewerbe- und Industriegebäude haben oft einen hohen Wärmebedarf, aber eine begrenzte elektrische Infrastruktur. Gleichzeitig wächst der Druck zur Dekarbonisierung. Eine rein elektrische Lösung – etwa über Wärmepumpen – stößt hier schnell an Grenzen, weil die nötigen Stromanschlüsse teuer oder schlicht nicht verfügbar sind. In diese Lücke will Hyting stoßen.
Das System lässt sich laut Hersteller mit jeder beliebigen Wärmequelle zu einem Hybridsystem kombinieren. In der Praxis bedeutet das: Die Wärmepumpe übernimmt die Grundlast, das Wasserstoff-System springt bei Spitzen ein. Hannig skizzierte im Interview ein Modell, bei dem die Wärmepumpe 85 % des Heizbedarfs abdeckt und die H₂-Heizung die restlichen 15 %. Der Vorteil: Die Wärmepumpe kann kleiner dimensioniert werden, der elektrische Anschluss muss nicht für den maximalen Leistungsbedarf ausgelegt sein. Das spart Kosten.
Wie funktioniert die flammenlose Heizung?
Das Prinzip: Wasserstoff wird mit Umgebungsluft gemischt, allerdings in einer Konzentration von nur 3 %. Das liegt unterhalb der sogenannten unteren Explosionsgrenze von 4 %. „Das Gasgemisch ließe sich also gar nicht anzünden, kann aber katalytisch reagieren“, erklärt Hyting-Gründer Tim Hannig im Gespräch mit dem Branchenportal H2News. Ein Katalysator regt dann die chemische Reaktion zwischen Wasserstoff und Sauerstoff an. Dabei entsteht flammenlose Wärme.
Weil die Temperaturen im Prozess deutlich niedriger sind als bei einer Verbrennung, entstehen auch keine Stickoxide oder Feinstaubpartikel. Das einzige Nebenprodukt ist Wasser in Form von Luftfeuchtigkeit.

Hyting-Gründer und CEO Tim Hannig vor der Wasserstoff-Heizung.
Foto: Hyting
Vom Prototypen zum Feldtest – mit Verzögerung
Der Weg vom Labor in die Praxis dauerte länger als geplant. Anfang 2025 hatte Hyting die ersten Kundeninstallationen angekündigt, nachdem der Ventilatoren- und Motorenbauer EBM-Papst als Entwicklungs- und Fertigungspartner eingestiegen war. Tatsächlich wurde es Februar 2026.
Dazwischen lag unter anderem ein 2500-Stunden-Dauerlauftest, der laut Hyting zehn Jahre Realbetrieb simulierte und ohne Ausfälle oder messbaren Verschleiß abgeschlossen wurde. Zudem hat das Unternehmen die Zertifizierung gemäß Gasgeräteverordnung erhalten. Die nächste Installation planen die Wiesbadener für das laufende erste Quartal 2026.
Die Gretchenfrage: Woher kommt der Wasserstoff?
Die größte Hürde für jede Wasserstoff-Heizung bleibt die Versorgung. Im Einfamilienhaus ist das auf absehbare Zeit unrealistisch, da es noch kein flächendeckendes Wasserstoffnetz gibt. Anders könnte es im industriellen Umfeld aussehen. Das Wasserstoffkernnetz befindet sich im Aufbau, und in Regionen wie dem Ruhrgebiet oder Hamburg existiert bereits eine lokale Infrastruktur. Zudem fällt in vielen Industriebetrieben Wasserstoff als Nebenprodukt an, etwa bei der Chloralkali-Elektrolyse.
Wie ist es bei Flusys? Hier wird der Wasserstoff von einem nahegelegenen Lieferanten bezogen. Hannig betont, dass der Reinheitsgrad dabei keine Rolle spiele: Anders als Brennstoffzellen, die hochreinen Wasserstoff benötigen, arbeite das katalytische System auch mit weniger aufbereitetem Gas.
Ein weiterer Use Case waren Logistikzentren mit großen Photovoltaikflächen, die im Sommer Überschussstrom per Elektrolyseur in Wasserstoff umwandeln und diesen im Winter für die Spitzenlastheizung nutzen. So ließe sich die saisonale Energielücke überbrücken, ohne den Stromanschluss aufzurüsten.

Die katalytische Wasserstoff-Heizung ist seit Anfang Februar im Betrieb.
Foto: Hyting
Nische oder Gamechanger?
Die ehrliche Antwort: vorerst eher Nische. Die katalytische Wasserstoff-Heizung wird auf absehbare Zeit weder die Gasheizung noch die Wärmepumpe ersetzen. Dafür ist die Infrastruktur zu spärlich, der Wasserstoff zu teuer, die Technologie zu wenig ausgereift.
Aber als Spitzenlast-Lösung für Gewerbe und Industrie, wo Wasserstoff bereits verfügbar ist und elektrische Leistungsgrenzen den Einsatz großer Wärmepumpen verhindern, ergibt der Ansatz Sinn. Hannig selbst ordnet sein Produkt nicht als Konkurrenz zur Wärmepumpe ein, sondern als Ergänzung. „Das ist eine sehr deutsche Sichtweise“, entgegnet er der häufig geäußerten Kritik, Wasserstoff habe im Wärmesektor nichts verloren. „Unsere Auffassung ist, dass wir Wasserstoff überall dort verwenden sollten, wo es besonders einfach ist, zu dekarbonisieren.“
Ob sich diese Auffassung durchsetzt, hängt demnach vor allem an den Rahmenbedingungen: am Wasserstoffpreis, am Netzausbau und der Bereitschaft von Politik und Versorgern, H₂-Wärme als Element der Wärmewende anzuerkennen. Die erste Anlage in Offenbach zeigt immerhin, dass das Konzept funktioniert.
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